In Heinsberg regiert ein Dreigestirn mit Beistand von ganz oben

Heinsberg : Dreigestirn mit Beistand von ganz oben: Ein dreifaches Jesus Alaaf!

René Mertens spricht über die Session, die vielen außergewöhnlichen Begegnungen mit ganz gewöhnlichen Menschen und darüber, wie sehr ihn das alles berühre. Doch zunächst fällt es schwer, dem Inhalt seiner Worte zu folgen. Seine Stimme klingt nach einem ausgewachsenen Aschermittwochskater.

Dass Mertens kaum ein Pieps über die Lippen kommt, liegt an einem Virus. Aber von dem lasse er sich nicht stoppen. Der sei zwar hartnäckig. Aber das Antibiotikum werde helfen.

Karneval und Kirche: Der Sessionsorden zeigt das geistliche Dreigestirn vor dem Selfkantdom. Foto: Oliver Berg

Das geistliche Dreigestirn aus Heinsberg will den Höhepunkt der Session gemeinsam feiern: Propst Markus Bruns, Pfarrer Martin Jordan und Pfarrvikar René Mertens. Katholische und evangelische Gemeinde. Kirche und Karneval. All das wirkt in diesen Tagen in Heinsberg, als sei es unzertrennlich.

Prinz Markus, Bauer Martin und Jungfrau Reni sind drei „echte Pfaffen“ im närrischen Gewand, wie es in ihrer Inthronisationsrede etwas despektierlich geheißen hatte. Sie bilden das Dreigestirn im Heinsberger Karneval. Jesus Alaaf!

Dabei hat Mertens sich sicherlich den schwierigsten Part ausgesucht. Als Pfarrer in Frauenkleidern mit langen, blonden Zöpfen und rot geschminkten Lippen könnte er bei manchem Traditionalisten in der katholischen Kirche Anstoß erregen. Mertens sieht das aber nicht so eng. Das Ganze sei ja symbolisch gemeint. „Die Jungfrau steht dafür, dass man sich nicht verbiegen soll“, sagt Mertens. Und das sei doch etwas Positives.

Beim Thema Karneval weiß Mertens genau, wovon er spricht. Schließlich war er in der Session 2011/12 Heinsberger Stadtprinz. Proklamiert am 11.11.2011. Ein jeckeres Datum hat der Kalender nicht parat. Trotzdem ist seine Rolle doch einmal Thema beim höchsten Katholiken der Region gewesen, als Propst Bruns dem Aachener Bischof von den närrischen Plänen der Heinsberger Pfarrer erzählt.

Bischof Helmut Dieser hat nichts dagegen, gibt den katholischen Pfarrern aber einen Rat, sinngemäß: Guckt, dass ihr Euch nicht zur Lachnummer macht. Alles sollte in angemessenem Rahmen über die Bühne gehen — vor allem mit Blick auf die Jungfrau. Um Erlaubnis fragen musste Bruns den Bischof nicht. „Wir machen das ja in unserer Freizeit“, sagt Prinz Markus.

Am vergangenen Sonntag kreuzen sich die beruflichen und karnevalistischen Wege des geistlichen Dreigestirns dann aber doch. Die Kirche St. Gangolf, die die Heinsberger liebevoll Selfkantdom nennen, ist an diesem Vormittag so voll wie selten. Es ist kaum noch ein Stehplatz zu haben. Ein Parkplatz in der Nähe des Burgbergs, auf dem die Kirche steht, sowieso nicht. Es ist eben keine gewöhnliche Messe. Zwischen Männern und Frauen in langen, dunklen Mänteln sitzen Indianer und Marienkäfer. Mancher kommt im roten Sakko, und den Hut mit den silberfarbenen Pailletten hat der ältere Herr ausnahmsweise nicht abgesetzt, obwohl er sich in einer Kirche befindet.

Propst Bruns, Pfarrvikar Mertens und Pfarrer Jordan stehen nicht an der Kanzel, sie sitzen auf einer Bank, so wie die anderen Besucher. Kirche und Karneval könnten in diesem Moment nicht enger verbunden sein. In den Reihen wird geschunkelt, am Ende singt das geistliche Dreigestirn noch sein Sessionslied. Die Besucher freut das.

