Zerstörte Hochsitze in der Region: Im Namen der Tierliebe

Zerstörte Hochsitze in der Region : Im Namen der Tierliebe

In Jülich sind im Februar zwei weitere Hochsitze zerstört worden, in den Wochen, Monaten und Jahren davor waren es allein in unserer Region Dutzende mehr. Die Polizei hat keine Ahnung, wer die Täter sind. Haben militante Tierrechtsaktivisten etwas damit zu tun?

Dass etwas nicht stimmte, sah Karl-Heinz Schiffer schon vom Auto aus. Wo früher die alte Kreisbahn verlief, hätte er eigentlich den Hochsitz sehen müssen, so wie immer, wenn er ins Revier in Jülich-Koslar gefahren war, dessen Aufseher er ist. Er sah aber keinen Hochsitz. Schiffer parkte sein Auto, lief ein paar Meter querfeldein und sah die Trümmer des Hochsitzes am Waldrand liegen: zersägt, zerschlagen, umgetreten, vom alten Hochsitz war nicht mehr viel übrig, das man für den Bau eines neuen hätte gebrauchen können. Schiffer ärgerte sich, und er ärgerte sich nicht zum letzten Mal an diesem Morgen: Wenige Minuten und einen kurzen Marsch später stand er vor den Trümmern eines zweiten Hochsitzes. Es war der 13. Februar 2019, ein Mittwoch.

In den Wochen vorher war in Koslar ein anderer Hochsitz in Brand gesteckt und zerstört worden, in einem Revier in Aldenhoven waren Hochsitzleitern in ihre Einzelteile zerlegt, andere waren angesägt worden. Ein weiterer Hochsitz war in Aldenhoven mit Brandbeschleuniger übergossen und angezündet worden, von ihm blieb kaum mehr als etwas Asche übrig. Es gab Fälle von Hochsitz-Vandalismus in der Eifel, in Stolberg und anderswo im Revier der Aachener Kreisjägerschaft, vor einiger Zeit setzten die Jäger eine Belohnung von 7000 Euro für Hinweise aus, die zur Ergreifung der Täter führen. Ohne Erfolg.

Eine terroristische Organisation

Sabotage, Sachbeschädigung und Anschläge im Namen des Tierschutzes: Logo der „Animal Liberation Front“ („Tierbefreiungsfront“), die vom US-amerikanischen FBI als terroristische Organisation eingestuft wird. Foto: ZVA/Marlon Gego

Ob man von einer Anschlagsserie sprechen könnte, ist schwer zu sagen, die Polizei kann keine entsprechenden Hinweise liefern. Das Verwüsten von Hochsitzen wird im Strafrecht als Sachbeschädigung gewertet, und Anzeigen wegen Sachbeschädigung gibt es ziemlich viele. Die Aachener Polizei teilt mit, dass Sachbeschädigungen an Hochsitzen „nicht suchfähig erfasst“ seien und sie deswegen nicht sagen könne, wie viele Hochsitze in den vergangenen Wochen, Monaten oder Jahren zerstört wurden. Dazu kommt, dass längst nicht alle zertrümmerten Hochsitze vom jeweiligen Revierpächter angezeigt werden, wahrscheinlich sogar eher die wenigsten. Ein Grund ist, dass die Suche nach Tätern fast immer erfolglos bleibt und sich viele Jäger daher die Mühe sparen, zur Polizei zu gehen.

Wer die Täter sind, wissen die Ermittler also nicht, aber wer sich ein bisschen mit dem Thema befasst, stößt schnell auf den Namen einer Gruppierung, die vom FBI, der US-amerikanischen Bundespolizei, als terroristische Organisation eingestuft wird. Ihr Name: „Animal Liberation Front“ (A.L.F.), was so viel heißt wie „Tierbefreiungsfront“.

Jülich-Koslar, 13. Februar 2019: Im dortigen Jagdrevier wurden zwei Hochsitze zerstört, wieder einmal. Foto: ZVA/Karl-Heinz Schiffer

Die A.L.F. wurde 1976 in England gegründet und ist immer wieder durch militante Tierschutz- oder Tierbefreiungsaktionen aufgefallen. Zerstörte Tierversuchslabore, abgebrannte Ställe, aus Laboren befreite Tiere und eben auch die Zerstörung zahlloser Hochsitze. Vandalismus, Sabotage und Anschläge – im Namen der Tierliebe.

Ziel ist, die Ausbeutung von Tieren zu beenden, sie dem Menschen gleichzustellen. Kein Fleischverzehr, keine Milch, keine Zoos, keine Tierparke, keine Tierzucht, keine Zirkusse, schon gar keine Tierversuche. Und: keine Jagd, keine Jäger.

