Leverkusen: Iberogast im Visier der Justiz

Leverkusen : Iberogast im Visier der Justiz

Der Leverkusener Bayer-Konzern hat neuen Ärger. Dieses Mal geht es um Iberogast. „Mit der Kraft der Natur gegen Magen- und Darm-Beschwerden“ lautet die Werbung zu dem Arzneimittel. Doch so harmlos, wie der Slogan anmutet, ist der braune Saft womöglich nicht.

Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft Köln im Umfeld des Konzerns, wie Branchenkreise einen Bericht des „Handelsblatts“ bestätigen. Demnach seien die Ermittlungen in einem frühen Stadium, die Staatsanwaltschaft habe ein Gutachten in Auftrag gegeben, das den kausalen Zusammenhang zwischen dem Mittel und (tödlichen) Nebenwirkungen klären soll. „Dazu können wir uns zum jetzigen Zeitpunkt nicht äußer n“, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft auf Anfrage.

Hinweis für Schwangere und Kranke

Iberogast ist ein pflanzliches Mittel. Doch von den neun Arzneipflanzen, die in ihm enthalten sind, kann das Schöllkraut zu schweren Nebenwirkungen führen. Das ist seit längerem bekannt. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat daher Jahre lang darauf gedrängt, dass Bayer bei Iberogast Warnhinweise für Schwangere, Stillende und Leberkranke anbringt. Andere Hersteller von Schöllkrauthaltigen Mitteln hatten das bereits getan. Dann habe es aber „vier ausreichend dokumentierte Nebenwirkungsmeldungen und eine wissenschaftlichen Veröffentlichung im American Journal of Gastroenterology hinsichtlich lebertoxischer Nebenwirkungen zu Iberogast“ gegeben, erklärte das Bundesinstitut.

Im Juli 2018 wurde der Fall eines Leberversagens mit Lebertransplantation bekannt, „der jedoch letztlich tödlich endete“, wie die Behörde damals mitgeteilt hatte. Im September 2018 fügte Bayer sich dann. Der Konzern muss seither in den Beipackzettel schreiben: „Iberogast darf von Schwangeren und Stillenden nicht eingenommen werden. Iberogast darf nicht eingenommen werden, wenn Sie an Lebererkrankungen leiden oder in der Vorgeschichte litten.“ Auch der Hinweis auf die gravierenden Folgen musste aufgenommen werden: „Bei der Anwendung von Schöllkraut-haltigen Arzneimitteln sind Fälle von Leberschädigungen (Anstieg der Leberenzymwerte bis hin zu arzneimittelbedingter Gelbsucht sowie Fälle von Leberversagen) aufgetreten.“

Nun geht die Staatsanwaltschaft Köln laut Branchenkreisen der Frage nach, ob sie wegen Körperverletzung oder fahrlässiger Tötung gegen Verantwortliche vorgehen muss. Die Justiz kommentierte das nicht.

Bayer erklärte dazu, man habe aus der Presse erfahren, „dass in Bezug auf einen Todesfall in 2018 ermittelt wird, bei dem eine Patientin eine Leberschädigung erlitt und an den Komplikationen einer nachfolgenden Lebertransplantation verstarb“. Der Konzern betonte: „Das Ermittlungsverfahren richtet sich ,gegen unbekannt’. Einzelheiten des Ermittlungsverfahrens sind Bayer nicht bekannt.“

Bayer hält Iberogast auch weiterhin für ein sicheres Medikament: „Die Wirksamkeit und Sicherheit von Iberogast wurde bei über 7000 erwachsenen Teilnehmern in prospektiven klinischen Studien nachgewiesen und bei der Behandlung von mehr als 82 Millionen Patienten seit der Markteinführung im Jahr 1960 bestätigt.“

Einzelne Ärzte raten von Mittel ab

Einzelne Gastroenterologen raten mittlerweile davon ab, Iberogast zu verordnen. Doch aus Sicht von Bayer ist das Mittel selbst für Kinder geeignet. „Iberogast ist zur Anwendung bei Kindern und Jugendlichen ab drei Jahren zugelassen“, so der Konzern. Die Wirksamkeit und Verträglichkeit bei den Indikationen Verdauungsstörungen (funktionelle Dyspepsie) und Reizdarmsyndrom seien „auch bei diesen jungen Patienten wissenschaftlich belegt“. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen bei Kindern unter 12 Jahren sogar die Kosten, manche Kassen freiwillig auch für Erwachsene.

Bayer hatte die Firma Steigerwald, die das Mittel Iberogast seit den 50er Jahren herstellte, im Jahr 2013 übernommen. Die 180 Steigerwald-Beschäftigten sorgten damals für einen Umsatz von 61 Millionen Euro. Heute soll der Umsatz doppelt so hoch liegen. Bayer nennt keine Umsatzzahlen für das Mittel. Iberogast ist eine der bekanntesten rezeptfreien Arzneien von Bayer.

Die neuen Schlagzeilen kommen für Bayer zur Unzeit. Der Konzern sieht sich in den USA 13.400 Glyphosat-Klagen gegenüber. Zwei Mal haben Richter zwar bereits vorangegangene Jury-Urteile korrigiert, sie reduzierten die Höhe des Schadenersatzes massiv. In der Sache aber bestätigten sie die Kläger, die den Unkrautvernichter Roundup für ihre Krebserkrankung verantwortlich machen. Die Debatte um milliardenschwere Vergleiche hat bereits begonnen.

Und so stagniert die Bayer-Aktie, obwohl der Konzern beim Aufräumen der Sparte für rezeptfreie Arzneien vorankommt. Die Sparte war zum Sorgenkind geworden, nachdem Bayer 2014 das entsprechende Geschäft vom US-Konzern Merck übernommen hatte. Nun hat Bayer einen Käufer für die Fußpflege-Marke Dr. Scholl‘s gefunden. Diese geht für 585 Millionen Dollar an den US-Finanzinvestor Yellow Wood. Der erwerbe die Markenrechte an Dr. Scholl‘s in Amerika und übernehme rund 30 Mitarbeiter in den USA und Kanada, teilte Bayer mit. Dr. Scholl‘s machte zuletzt einen Jahresumsatz von 234 Millionen Dollar.

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