Aachen: Immer mehr Frauen gehen auf die Jagd

Aachen : Immer mehr Frauen gehen auf die Jagd

Der Abend beginnt mit Seifenblasen. Nadja Vöpel sitzt in ihrer Kanzel und prüft mit den kleinen zerbrechlichen Kugeln den Wind. Das gehört zum Handwerk, sagt die Frau in dem geschlossenen Hochstand — sie ist Jägerin. Damit liegt sie im Trend, denn die Zahl der Frauen, die auf die Jagd gehen steigt, hat der Deutsche Jagdverband jüngst mitgeteilt.

Seit 2011 hat sich die Teilnahmezahl fast verdoppelt. In den Jagdschulen liegt der weibliche Anteil mittlerweile bei 24 Prozent. Das ist ein Fünftel mehr als noch vor sieben Jahren. Nadja Vöpel vermutet die Do-it-yourself-Bewegung hinter dieser Entwicklung. „Es wird wieder verstärkt selbst Brot gebacken und selbst gekocht. Die Menschen wollen wieder wissen, woher ihr Fleisch kommt und gehen selbst auf die Jagd.“

Als Jägerin liegt sie voll im Trend: Nadja Vöpel geht gemeinsam mit Jagdterrier Änni im Aachener Stadtwald auf die Jagd. Die Zahl der Jägerinnen steigt stetig. Foto: Christoph Pauli

Die 30-Jährige sitzt im Aachener Stadtwald an, so nennen die Jäger die Wartezeit. Geduld ist für die Branche so wichtig wie die Waffenbesitzkarte. Auf der Kirrung — einem Platz für die Lockfütterung vor dem Ausguck hat — hat sie ein bisschen Mais verteilt, die Menge ist streng geregelt. Vöpel hat Änni mitgebracht. Den deutschen Jagdterrier bildet sie gerade aus. Die Vierbeiner gehören dazu, findet sie. „Jagd ohne Hund ist Schund.“

Die junge Frau hat kein eigenes Revier, vielmehr einen Begehungsschein für ein definiertes Gebiet. Der Forstamtsleiter legt fest, welche Tiere geschossen werden dürfen, er bekommt entsprechende Rückmeldungen. Für Rehwild gibt es keinen Abschlussplan mehr, die Waldpfleger sind nicht unglücklich darüber, wenn die Verbiss-Schäden an den Bäumen abnehmen. Die Jagdzeiten sind befristet, wegen der drohenden Schweinepest wurde die Schonzeit für das Schwarzwild auch im Winter aufgehoben. Seit dem 1. Mai ist die Jagd auf Böcke und nicht führende Schmalrehe eröffnet. Die Herausforderung ist, das Alter und Geschlecht der Tiere zweifelsfrei festzustellen. In der Jägersprache heißt es: „Die Ansprache muss möglich sein.“

Vöpel hat zwei Böcke in den letzten Wochen erlegt. Vielleicht landen auch sie an der Trophäenwand in ihrem Wohnzimmer.

Die 30-Jährige kennt natürlich die Vorurteile, die Jäger so zuverlässig begleiten wie ihre Hunde. Sie diskutiert gerne. Den Jagdschein besitzt sie seit 14 Jahren. Vöpel ist von klein auf mit dem Vater zur Jagd gegangen. „Ich bin ein Naturkind“, sagt sie. Seit zwölf Jahren ist sie nun die Beauftragte der jungen Jäger zwischen 16 bis 36 Jahren in der Kreisjägerschaft Aachen.

Sie bezeichnet sich selbst als „Naturschützerin“. Sie schießt Tiere, bricht sie nach Möglichkeit noch an Ort und Stelle auf, bevor das Fleisch in der Truhe landet. „Das gehört dazu, evolutionär ist der Mensch ein Jäger.“ Natürlich müsse niemand mehr Tiere töten, um sich zu ernähren, räumt sie ein. Das erledige die Tierindustrie. Doch Vöpel findet, dass Jäger anders vorgehen. „Mehr Bio geht nicht, die Tiere sterben ohne jeden Stress.“

Im Supermarkt Schnäppchen „schießen“

Und manchmal erlöse sie die Tiere auch von ihrem Leiden. „Wenn wir nicht in die Population eingreifen, haben wir Füchse und Wildschweine mitten in der Stadt wie in Berlin. Will man das?“, fragt sie rhetorisch. Sie dosiert den eigenen Fleischkonsum, ärgert sich aber, wenn jemand das Jagen ablehnt und im Supermarkt Schnäppchen „schießt“.