Jagdrevier in Jülich Koslar, 13. Februar 2019. Foto: ZVA/Karl-Heinz Schiffer

Im Gegensatz zu anderen Tierrechtsorganisationen wie etwa Peta verfügt die A.L.F. aber nicht über eine feste Struktur oder eine Hierarchie. Es gibt keine Anführer und keine bekannten Aktivisten; jeder, der sich den Zielen der A.L.F. verbunden fühlt, darf in ihrem Namen und unter Verwendung ihres Logos aktiv werden. Politisch betrachtet zählen A.L.F.-Aktivisten zum Kreis der Anarchisten, so steht es in einem langen Beitrag auf Indymedia, einer Internetseite, die linksextreme Inhalte verbreitet.

Auch im Hambacher Forst, kaum 25 Kilometer vom Jagdrevier in Jülich-Koslar entfernt, sind Fahnen der A.L.F. gesehen worden, was insofern nicht verwundert, als die dortigen Waldbesetzer sich ebenfalls dem anarchistsichen Spektrum zurechnen. Seit 2012, also seit sich die Waldbesetzer im Hambacher Forst festsetzten, sind in den Jagdrevieren rund um den Wald nach Angaben des Tagebaubetreibers RWE mindestens 19 Hochsitze zerstört oder beschädigt worden, die meisten nach der Reparatur oder dem Wiederaufbau mehrfach. Betroffen seien zudem mindestens 20 Leitern gewesen, auch diese seien meist mehrfach beschädigt, gestohlen oder zerstört worden. Einen gestohlenen Hochsitz entdeckten Mitarbeiter von RWE später in den Bäumen des Hambacher Forsts; die Waldbesetzer hatten ihn zum Baumhaus umfunktioniert.

Hambacher Forst, Herbst 2017: Einer von mindestens 19 Hochsitzen, die dort seit 2012 beschädigt oder zerstört wurden. Die mutmaßlichen Täter haben „Fuck hunters“ auf die Kanzel gesprüht. „Hunters“ bedeutet „Jäger“. Foto: ZVA/RWE

Den aus dem Vandalismus resultierenden Gesamtschaden beziffert RWE auf mindestens 40.000 Euro. Allein die Aachener Polizei hat seit August 2016 bis heute 46 Ermittlungsverfahren wegen beschädigter oder zerstörter Hochsitze rund um den Hambacher Forst eingeleitet. Doch keine der Anzeigen, die RWE im Laufe der Jahre erstattete, führte zur Verurteilung eines Täters. Der Polizei fehlt es schlicht an Ermittlungsansätzen.

Im vergangenen Jahr wurden im westlichen Münsterland innerhalb kurzer Zeit etwa 60 Hochsitze beschädigt oder zerstört, im Winter ’13/’14 waren Dutzende jagdliche Einrichtungen in Bayern, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen betroffen. „Jagd ist feiger Mord und Terror an allen nichtmenschlichen Tieren, die die Wälder bewohnen“, hieß es in einem Bekennerschreiben, das auf der linksextremen Website Indymedia veröffentlicht wurde.

Demo für den Tierschutz: Doch die Tierschutzorganisation Peta musste sich einem Urteil des Landgerichts Hamburg 2012 den Vorwurf gefallen lassen, dass manche „Peta-Aktivisten Straftatbestände nicht scheuen“. Foto: dpa/Philipp Schulze

In der Nähe von Berlin sind vor einigen Jahren offenbar die Sprossen einer Hochsitzleiter angesägt worden. Ein älterer Jäger stürzte beim Versuch, auf den Hochsitz zu klettern, ab und verletzte sich schwer. Torsten Reinwald ist Sprecher des Bundesjagdverbandes, er erinnert sich an den Fall und spricht von „einem Mordversuch“. Da auch in diesem Fall kein Täter ermittelt wurde, kann niemand sicher behaupten, dass militante Tierrechtler für diese Tat verantwortlich waren. Aber Reinwald sagt: „Die Gesellschaft ist gut beraten, sich von Straftaten zu distanzieren, die gegen das Eigentum oder das Leben von Menschen gerichtet sind, auch wenn sie vermeintlich zum Wohl der Tiere begangen wurden.“

