Ingenieur Achim Kampker von der RWTH Aachen möchte die Erde retten

Zukunft kann sofort beginnen : Wie ein Aachener Ingenieur die Erde retten möchte

Das Modell, das Achim Kampker im Besprechungszimmer aufgebaut hat, stellt zunächst einmal nicht viel mehr dar als ein Mehrfamilienhaus mit ein paar Bäumen drauf, weiteren Bäumen drumherum und ein paar anderen kleinen Gebäuden, aber es ist ja auch nur ein erstes Modell, das vor ein paar Tagen aus dem 3D-Drucker in seinem Büro kam.

Das Modell ist ein Entwurf von Kampkers Traum, der seit zehn Jahren in ihm wächst, der immer weiter Kontur annimmt, und mit dem er vor allem die Erde retten will. Wenn Kampker von diesem Traum erzählt, spricht er davon mit großer Ernsthaftigkeit, mit Leidenschaft, obwohl er sonst eher ein sachlicher Typ ist, Ingenieur halt. Aber weil die Zeit drängt, „weil es fünf nach zwölf ist, vielleicht sogar schon zehn nach zwölf“, sagt Kampker: „Wir müssen jetzt einfach mal anfangen, das tue ich jetzt.“ Und plant nun die Stadt der Zukunft.

Achim Kampker (43), verheiratet und Vater von vier Kindern, ist Ingenieur und Professor an der RWTH Aachen, aber wie sich spätestens in den vergangenen Wochen herausgestellt hat, ist er das eigentlich nur in zweiter Linie. Er ist auch kein typischer Maschinenbauingenieur, der die Grenzen des technisch Machbaren ausloten möchte. Und obwohl er weltweit zu den wenigen Pionieren der E-Mobilität zählt, zeigt sich nun: Kampker möchte in erster Linie die gesellschaftliche Zukunft gestalten. Dass er damit im Rahmen seiner Möglichkeiten einen Beitrag zur Rettung der Erde leisten möchte, mag für Kritiker anmaßend klingen; doch Kampker meint es völlig ernst. Und so ist aus dem E-Mobilitätspionier nun ein Umweltschützer und vor allem eine Art Stadtplaner geworden.

Vor einigen Wochen hat Kampker den Verein „Ingenieure retten die Erde“ gegründet. Die Probleme dieses Jahrhunderts, allen voran der Klimawandel, seien durch Entwicklungen von Ingenieuren verursacht worden, sagt er. Der Arbeit von Ingenieuren habe eine klare Richtung gefehlt, etwa die, dass ihre Entwicklungen keinen negativen Einfluss auf das Klima haben dürfen. Es fehlte eine Art weltanschaulicher Überbau. Deswegen sei es nun an der Zeit, sagt Kampker, dass Ingenieure daran zu arbeiten beginnen, Mensch und Natur zu versöhnen. Das ist das primäre Ziel seines Vereins, aber bis dahin klingt es natürlich noch ein bisschen abstrakt.

„Die Gesellschaft hat lange genug über alles mögliche diskutiert. Jetzt müssen wir endlich beginnen, die Welt zu verändern“: Achim Kampker. Foto: Andreas Steindl

Kampker ist aber kein Mann fürs Abstrakte, er sieht sich als Mann der Tat. Sein Traum, den er seit zehn Jahren immer weitergedacht hat, ist deswegen konkret geworden: Er möchte Humanotope entwickeln und vor allem bauen. Humanotope sind Städte oder Stadtteile mit etwa 25.000 Einwohnern, innerhalb derer alles, was der Mensch zum Leben braucht, vorhanden ist und produziert wird. Alles wird nachhaltig, ökologisch einwandfrei und CO2-neutral hergestellt, auch die Energie und die Mobilität, die das Humanotop benötigt. In Dach- und anderen Gärten würde Gemüse gezogen, der nächste Landwirt wäre in unmittelbarer Nähe und würde sozusagen zum Humanotopwirt, es gäbe keine Stein-, sondern nur noch Naturgärten, die Artenvielfalt wäre beispielgebend.

Ein Humanotop ist ein Mikrokosmos, den sein Bewohner theoretisch nicht mehr zu verlassen braucht. In einem Humanotop würde der Begriff „Verkehrswende“ eine neue Dimension, vor allem aber eine andere Richtung erhalten, als die, die von Politik im Moment noch diskutiert wird. Evolution statt Revolution.

Ein wesentlicher Aspekt ist nämlich, die Abhängigkeit von individueller Mobilität zu beenden, zumindest weitgehend. Kindergärten und Schulen wären innerhalb eines Humanotops idealerweise fußläufig oder mit dem Fahrrad zu erreichen, ebenso wie der Arbeitsplatz, der Supermarkt, der Arzt, der Sportverein. Und in einem Humanotop würden soziale Unterschiede zwar nicht abgeschafft, aber zumindest aufgeweicht: Der Sozialhilfeempfänger wohnte neben dem Millionär, alle lebten in großen Mehrfamilienhäusern. Selbst der Multimillionär würde nicht mehr in einer Villa mit Park, Pool und Tennisplatz leben, sondern auf der Etage.

Was Kampker skizziert, ist nicht weniger als eine neue Welt.

Die Puzzleteile

Eine Besonderheit von Kampkers Traum ist, dass er sofort in die Tat umgesetzt werden kann. Alle notwendige Technik existiere, man brauche auf keine Entwicklung zu warten, um einfach mal beginnen zu können. Alle Puzzleteile seien vorhanden, man müsse sie lediglich zu einem großen Ganzen fügen.