Sie kennt die Debatten, die oft in einem fordernden Ton geführt werden und nach Rechtfertigung verlangen. Wer den Jagdschein besitzt, tötet auch Tiere. Wer den Jagdschein besitzt, muss aber auch Flurschäden beseitigen, die die Wildschweine bei Landwirten verursacht haben. Jäger können ansonsten haftbar für Wildschäden gemacht werden.

Eigentlich wollte sie auch Forstwirtschaft studieren und Försterin werden, die beruflichen Aussichten jedoch waren nicht so prickelnd. Nun ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fraunhofer Institut für Molekularbiologie und angewandte Ökologie, hat eine Masterarbeit über die „Produktion von Malaria-Impfstoffkandidaten in Pflanzen“ geschrieben. Die Zeit im Wald empfindet sie als Ausgleich für die Zeit im Labor.

Im schleswig-holsteinischen Malente hat gerade eine Jungjägerin Ärger mit Tierschutzaktivisten. In ihrem Blog hatte sie ein Foto von sich vor einem toten Fuchs verbreitet, das Jagdgewehr neben sich aufgestellt und die Anmerkung dazu: „Der alte Lümmel dachte wohl, er könnte meine Pfauen holen. Falsch gedacht.“ Es war der Auftakt für viele Anfeindungen, es regierte der Hass, die 25-Jährige wird seitdem bedroht. Auch hier in der Region können Jäger von angesägten Hochständen, zerstörten Kameras oder zerstochenen Reifen berichten.

An diesem Tag zeichnet sich nicht ab, dass Vöpels Trophäensammlung vergrößert wird. Kleiber und Baumläufer tauchen im Fernglas auf, Eichelhäher und Tauben reduzieren die Maisvorräte. Die Tiere sind fast immer unter Beobachtung, auch wenn kein Jäger da ist. Die moderne Technik ist im Wald eingezogen. Mit Drohnen können Felder auf Wildschäden abgeflogen werden. An der Kirrung steht eine Wildkamera, die erst vor ein paar Tagen eine Wildsau mit sechs Frischlingen aufgezeichnet hat.

Von ihnen fehlt jede Spur — selbst für Vöpel. Ein Waldspaziergang mit ihr erinnert an die guten alten Karl-May-Zeiten. Sie liest Fährten, kann anhand der Spuren sagen, welches Tier dort gelaufen ist, wie schwer es war und wie schnell es sich fortbewegt hat. Der Jagdschein werde nicht zufällig „grünes Abitur“ genannt, sagt sie.

Farbenfroh geht an diesem Abend die Sonne im Stadtwald unter. Nachtsicht- oder Wärmezielgeräte sind verboten, das Ansitzen endet weit vor Mitternacht, weil die klare Ansprache nicht mehr möglich ist. Das Gewehr bleibt unberührt. An diesem langen Abend passiert für die Augen von Laien nichts Auffälliges.

Für Nadja Vöpels Augen und Ohren passiert jedoch eine Menge: Sie beobachtet einen Bussard und Fledermäuse. Im Buchenwald beschweren sich lautstark ein paar Amseln, in der Ferne „schreckt“ ein Reh. Mit diesem bellenden Geräusch warnen die Tiere ihre Artgenossen. Vor was auch immer.

Änni langweilt sich etwas, doch ihre Ausbilderin genießt „diese unfassbare Ruhe“. Anfangs tragen noch die Vögel ihre Melodien vor, nachdem die Sonne untergegangen ist, verstummen auch sie. Mehr Stille geht nicht. „Ich genieße diese Auszeiten“, sagt Nadja Vöpel. Ein guter Tag ist ein Tag in der Natur, sagt sie, das hängt nicht davon ab, ob es ein Beutetag ist.

Der Abend in der Kanzel endet mit Glühwürmchen. Die Leuchtkäfer tanzen aufgeregt im Farn. Das Licht geht erst spät aus an diesem Abend.