Region: In der JVA Aachen: „Natürlich fehlt uns Personal“

Region : In der JVA Aachen: „Natürlich fehlt uns Personal“

Frank Mertzbach ist der Leiter des Allgemeinen Vollzugsdienstes. Er ist seit 27 Jahren im Strafvollzug tätig. Mit seinem Personal ist er sehr zufrieden. Wenn er denn davon genügend hat. Derzeit gibt es 17 freie Stellen, weil es oft schwierig ist, geeignete Bewerber zu finden. Im Interview mit Studenten der FH Aachen spricht er über die aktuelle Situation.

Was zählt zu Ihren Aufgaben?

Mertzbach: Als Leiter des Allgemeinen Vollzugsdienstes (AVD) bin ich Dienstvorgesetzter der mit 263 Mitarbeitern größten Berufsgruppe in der Justizvollzugsanstalt Aachen. Dabei nehme ich die Aufgaben des mittleren Managements wahr. Zu meinen Aufgaben gehören Personalführung, Controlling, Organisation und die Koordinierung des Allgemeinen Vollzugsdienstes.

Ich bin mitverantwortlich für Sicherheit und Ordnung und die Einhaltung von Dienstvorschriften in der JVA. Ich leite die Dienstbesprechungen mit den Bereichsleitern und verstehe mich als Schnittstelle zwischen AVD und allen im Vollzug Tätigen. Im Rahmen der Personalgewinnung bin ich an den Eignungsfeststellungsverfahren neuer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für den Allgemeinen Vollzugsdienst beteiligt. Ich überwache zudem die Ausbildung. Weiterhin wirke ich bei der Beurteilung der dienstlichen Leistung der Bediensteten mit.

Mit meinem Personal bin ich zufrieden, die Bediensteten sind motiviert und zuverlässig, auch wenn es nicht immer leicht für die Bediensteten ist. Zurzeit haben wir 17 freie Planstellen, natürlich fehlt uns das Personal, und das belastet alle anderen Bediensteten täglich. Zur Verstärkung unseres Teams suchen wir dringend hochmotiviertes Personal für den Allgemeinen Vollzugsdienst.

Gibt es in der Ausbildung zum Justizvollzugsbeamten pädagogische und sozialtherapeutische Inhalte?

Mertzbach: Ja, natürlich! Bei der Ausbildung der Bediensteten wird der theoretische Anteil in der Justizvollzugsschule Wuppertal durchgeführt und ist in Blöcke aufgeteilt. Der praktische Teil wird im Erwachsenenstrafvollzug verwirklicht. Für den Jugendstrafvollzug gibt es nochmals separat Ausbildungsinhalte. Kollegen, die jetzt hier beschäftigt sind, müssen auch zeitweise in den offenen Vollzug und in eine Jugendstrafanstalt, sie hospitieren im Gericht und in der Forensik. Zudem sind natürlich auch Kriminologie, Psychologie, Sozialkunde und Pädagogik Ausbildungsinhalte.

Bereits in der Einweisungsphase für Dienstanfänger wird großer Wert auf weiterführende Grundkenntnisse im Umgang auch mit schwierigen Menschen gelegt. Hier seien beispielhaft Unterrichtsinhalte im Bereich der Kommunikation und zum professionellen Umgang mit „Nähe und Distanz“ genannt. Zudem gehören eine Unterweisung in Deeskalation und in Sicherungstechniken zu den unbedingten Inhalten dieser Ausbildung.

Der Allgemeine Vollzugsdienst beinhaltet vielfältige, umfangreiche und interessante Aufgaben. Diese Aufgaben erfordern von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern neben Eigenschaften wie charakterlicher Reife, sozialem Verständnis, Toleranz, Teamfähigkeit und Durchsetzungsvermögen auch ein hohes Maß an psychischer Belastbarkeit. Sie sollen durch gewissenhafte Pflichterfüllung und durch ihre Lebensführung vorbildlich wirken und so die Gefangenen nicht nur durch Anordnungen, sondern durch eigenes Beispiel zur Mitarbeit im Vollzug und zu geordneter Lebensführung hinführen.

