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Frust bei ungeduldig Wartenden: Impf-Stopp verunsichert Senioren

Frust bei ungeduldig Wartenden : Impf-Stopp verunsichert Senioren

Die Lieferverzögerungen bei Biontech bremsen die Impf-Planungen in NRW aus. Das verunsichert nach Verbandsangaben viele Senioren. Die Landesregierung will die zurückgelegten Mengen weiter für die zweite Spritze reservieren. Deshalb gibt es neben Kritik auch Zustimmung.

Der weitgehende Impf-Stopp in Nordrhein-Westfalen verunsichert laut der Landesseniorenvertretung viele ältere Menschen. „Wann sind wir dran?“, laute eine sehr häufig gestellte Nachfrage, wie der Vorsitzende Jürgen Jentsch am Donnerstag schilderte. Die Lieferverzögerungen beim Impfstoff-Hersteller Biontech und die darauf folgende Verschiebung des Impfstartes für die Über-80-Jährigen zuhause lebenden Menschen um eine Woche auf den 8. Februar erweckten den Eindruck, dass es keine verlässlichen Planungen gebe. „Das führt zur Verunsicherung gerade bei den Senioren.“

Ähnlich äußerte sich die Deutsche Stiftung Patientenschutz. „Das ist absolut grauenhaft“, sagte Vorstand Eugen Brysch am Donnerstag. Er verwies darauf, dass bundesweit Millionen Pflegebedürftige zu Hause von ihre Angehörigen gepflegt werden. Der Impfstart für die zuhause lebenden Über-80-Jährigen war am Vortag um eine Woche auf den 8. Februar nach hinten verschoben worden. Grund sind Lieferverzögerungen beim Impfstoff-Hersteller Biontech. Nordrhein-Westfalen erhält deshalb nach Angaben von Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) in den nächsten Tagen 100.000 Impfdosen weniger als zugesagt.

Die Landesregierung hatte am Vortag darüber hinaus einen Impf-Stopp für die Krankenhäuser verhängt, die den Biontech-Impfstoff erhalten sollten und damit besonders gefährdeten Mitarbeiter schützen wollen. Auch in den Pflegeheimen können vorerst keine weiteren Erstimpfungen erfolgen. Die Unikliniken sind bisher nicht betroffen. Sie erhielten Impfstoff von Moderna. Der Impf-Stopp für die erste Impfdosis von Biontech gilt für eineinhalb Wochen. Brysch lobte, dass in NRW die Hälfte der Impfstoff-Lieferungen für die zweite Spritze reserviert bleibt. Alles für Erstimpfungen zu nehmen, wäre hochgefährlich.

Die katholischen Krankenhäuser im Bistum Münster sprachen von einer großer Verärgerung. „Bei den Mitarbeitenden liegen die Nerven blank, berichten uns die Geschäftsführer“, erklärt Marcus Proff vom Diözesancaritasverband Münster. Bei einer Impfbereitschaft von über 90 Prozent sei der Stopp Gift für die Motivation der Mitarbeiter. Teilweise seien sie extra für die Impfung aus ihrer Frei-Phase geholt worden. Auch Operationstermine und andere Behandlungen seien auf die in diesen Tagen geplante hausinterne Impfung abgestellt worden.

Die Impfbereitschaft ist auch laut der Landesseniorenvertretung groß: „Wir warten darauf, dass sich die Türen öffnen“, sagte Jentsch zu den im Dezember Impfzentren, die noch nicht geöffnet sind. Ein riesiges Problem für Senioren, die in ihrer Mobilität eingeschränkt seien, sei die An- und Abfahrt. Die Impfzentren lägen zumeist etwas außerhalb. „Es kommt langsam ein bisschen Angst bei vielen auf. Werde ich allein gelassen?“, schildert Jentzsch die Sorgen vieler Menschen. Der Eindruck bei den Anfragen zum wichtigen Punkt Fahrt sei häufig: „Jeder windet sich da raus, keiner will die Kosten übernehmen.“

Laumann verteidigte in einem Video-Format für Beschäftigte im Gesundheitswesen seine Entscheidung. Er werde keine großen Risiken bei der Verfügbarkeit der zweiten Spritze eingehen. „Da darf mir auch nichts anbrennen.“ Er habe nach Anfang Januar nun zum zweiten Mal erlebt, das Biontech Lieferzusagen nicht eingehalten habe. Ihm sei klar, dass die Impfpause bis zum 1. Februar Enttäuschungen und Ärger hervorgerufen habe. Der Schaden wäre aber schlimmer gewesen, wenn Zweitimpfungen nicht termingerecht stattfinden könnten. „Es ist ja immer so, dass der Überbringer einer schlechten Botschaft auch ein Stück von der schlechten Botschaft abkriegt“, erklärte Laumann.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz hält die Verträge der Politik mit der Pharmaindustrie für zu lax. „Es geht da um ein knallhartes Geschäft“, sagte Brysch. Nicht nur NRW und Deutschland, ganz Europa sei überrascht worden, dass Biontech kurzzeitig weniger liefere. Es habe mit der Pharmaindustrie keine Verhandlungen auf Augenhöhe gegeben. Die Politik habe mit dem Rücken zur Wand gestanden, weil sie den Menschen ein Ergebnis liefern wollte. „Wenn man Forschungsgelder in Höhe von mehreren Hundert Millionen Euro vergibt, da wäre die Chance gewesen, mehr Verbindlichkeit rein zu bekommen“, meinte er.

Die jähe Impf-Unterbrechung kann die hohe Impfbereitschaft gefährden, warnte die Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen am Vortag. Zwar sei das Ziel von Biontech nachvollziehbar, dass anschließend mehr Wirkstoff produziert werden könne. Es müsse aber alles getan werden, um die weiter zunehmende Impfbereitschaft in der Bevölkerung zu stärken. Auch Verbandspräsident Jochen Brink hält die Strategie für richtig, die Hälfte der Liefermenge für die zweite Spritze zurückzuhalten. „Damit kann die Immunisierung der bisher Geimpften sichergestellt werden“. Laumann habe transparent informiert.

(dpa)