Integrationsminister Stamp: „Die Herkunft bei jedem Delikt nennen“

Integrationsminister Stamp im Interview : „Die Herkunft bei jedem Delikt nennen“

Mit Videospielen hat Joachim Stamp (49, FDP), nicht sonderlich viel am Hut. Zwar hat er kurz vor diesem Gespräch mit Henning Rasche die Gamescom in Köln eröffnet, aber ihn interessieren eher die pädagogischen Formate, sagt er. Am Donnerstag diskutiert der Integrationsminister in Düsseldorf mit Bürgern über die Räumungen im Rheinbad. Das Thema treibt ihn um.

Herr Stamp, nach der dritten Räumung des Düsseldorfer Rheinbades gab es bundesweite Debatten. Sie diskutieren heute mit Bürgern in der angrenzenden Fußballarena darüber. Wieso?

Joachim Stamp: Wir konnten leider aus logistischen Gründen nicht ins Rheinbad. Wir möchten denjenigen, die solche Situationen im Schwimmbad mitbekommen haben, die Möglichkeit geben, darüber zu diskutieren. Uns ist es wichtig, dass wir Menschen ins Gespräch bringen und auch selbst hören, was sie bewegt. Wir möchten die Debatte versachlichen und versuchen, Vorurteile abzubauen. Eine grundlegende Frage ist ja: Wie wollen wir miteinander umgehen? Es gibt eine gestiegene Aggressivität auch gegenüber Rettungs- und Sanitätskräften sowie Polizisten, aber auch Bademeister bekommen das zu spüren. Darüber wollen wir sprechen.

Anfangs war von 50 bis 60 jungen Männern „nordafrikanischen Typus“ die Rede, von Tumulten, Randale und marodierenden Horden. Die Polizei hat schließlich die Personalien von zwei Leuten aufgenommen – das waren deutsche Staatsbürger. Wie kann so etwas passieren?

Stamp: Seit der Silvesternacht in Köln gibt es bei manchen die Wahrnehmung, dass Medien bestimmte Dinge nicht realistisch darstellen. Das hat teilweise zu einer Überreaktion geführt. Manche Dinge werden nun gelegentlich dramatisiert. Derjenige, der am schrillsten ist, wird in der öffentlichen Debatte häufig am stärksten wahrgenommen. Das ist nicht zukunftsweisend.

In Düsseldorf hat der Bäderchef eine Gruppe von 50 bis 60 Nordafrikanern als Täter benannt, was, wie wir heute wissen, falsch war. Hätten Sie sich gewünscht, dass der Bäderchef das nicht sagt?

Stamp: Den konkreten Fall kann ich nicht beurteilen, weil ich nicht dabei war. Wenn ich kritisiere, dass wir zu schrill übereinander sprechen, dann will ich auch selbst zurückhaltend mit meinen Urteilen sein. Wir müssen Probleme sachlich ansprechen. Es ist eine Gefahr für die offene Gesellschaft, wenn über Teile einer Gruppe pauschal geurteilt wird.

Sollte die Herkunft gar nicht genannt werden?

Stamp: Wenn, dann müsste man die Herkunft eigentlich bei jedem Delikt nennen, auch wenn es dann bizarr wird. Es gibt aber schon spezifische Delikte, die von einer bestimmten Tätergruppe aus bestimmten Ländern häufiger begangen werden als andere: etwa der Taschendiebstahl an Bahnhöfen. Das muss man klar benennen, damit das Problem auch behoben werden kann.

Was ist denn das Problem in Freibädern: die Pubertät, die Herkunft, die Hitze, die Gruppendynamik?

Stamp: Sämtliche Aspekte spielen eine Rolle. Das mag auch Jugendliche, die aus patriarchalischen Strukturen stammen, betreffen. Aber wir haben auch insgesamt eine gesellschaftliche Entwicklung, die rücksichtsloser wird. Das schwappt teilweise aus dem Internet in die Realität über.

Es gibt aber ein Problem mit jungen Männern aus dem Gebiet Nordafrika in NRW?

Stamp: Das ist nicht wegzudiskutieren. Das habe ich schon vor fünf oder sechs Jahren als einer der ersten angesprochen: Wenn wir das Thema nicht gezielt angehen, werden andere es instrumentalisieren. Wenn Sie sich mit alteingesessen Maghrebinern in Düsseldorf unterhalten, dann sagen die: die vermiesen uns unseren Ruf. Dieser spezifischen Gruppe muss man sich daher gezielt nähern.

Sie haben das gesellschaftliche Klima angesprochen. Wie ist das denn zu kitten?

Stamp: Mit den uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten versuchen wir das über den Dialog. Es muss aber auch eine nachvollziehbare Politik geben. Ich halte nichts davon, wenn Bundesinnenminister Horst Seehofer in Interviews ankündigt, wen er alles des Landes verweisen will, aber klar ist, dass das rechtlich gar nicht geht. Man gewinnt kein Terrain in der Auseinandersetzung mit Rechtspopulisten, wenn man Erwartungen schürt, die man selbst nicht halten kann. Im Bereich Einwanderung müssen wir Politik besser erklären, was etwa bestimmte Fachbegriffe angeht.

Wie kann die Atmosphäre in Freibädern beruhigt werden? In Kerpen gibt es eine Initiative, bei der Geflüchtete als Bademeister tätig sind. Wäre das ein Ansatz?

Stamp: Das ist eine ganz tolle Initiative, das unterstützen wir. Das hat eine gute integrative Wirkung. Auch in anderen Bereichen, wie bei der Polizei und der Feuerwehr, sollte sich unsere gesellschaftliche Entwicklung abbilden. Je selbstverständlicher das ist, dass jemand mit Einwanderungsgeschichte in den Sicherheitsbehörden tätig ist, desto besser wird das Zusammenleben.

Weil Geflüchtete eine höhere Autorität gegenüber bestimmten Gruppen mit Einwanderungsgeschichte haben?

Stamp: Sie haben für manche Situationen sicher ein anderes Empfinden und wirken dann möglicherweise auf bestimmte Gruppen auch anders ein.

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