Stolberg: Im Stolberger „Demenzdorf“ soll Betroffenen geholfen werden

Stolberg : Im Stolberger „Demenzdorf“ soll Betroffenen geholfen werden

Sibille W. ist auf dem Weg nach Heidelberg. Die durchaus rüstige Frau hat es eilig, sagt sie, die Kinder warten schließlich nach der Schule. „Ich muss ihnen doch das Essen kochen.“ Sibille W. macht sich jeden Tag auf den etwa 300 Kilometer langen Weg in die alte Heimat. Meistens trifft sie auf ihrem Weg jemanden, der sie ablenkt.

Dann vergisst Sibille W. für ein paar Stunden ihren Reiseplan. Sie leidet unter Demenz, ist Tag für Tag im AWO-Seniorenzentrum Süssendell unterwegs — in Richtung Heidelberg. Sie hat Elisabeth W., die mit einem Rollator voller Bücher unterwegs ist, getroffen. Die beiden biegen ab in Richtung Dorfplatz, wo alle Wege hinführen.

Es gibt keine Sackgassen, die die Passanten irritieren würden. Dieser Platz ist Ort der Aktivität und Orientierung, hier strukturiert sich rhythmisch der Tages-, Wochen- und Jahresverlauf — das ist die Idee.

Im Zentrum des Demenzdorfes treffen sich rund um die Uhr Bewohner und Betreuer. Hier grenzt die Gärtnerei an den Werkraum, Schneiderei und Wäscherei liegen neben dem „kleinen Lädchen“. Daneben liegt ein Andachtsraum, in dem in einem Buch an verstorbene — nun ja — Weggefährten erinnert wird. Wer will, kann sich auf die „Sonnenbank“ setzen und ein bisschen dem Treiben zusehen. Alle Räume haben große Fenster, es gibt selbst bei Pflege-Besprechungen keine abgeschlossenen Räume. Wer will, setzt sich dazu.

Frau W. ist beim Friseur, aber auch sie dreht zwischendurch ein paar Runden. Demente haben in einem mittleren Stadium der Krankheit diesen Bewegungsdrang. „Sie suchen meist etwas, aber sie wissen nicht, was genau“, sagt Nicole Mehr, die das Dorf im Stolberger Stadtteil Mausbach leitet, seitdem es vor gut zwei Jahren eröffnet wurde. Es war bundesweit die zweite Einrichtung, das erste Demenzdorf Deutschlands wurde 2014 in Tönebön am See, am Stadtrand von Hameln, eingeweiht.

Träger des Seniorenzentrums Süssendell ist die AWO, die das Dörflein am Fuße des Nationalparks Eifel mit acht Millionen Euro finanziert. Das Gelände ist weitläufig, auf 1,5 Hektar leben 80 Menschen in den fünf farbigen Bungalows, die meisten stehen aufgrund ihrer Erkrankung unter Vormundschaft. Der Jüngste ist 44, die Älteste 99 Jahre alt. Wer will, kann sein Zimmer selbst möblieren und dekorieren.

Viele der Bewohner stammen aus der Region. Einen dementen Angehörigen zu betreuen, wird fast immer zu einem Vollzeitjob: 24 Stunden Wachdienst für jemanden, der tags vergisst zu essen und nachts orientierungslos durch die Wohnung irrt. 24 Stunden Betreuung für jemanden, der sich langsam aber stetig in seine eigene Welt zurückzieht. Manchmal sind die Rollläden noch stundenweise hochgezogen, häufig bleiben sie für alle Zeiten unten.

In dem Stolberger Demenzdorf versuchen sie, die Bewohner in ihrer eigenen Welt abzuholen. Wer mittags noch im Bademantel rumlaufen will, darf das, wer mit unterschiedlichen Schuhen unterwegs ist, bekommt keinen Hinweis. Die Kranken bestimmen die Tagesabläufe. Ihre Begleiter versuchen, in ihre Biografien einzutauchen, suchen nach Ansatzpunkten, um ein gutes Gefühl zu vermitteln. „Wir weisen nicht auf Defizite hin, sondern betonen die Fähigkeit, die jeder besitzt“, sagt Mehr.

Alle Bewohner werden gesiezt, so steht es im Leitbild. „Das gebietet der Respekt vor dem Alter“, sagt Mehr. Es ist ihr Dorf, die Pfleger und Begleiter seien ihre Gäste. Josef Kolhofer ist einer der wenigen Bewohner, der nicht dement ist. Er wohnte lange Zeit in Mausbach, dann hat er mit seiner Familie entschieden, dass das Dorf ein guter Ort für die letzten Jahre sei.

„Hier wird jede Blume täglich gegossen“, sagt er — und meint die Menschen. Der 77-Jährige kommt mit seiner Mundharmonika vom Singkreis. „Viele kennen noch die alten Melodien und sind sehr textsicher“, sagt er und stimmt „Muss i denn zum Städtele hinaus“ an.

