In Wesel hat sich ein Wölfin sesshaft gemacht

Tierisch : Wird NRW schon bald zum Wolfsland ernannt?

Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass im Kreis Wesel ein Wolf sesshaft geworden ist. Lässt sich dies über ein halbes Jahr mit Nachweisen belegen, muss NRW zum Wolfsland erklärt werden. Schon bald könnte es soweit sein.

Bleibt er oder geht er? Das sind die Fragen, die sich viele Menschen in und um Schermbeck-Gahlen im Kreis Wesel derzeit stellen. Gemeint ist der Wolf. Seit April sind in der Region immer wieder Schafe gerissen worden. DNA-Proben haben ergeben, dass es sich bei dem Übeltäter um eine Wölfin handelt – und zwar immer um dieselbe. Das hat möglicherweise Konsequenzen. „Lässt es sich über den Zeitraum eines halben Jahres bestätigen, dass ein Wolf in der Region sesshaft geworden ist, muss NRW vom Wolfserwartungsland zum Wolfsland hochgestuft werden“, sagt Gudrun Maxam vom Nabu-Landesfachausschuss Wolf. Schon bald könnte es also heißen: Der Wolf ist zurück in Nordrhein-Westfalen.

Seit 2009 gab es mehr als 40 Wolfsnachweise in NRW, durch DNA-Spuren, Daten von besenderten Exemplaren oder Fotos von Wildtier-Kameras. Niedergelassen hatte sich aber keiner der Räuber. Sobald Jungwölfe geschlechtsreif werden, wandern sie umher und legen dabei enorme Distanzen zurück, bis zu 70 Kilometer pro Tag. Irgendwann paaren sie sich und gründen ein Rudel. Laut Maxam lebten im Jahr 2017 wieder 73 Rudel und Paare in Deutschland, das entspricht rund 500 bis 700 Tieren. Zu Hause sind sie in Brandenburg, Sachsen, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Bayern – diese Bundesländer werden daher als Wolfsländer bezeichnet.

Noch aber ist es in NRW nicht so weit. Über die Entscheidung befindet das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv). „Wir brauchen aber noch mehr individualisierte Nachweise“, sagt Lanuv-Sprecher Wilhelm Deitermann. Wie viele dieser Nachweise am Ende benötigt werden, ist unklar; zudem müsse der Zeitrahmen für die Bestimmungen genau festgelegt werden. Unter anderem sei auch der Einsatz von Wildkameras geplant. Daran, dass ein Wolf in der Region unterwegs ist, bestehe jedoch kein Zweifel. Das Tier wurde erstmals im April anhand von DNA-Spuren identifiziert. Deitermann: „Wenn unsere Fachleute entsprechend entscheiden, erklären wir ein noch festzulegendes Gebiet zur Wolfsregion.“

NRW wäre damit offiziell Wolfsland. Das würde vor allem Veränderungen für Tierhalter mit sich bringen. Bisher gilt die Regelung, dass bei einem durch Wölfe nachgewiesenen Schaden, also etwa getöteten Schafen, das Land zahlt. Wird NRW zum Wolfsland hochgestuft, werden auch Vorsorgemaßnahmen bezuschusst. Dazu zählen etwa spezielle Zäune oder eigens ausgebildete Herdenschutzhunde.

Genau solche Unterstützungen fordern die Schafhalter. „Das Verfahren darf jetzt nicht Monate dauern, es muss schnell etwas passieren“, sagt Martin Tiemann, Schafzüchter aus Uedem (Kreis Kleve). Denn durch die Kosten für zusätzliche Sicherungsmaßnahmen seien die Existenzen der Schäfer bedroht. Für ihn sei es beispielsweise unmöglich, ausreichend Herdenschutzhunde anzuschaffen. Seine 250 Schafe sind auf sieben Herden verteilt, er bräuchte 14 Hunde. „Jeder Hund kostet 3000 bis 5000 Euro, dazu kommen laufende Kosten von 1000 Euro im Jahr“, rechnet Tiemann vor. Er könne sich noch nicht einmal zwei Hunde leisten.

Auch der Aufwand werde im Wolfsgebiet größer. Die Zäune müssten höher, die Bereiche mit Strom gesichert werden. Vor allem die kleinen Schäfer würden einen wertvollen Beitrag zur Arterhaltung leisten. Tiemann etwa hält drei vom Aussterben bedrohte Rassen. „Wenn die öffentliche Hand sagt, ich will, dass Tiere auf der Weide gehalten werden, und ich will den Wolf, dann beißt sich das.“

Zudem sind die Schafhalter unzufrieden mit dem Lanuv: „Unsere Hauptforderung ist, dass die Mauerei und Geheimniskrämerei aufhört.“ Die Information müsse schneller erfolgen. Es könne nicht sein, dass man erst 14 Tage später erfahre, wenn es einen Wolfsriss gegeben habe.

Die Nabu-Expertin geht noch einen Schritt weiter. „Es muss ein grundsätzliches Umdenken stattfinden“, sagt Maxam, „denn wir haben verlernt, mit einem Wildtier zu leben.“ Das gilt nicht nur für die Halter von Nutztieren, sondern für alle Bereiche, in denen Mensch und Kreatur aufeinandertreffen. „Wobei der Mensch keine Beute für den Wolf darstellt“, sagt Maxam. Dass die Räuber bei einem Spaziergang gesichtet werden, ist eher selten der Fall, meiden sie doch den Menschen. Dennoch kann es zu Aufeinandertreffen kommen. Der Nabu empfiehlt, respektvoll Abstand zu halten, die Tiere auf keinen Fall anzulocken, zu füttern oder anzufassen. „Werden sie bedrängt, beißen sie möglicherweise zu“, sagt Maxam. Auch sollten Hunde in Wolfsgebieten unbedingt angeleint sein.

Ob Nordrhein-Westfalen zum Wolfsland wird, könnte sich noch in diesem Jahr entscheiden, sagt Deitermann. Man wolle auch so schnell wie möglich den Weg frei machen für die entsprechenden Schutzmaßnahmen. Allerdings können sich die Voraussetzungen schnell wieder ändern. Deitermann: „Wenn der Wolf wieder verschwindet, wird NRW zum Wolfserwartungsland zurückgestuft.“

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