Kampker sagt: „Die Gesellschaft hat lange genug über alles mögliche diskutiert. Jetzt müssen wir endlich damit beginnen, die Welt zu verändern.“

Bis zum Herbst möchte der Verein zwei Wettbewerbe ausschreiben: einen Ideenwettbewerb, in dem der Begriff „Humanotop“ weiter konkretisiert werden soll. Was wird im Humanotop gebraucht, was wird nicht gebraucht? Was ist möglich, was nicht? Und einen Wettbewerb, in dem sich interessierte Städte, Gemeinden und Landkreise mit konkreten Flächen bewerben können, die zum Humanotop umgebaut werden könnten.

Fünf Städte gibt es, die auch ohne die Ausschreibung schon auf den Verein zugekommen sind: eine kleine Stadt bei Stuttgart, eine im Ruhrgebiet, eine bei Erfurt, eine bei Leipzig und auch die Stadt Aachen. Kampker sagt, er habe mit Oberbürgermeister Marcel Philipp (CDU) die Möglichkeit erörtert, das alte Industriegebiet an der Jülicher Straße im Aachener Norden zum Humanotop umzubauen. Also die Flächen, auf denen früher Talbot, Garbe Lahmeyer und Krantz produzierten und wo auch der alte Schlachthof war. Das unselige Gewerbegebiet Avantis wäre eine weitere Möglichkeit.

Die Schwierigkeit an der Jülicher Straße und wohl auch in vielen anderen Städten ist, dass nicht einem Einzelnen alle Grundstücke gehören, sondern vielen. Kampker ist das völlig egal. „Die 100 Gründe, warum etwas nicht geht, kennt jeder Deutsche aus dem Effeff. Aber aufzustehen und einfach mal zu machen und ein Risiko für die nachfolgenden Generationen einzugehen, das tun zu wenige“, sagt Kampker. „Es reicht nicht, mit dem Finger auf andere zu zeigen und erst einmal zu warten, bis die etwas getan haben. Jeder muss selbst etwas tun, und zwar an dem Platz, an dem er steht.“

Ein Humanotop nach Kampkers Vorstellung zu bauen, würde mehrere Milliarden Euro kosten. Klar ist, dass es ohne Investoren nicht gehen wird, aber Kampker will einen Beitrag leisten: In den nächsten Wochen will er in seinem gemeinnützigen Verein ein Fundraising-Konzept entwickeln, mit dem öffentlich Geld gesammelt werden soll. Sozusagen als Grundkapital.

Utopisch oder visionär?

Wer nun denkt, dass Kampkers Traum eher eine Utopie und Kampker selbst ein weltfremder Spinner ist, sollte wissen, dass Kampker es war, der die E-Mobilität neu gedacht und marktfähig gemacht hat. Als die E-Mobilität in Deutschland während des vergangenen Jahrzehnts aufgrund von zu geringer Reichweite der Autos und zu hohen Kosten nicht recht vorankam, erkannte Kampker, damals Anfang 30, als Erster, dass man den Individualverkehr nicht gleich mit E-Autos würde ersetzen können. Stattdessen entwickelte er die Idee, E-Mobile zunächst nach den Bedürfnissen bestimmter Branchen zu bauen, die nicht auf lange Reichweiten angewiesen waren. Aus dieser Vision entstand 2009 sehr schnell die Streetscooter GmbH, die Kampker gemeinsam mit Günther Schuh gründete, der ebenfalls Professor an der RWTH ist. Streetscooter baute elektrische Lieferfahrzeuge vor allem für die Deutsche Post. 2014 dann verkauften Kampker und Schuh die Firma gewinnbringend an die Deutsche Post AG.

Wie gewinnbringend genau, wurde bislang nicht öffentlich, aber man kann wahrscheinlich davon ausgehen, dass Kampker finanziell einigermaßen unabhängig ist. Und man versteht, dass er Visionen ziemlich schnell in die Tat umsetzen kann.

In der gesellschaftlichen Debatte über den Klimawandel und seine Folgen wird immer wiederkehrend auch die Hoffnung artikuliert, dass es irgendwann schon technische Möglichkeiten geben werde, die es erlauben, gravierende soziale und ökonomische Einschnitte in den Ländern insbesondere des sogenannten Westens und den hochentwickelten Ländern in Ostasien zu vermeiden. Kampker will nicht ausschließen, dass es tatsächlich so kommen wird, aber er sagt: „Im Moment weiß ich es einfach nicht.“ Und deswegen will er sich auch nicht auf andere verlassen, sondern selbst vorangehen.

Dass die Richtung des Weges, die er mit der Vereinsgründung und seinen konkreten Plänen eingeschlagen hat, die nach derzeitigem Stand der Wissenschaft richtige ist, steht für ihn außer Frage, aber: „Ich habe keinen Anspruch auf die Wahrheit.“ Deswegen wolle er auf dem eingeschlagenen Weg „lernbereit bleiben“, um gegebenfalls Kurskorrekturen vornehmen zu können, wie immer sie aussehen mögen.

Vorbilder gesucht

Auch wenn sein Verein „Ingenieure retten die Erde“ heißt, ist jeder eingeladen, ihm beizutreten. Kampker möchte die Diskussion über Lebensformen der Zukunft auf eine möglichst breite, auch wissenschaftliche, Basis stellen. Es gibt im Prinzip nur eine Voraussetzung für die Vereinsmitgliedschaft, die allerdings ziemlich ungewöhnlich ist. Jeder, der dabei sein möchte, muss beruflich und privat eine Vorbildrolle bezüglich des Schutzes der Umwelt einnehmen. So steht es In Paragraf 7 der Vereinssatzung, die im Internet nachzulesen ist.

Weitere Infos im Internet unter: achimkampker.de