Denken Sie, dass die aktuellen Versorgungs- und Ausbildungsangebote die Insassen ausreichend auf die Gesellschaft außerhalb der JVA vorbereiten?

Mertzbach: Wir bieten keine Ausbildungsmöglichkeiten, wir bieten schulische Maßnahmen zur Förderung weiterführender Bildungsmaßnahmen. Die Frage, die sich natürlich immer wieder stellt, ist: Welche Fertigkeiten bringen die Insassen mit? Was haben die vorher gemacht? Möglichkeiten bieten wir genug, wir haben immer freie Stellen. Oftmals ist es aber leider nicht möglich, alle Gefangenen zu beschäftigen, da sie zum Teil nicht in der Lage sind, entsprechende Arbeiten auszuführen. Wir haben Firmen, die bei uns fertigen lassen, und da ist es nicht selten, dass von Arbeitsunwilligen oder Unfähigen Ausschuss produziert wird.

Wie hat sich die Situation der Gefangenen im Vergleich zur Vergangenheit geändert?

Mertzbach: Zu der Zeit, als ich angefangen habe, gab es zwar Sport- und Arbeitsmöglichkeiten für die Gefangenen, aber wenn ich das mit heute vergleiche, 27 Jahre später, hat sich für die Insassen einiges verbessert. Die Arbeitsmöglichkeiten, die Haftraumsituation, Kleidung und nicht zuletzt das, was den Insassen alles genehmigt wird oder was sie sich gerichtlich einklagen. Heutzutage hat fast jeder ein Fernsehgerät, so was gab es früher nicht. Was sich deutlich gebessert hat, sind die Kontaktmöglichkeiten zur Familie wie längere Besuchszeiten, Langzeit- und Familienbesuch. Es werden aber auch Partner- und Ehe- oder Vater-Kind-Seminare hier angeboten. Zudem gibt es zahlreiche ehrenamtliche Betreuer, die Gruppen- oder Einzelangebote anbieten.

Sehen Sie den Aufenthalt hier in der JVA als eine Chance für eine gute Zukunft?

Mertzbach: Das hängt davon ab, ob die Gefangenen zum einen dazu in der Lage sind, sich auf Behandlungsmaßnahmen einzulassen, und zum anderen, ob sie sich überhaupt darauf einlassen möchten. Es gibt Gefangene, die sind aufgrund von Persönlichkeitsstörungen dazu nicht in der Lage, andere wollen einfach nicht. Wir haben aber auch viele Positivbeispiele. Und bei denen können auch mal die Maßnahmen gelockert werden. Die gehen dann zum Beispiel in den offenen Vollzug und werden von dort entlassen, oder sie werden in sozialtherapeutischen Einrichtungen betreut. Das sind aber alles Einzelfallentscheidungen.

Haben Sie Erfahrungen gemacht, in denen Häftlinge nach ihrer Entlassung von einem Erfolg oder Fehlschlag berichteten?

Mertzbach: Ja, ich habe selber 14 Jahre lang in der Behandlungswohngruppe gearbeitet. Da gab es immer wieder Menschen, die Weihnachtskarten geschickt oder immer mal wieder angerufen haben. Wir haben aber auch Projekte, bei denen Leute, die hier entlassen wurden, nochmals zu Gruppengesprächen vorbeikamen und dann von ihrer Haftzeit, aber vor allem auch von ihrem Weg berichteten. Die Negativbeispiele gibt es leider auch, oft aus dem Drogenmilieu. Da geht es dann meist um Beschaffungskriminalität. Hierunter sind Leute, die kenne ich jetzt lang genug. Immer rein, raus, rein, raus. Mal mit kürzeren, mal mit längeren Haftstrafen.

(MCD)
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