In der „Zeit“ erschien 2014 ein langer Artikel über militante A.L.F.-Tierrechtler, in dem die Aktivisten, die im Namen der Organisation Straftaten begehen, etwa so beschrieben wurden: „Der gewaltbereite Tierrechtler wohnt eher in der Stadt, nicht auf dem Land. Er stammt aus akademischen Verhältnissen und ist zwischen 20 und 30 Jahren alt. Er studiert noch oder geht schon einem – meist bürgerlichen – Beruf nach. Er lebt gemeinsam mit Freunden in einer Wohngemeinschaft oder allein in einer Mietwohnung. Er geht manchmal ins Kino oder Theater. Er nimmt nicht an Wahlen teil, weil sich kein Parteiprogramm mit seinen Zielen deckt. Er lebt strikt vegan, klebt aber keine Tierrechtsaufkleber an seine Tür. Laut Handbuch der A.L.F. sollen militante Aktivisten ein unscheinbares Leben führen und nicht offen politisch aktiv werden. Wer Brandsätze baut, taucht nicht bei einer friedlichen Blockade irgendeines Schlachthofs auf und versucht auch ansonsten, nicht weiter auffällig zu werden.“

Die Zahl der Jäger wächst

Beschrieben werden autonome Zellen in Wohnungen, die mit Malerfolie ausgelegt werden, damit keine Spur zurückbleibt, schon gar nichts, aus dem sich eine DNA-Spur extrahieren ließe. Nichts wird dem Zufall überlassen, die Methoden der Polizei sind den Aktivisten bekannt. A.L.F.-Zellen arbeiten offenbar nach dem Vorbild terroristischer Vereinigungen, der Unterschied ist, dass Tierschutzextremisten anders als Vollzeitterroristen kein Leben im Untergrund führen.

Über den Sinn der Jagd lässt sich kaum streiten, der Dresdner Wissenschaftler Sven Herzog sagte vor einigen Jahren am Rande einer Veranstaltung des Nationalpark Eifel, dass die Jäger in Deutschland den Steuerzahlern einen zehnstelligen Betrag im Jahr sparen würden. Wenn es die Jäger nicht täten, müsse der Staat die Wildregulierung übernehmen. Worüber man andererseits sehr wohl streiten kann, ist die Art und Weise, wie der Mensch mit der Natur im Allgemeinen und den Tieren im Speziellen umgeht. Zumindest in westlichen Gesellschaften sind Massentierhaltung und Tierversuche in manchen Milieus verpönt, sogar geächtet, der Siegeszug der Bio-Produkte ist auch eine Reaktion auf Bilder aus Industrieschlachtanlagen und Masthöfen.

Den Spaß an der Jagd haben sich Deutschen aller Bemühungen von Tierrechtlern zum Trotz aber nicht nehmen lassen, im Gegenteil. Nach der Wiedervereinigung waren 1990 etwa 311.000 Deutsche im Besitz eines Jagdscheins. 2018 waren es fast 385.000. Jagdverbandssprecher Reinwald sieht in dieser Tatsache keinen Widerspruch zum Tierschutz. Vielmehr habe die kritische Auseinandersetzung mit der Massentierhaltung dazu geführt, dass mehr Menschen sich dazu entschlössen, zwar nicht gänzlich auf Fleisch zu verzichten, aber den eigenen Bedarf gewissermaßen doch selbst zu decken. Wochenends, mit der Waffe auf dem Hochsitz.

Der Vorsitzende der Aachener Kreisjägerschaft, Günther Plum, hat aufgehört zu versuchen, „Menschen vom Sinn der Jagd zu überzeugen, die einfach nur gegen die Jagd sind“. Ideologen überzeugt man nicht mit Argumenten. Sein Jagdverband war es, der nach der Zerstörung mehrerer Hochsitze die 7000 Euro Belohnung ausgesetzt hat. Ein Hochsitz sei sogar aus Metall gewesen, er wurde „fachmännisch zerlegt“, wie Plum sagt.

Auch wenn die Idee mit der Belohnung im Aachener Jagdkreis keinen Erfolg hatte, versucht es der Pächter des Reviers in Jülich-Koslar nun auf die gleiche Weise. Michael Wirtz, Unternehmer aus Stolberg, hat der Polizei mitgeteilt, er setze 5000 Euro Belohnung für die Aufklärung der Straftaten in seinem Revier aus. Seit fast 100 Jahren bejagt die Familie Wirtz dieses Revier, und er denkt nicht daran, sich von ein paar Tierrechtsaktivisten die Freude an dem Naturerlebnis, das die Jagd ist, verderben zu lassen. Zur Not, sagt er, verzichtet er auf den Wiederaufbau der zerstörten Hochsitze und nimmt zukünftig eben eine Leiter mit auf die Pirsch.

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