Aachen: Illegale Graffiti werden zum Denkmal

Aachen: Illegale Graffiti werden zum Denkmal

Klaus Paier musste immer damit rechnen, erwischt zu werden. Er wusste, man konnte ihn wegen Sachbeschädigung drankriegen. Für den Physikstudenten ohne Geld ein hohes Risiko.

Trotzdem malte er - heimlich und illegal: Über Abrüstung, Kriege und atomare Bedrohung. Er provozierte. Im tiefschwarzen Aachen wurde seine Kunst früher als Schmiererei gesehen. Viele Graffiti wurden weggeätzt - kaum dass sie entstanden waren - oder übermalt.

Wenige Jahre nach seinem Tod kommt Paier doch zu Ehren. Aachen stellt den kleinen Rest seines Werkes unter Denkmalschutz.

Die Aachener leisten Abbitte, zwei Jahre nach dem Tod des Künstlers: Paiers Werk ist keine Kritzelei, sondern „ein künstlerisches Werk mit politischer Bedeutung”, stellte das Rheinische Amt für Denkmalpflege am Montag mit.

Was ist Schmiererei, was ist Kunst? Diese Frage hatte sich auch der frühere Aachener Oberbürgermeister Kurt Malangré gestellt. Heute plagt ihn das Gewissen, dass er nicht schon viel früher eingeschritten ist und das Werk des Künstlers geschützt hat. „Ich liebe Kunst. Eigentlich kenne ich mich mehr mit Musik aus”, sagte er fast ein wenig entschuldigend.

„Schmiererei”, hatte der CDU-Mann in seiner Amtszeit (1973-1989) spontan gedacht. Irgendwann kamen die Zweifel und er stellte den Rats-Antrag, genau diese Frage prüfen zu lassen. Irgendwie ging das Anliegen des Verwaltungschefs unter. Wahrscheinlich erschien es auch einfach nur abwegig. „Die haben wahrscheinlich gedacht, der spinnt”, meint Malangré heute rückblickend und gibt mit dieser Einschätzung auch einen Einblick in den damaligen Zeitgeist.

Im Ruhestand kam er häufiger an diesem „Null-Bock-Graffito” von damals vorbei - aber schon sehr verblasst. „Ist das völliger Quatsch oder ist das ernst zunehmende Kunst?” fragte er Fachleute. „Kunst”, war die Meinung. Der Stein kam ins Rollen.

Einer seiner Mitstreiter ist der frühere Museumsdirektor Wolfgang Becker. Der schätzte Paier schon sehr früh als Künstler. Es war zwar sehr schwer an den öffentlichkeitsscheuen Mann heranzukommen, aber Becker schaffte es und machte 1984 eine Ausstellung mit Fotos der Arbeiten. Wie der weltweit bekannte Sprayer von Zürich, Harald Naegeli, gehörte der Aachener zwar zu den Street-Art-Künstlern, aber im Gegensatz zum Schweizer griff er nicht zur Sprühdose.

„Er arbeitete mit Stiften, Kreiden und Farben, die nicht so spontan aufzutragen sind”, erzählte Becker. In zwei Arbeitsgängen entstanden zuerst die Skizzen mit den typisch kantigen Konturen, dann kam der Farbauftrag. „Viele Bilder waren, kurz nachdem sie geschaffen waren, wieder weg”, beobachtete Becker. Paier war das bewusst. Alle seine Fassadenbilder fotografierte er ab.

Dem Landeskonservator Udo Mainzer ist klar, wie schwierig das Terrain ist, auf dem sich die Denkmalpfleger bewegen. Ein Freifahrtschein für alle Graffiti-Künstler und die, die sich dafür halten? „Das ganze ist ein Hochseilakt”, bekannte er.

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