Aber das ist nur ein Teil des Karnevals. Die Partys in den Festzelten, die rauschenden Feiern in den Sälen und das närrische Treiben auf den Straßen. Passt das auch zur Kirche? „Wir haben die Kirche mit den Festsälen getauscht und sind auch keine größeren Sünder geworden, als wir es sowieso schon waren“, sagt der evangelische Pfarrer Martin Jordan, der Bauer des Dreigestirns.

Der Mann, der an diesem Vormittag in Heinsberg die Predigt hält, muss für die Leute, die an eine enge Verbindung zwischen Kirche und Karneval glauben, so etwas wie ein Säulenheiliger sein. Sein Name: Willibert Pauels, der Büttenredner, Sänger, Gitarrist und katholischer Diakon. Pauels zieht seine Brille mit der roten Nase, mit der man ihn als „Ne Bergische Jung“ kennt, an diesem Vormittag nur mal zwischendurch an. Wenn er mal wieder einen Witz macht.

Wie den über den Islam und die Frauen. Dass Männer in einigen islamischen Ländern vier Frauen haben dürfen, sollte die Herren hierzulande nicht allzu traurig stimmen. „So gut haben die es auch nicht. Die haben dann auch vier Schwiegermütter“, sagt Pauels — in der Kirche lachen alle, auch die Schwiegermütter.

So ähnlich ist das auch mit der Kirche und dem Karneval. Weil Leute des Glaubens auch über Kirchenwitze lachen dürften. Und weil der Glauben über den Dingen stehe, sagt Pauels. Aber das sehe nicht jeder so. Der Kardinal Joachim Meisner habe in seiner Zeit im Erzbistum Köln immer wieder Briefe bekommen, in denen sich konservative Gläubige beschwert hätten: Es gehöre sich nicht, dass Geistliche in die sündige Welt des Karnevals eintauchen, habe, so Pauels, in den Briefen gestanden. Gott oder die Welt. Kirche oder Karneval. Entweder oder.

Den sündigen Karneval beschreibt Pauels so: „Wenn die Leidenschaft zur Tür reinkommt, rettet sich der Verstand aus dem Fenster.“ Aber die Kirche stehe eben über solchen Dingen. Und außerdem hätte es den Karneval ohne die Kirche nie gegeben, sagt Prinz Bruns. Karneval sei schon historisch gesehen das letzte große Fest vor der Fastenzeit gewesen.

In Heinsberg wird aber auch deutlich, wie positiv das Treiben der Kirchenmänner ankommt. Nach der Messe können sich Bruns, Mertens und Jordan kaum vor Menschen retten, die sich bei ihnen bedanken, die sie umarmen und bützen. „Wir bringen die Kirche ins Gespräch, und wir bekommen viel Zuspruch“, sagt Bruns.

Es sind diese Begegnungen, die die Session für die drei so besonders machen. „An einem Abend, an dem wir mit der Prinzengarde unterwegs waren, habe ich mit einem jungen Karnevalisten gesprochen, der demnächst als Sanitäter nach Ruanda geht“, sagt Bruns. Darüber kamen sie ins Gespräch. Als Pfarrer kenne er zwar viele Leute aus der Ferne, als Prinz komme er aber manchem viel näher, sagt er.

Die Idee zum geistlichen Dreigestirn stammt übrigens von Markus Bruns. Als das Heinsberger Rathaus vor ein paar Jahren von den Narren erstürmt wird, steht er mit seinen Kollegen aus katholischer und evangelischer Gemeinde dabei. Bruns schaut sich die Tollitäten an und sagt: „Das können wir auch.“ Und zwar ökumenisch. Nach dem Ende des Lutherjahres startet das Dreigestirn fast nahtlos in die Session. Und das genießen die Geistlichen in vollen Zügen. „Aus einer Bierlaune heraus ist das für uns zur Herzensangelegenheit geworden“, sagt Bruns.

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