Süssendell hat sich schnell auch überregional einen guten Ruf erworben, die AWO spricht von einem „Leuchturmprojekt“. Andere Einrichtungen schauen sich vor Ort um, für das Demenzdorf gibt es inzwischen eine Warteliste. Der monatliche Eigenanteil liegt etwa bei 2600 Euro, abhängig vom Pflegegrad.

Heilbar ist die Krankheit nicht

Sechs solcher Demenzdörfer gibt es bundesweit. Das ist nicht viel, wenn man in die Statistik blättert. In Deutschland leben gegenwärtig rund 1,7 Millionen Menschen mit dieser Diagnose. Bis zum Jahr 2050 sollen es schon mehr als drei Millionen sein. Jährlich erkranken etwa 300 000 Menschen neu an der Krankheit, die meisten von ihnen an Alzheimer. Tendenz steigend, sofern kein Durchbruch in Prävention und Therapie gelingt. Bislang ist Demenz nicht heilbar.

Fast alle Demenzdörfer sind hermetisch abgeriegelt, Pförtner passen auf, dass niemand das Gelände verlässt. Es gibt die Kritik, dass die Leute weggesperrt werden, damit sie den Gesunden nicht vor der Nase herumtanzen. Dieses Konzept widerspreche der Vorstellung von sozialer Teilhabe und Inklusion.

In Stolberg haben sie sich von Anfang an für einen anderen Weg entschieden, sagt Mehr. „Wir möchten keine kranken Menschen einsperren. Wir sind sicher, dass mehr Freiheit auch höhere Lebensqualität bedeutet“, sagt sie. Die Bewohner können problemlos ihr Dorf verlassen, wer sehr bewegungsfreudig ist, bekommt einen GPS-Tracker.

Natürlich verschwinden auch hier Menschen, aber fast immer werden sie schnell gefunden. Im Herbst letzten Jahres kam die Idee ins Wanken. Eine Frau war im September ausgebüxt, die schnell eingeleitete Suche war erfolglos. Am nächsten Tag starb sie an den Folgen ihrer Unterkühlung. Die Kritik an dem „grenzenlosen“ Konzept kam schnell auf, sie war wuchtig und zuweilen nicht sonderlich differenziert. „Es war schwer, mit der harten Kritik umzugehen“, erinnert sich Mehr heute.

Mitarbeiter, die von ihrer Arbeit überzeugt waren, mussten sich plötzlich rechtfertigen. Intern wurde viel diskutiert, schnell stand aber fest: Das Waldgelände bleibt frei zugänglich. „Wir sind davon überzeugt.“ Ein wichtiger Hinweis in dieser Debatte kam von der Familie der Verstorbenen. „Machen Sie so weiter, lassen Sie sich nicht beirren.“ Später kamen sie zu einem Erinnerungsgottesdienst.

Ein Ort, der einen Traum erfüllt

Mehr selbst hat vor und nach ihrer Ausbildung zur Krankenschwester in der Altenpflege gearbeitet. Sie hat sich an die „Abfertigung“ nie gewöhnen können, sagt die 41-Jährige. „Ich habe meine Bestimmung gefunden.“ In dem Dorf lassen sich leichter Beziehungen aufbauen. „Hier kann man menschbezogener arbeiten.“

Vor einem Jahr durfte sie in einer TV-Sendung dem damaligen Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe ein paar Fragen stellen. Natürlich wollte sie von ihm wissen, wie er sich die Zukunft der Pflege vorstelle. Der Minister sprach von einer Erleichterung in der Dokumentation, aber es war keine Antwort, die Mehr zufriedenstellte. „Wir stoßen an unsere Grenzen in der Pflege, das wissen alle.“ Die Belastung für die Mitarbeiter sei extrem.

Ein Drittel der Menschen mit Demenz lebt in Pflegeheimen, häufig verteilt auf mehrere Etagen, nicht viele Einrichtungen sind speziell auf solche Patienten eingestellt. Der Pflegeschlüssel ist gesetzlich vorgegeben. In Süssendell gibt es 33 Vollzeitstellen in der Pflege, die sich auf 55 Personen aufteilen. Dazu kommen Hauswirtschafter, Reinigungskräfte und ein paar Ehrenamtler. „Davon könnten wir sicher noch mehr gebrauchen“, sagt Mehr.

Kochen, gucken und gut zureden

Im Dorf ist es etwas ruhiger geworden, in den Häusern wird gekocht. Wer kann, hilft. Die meisten schauen den Köchen gerne bei der Vorbereitung zu, der Geruch wecke manchmal Erinnerungen, sagt Mehr. Eine Seniorin sitzt da mit einer Puppe, spricht ihr gut zu.

In ein paar Wochen werden zwei Esel auf dem Dorf einziehen. Stall und Gehege sind vorbereitet, finanziert von der Glücksspirale. Die Esel sollen nicht nur eine Attraktion in dem Dörfchen sein, in dem es schon ein großes Kaninchengehege gibt. Die Esel hätten pädagogische Aspekte, sagt Mehr.

Wenn Sibille W. oder die anderen Dorfbewohner sie berühren, könne sich die Ruhe ein bisschen von den Vier- auf die Zweibeiner übertragen.

(Die Namen aller an Demenz Erkrankten wurden geändert)

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