Hürtgenwald: Ex-Beamter in 625 Fällen vor dem Landgericht angeklagt

Prozessauftakt : Hürtgenwalder Ex-Beamter soll 612.622 Euro veruntreut haben

Carsten E. ist in 625 Fällen vor dem Aachener Landgericht angeklagt. In 621 geht es darum, dass der 40-Jährige Steuergeld aus der Kasse der Gemeinde Hürtgenwald veruntreut haben soll.

Mit rotem Kopf öffnet Oberstaatsanwältin Anja Lütje ihre Robe, es ist 13.22 Uhr am Aachener Landgericht, seit mehr als einer Stunde verliest sie die Anklage, sie ist bei Fall 406 angekommen. Es folgen noch weitere 219. Angeklagt ist Carsten E. aus Hürtgenwald im Kreis Düren. Um 14.03 Uhr hat Lütje 621 unrechtmäßige Überweisungen vorgelesen, sie summieren sich auf 612.622 Euro, die der ehemalige Beamte aus der Kasse der Gemeinde Hürtgenwald veruntreut haben soll. Laut Anklage geschah dies zwischen August 2013 und November 2017.

Carsten E. hat im Hürtgenwalder Rathaus immer nur in der Kämmerei gearbeitet. 2000 fing er dort an, seit 2002 war er Sachbearbeiter für den Haushalt der rund 9000 Einwohner großen Gemeinde. Er stieg sogar bis zum Stellvertreter des Kämmerers auf. Vor allem kümmerte er sich um Rechnungen, die mit Liegenschaften, Sportplätzen, Grünflächen und Dorfplätzen zu tun hatten. Seine EDV-Kenntnisse sollen „überdurchschnittlich“ sein, sagt die Oberstaatsanwältin.

Als der heute 40-Jährige in finanzielle Schwierigkeiten geriet, soll er angefangen haben, sein Talent am Computer für den immensen fortgesetzten Betrug zu nutzen. 2009 war das. Die Anklage listet Fälle bis zum August 2013 zurück, alle möglichen Fälle davor wären verjährt. Wie Carsten E. sich an den Steuergeldern bereichert haben soll, klingt simpel: mit gefälschten Rechnungen. Der 40-Jährige soll die Rechnungen von privaten Bestellungen und Dienstleistungen so gefälscht haben, dass es aussah, die Gemeinde Hürtgenwald sei der Auftraggeber. Und anstatt der Kontonummer von realen Firmen aus der Region hat er seine angegeben. In anderen Fällen die Kontonummer seiner Ehefrau – das Konto soll er jedoch verwaltet haben. Andere Barüberweisungen sollen unter einem Vorwand über das Konto eines Bekannten gelaufen sein.

In all den Jahren soll Carsten E. etliche hochwertige Mobiltelefone, Fernseher, ein Motorrad der Marke Aprilia, Notebooks, ein Gartenhaus und viele andere Dinge und Dienstleistungen bestellt haben. In den gefälschten Rechnungen tauchten dagegen Fußballtore, Schläuche für Fäkalienentsorgung, Klettergerüste – und vor allem Arbeiten an Grünflächen auf. Auf den fiktiven Rechnungen hat Carsten E. für etliche Tausend Euro eine Menge Rasen mähen und viele Bäume pflegen lassen. Für die Pflege des Ortsteils Gey soll E. eigens eine fiktive Dorfgemeinschaft samt Konto eingerichtet haben, über die er seine privaten Bestellungen abgerechnet haben soll.

Für eine Privatperson sind 612.622 Euro eine Menge Geld. Die Gemeinde Hürtgenwald veranschlagt in ihrem Haushalt jährlich mehr als 20 Millionen Euro. Rechnet man die vorgeworfene Betrugssumme um, sind es unter 20.000 Euro, die aus der Gemeinde Kasse monatlich verschwanden.

Der Angeklagte äußerte sich am Freitag nicht zu den Vorwürfen. Sein Eschweiler Anwalt Christian Franz kündigte an, sein Mandant werde am nächsten Prozesstag „umfangreich und erschöpfend“ aussagen. Franz führte bereits an, dass Carsten E. seit Februar 2018 in therapeutischer Behandlung sei und Medikamente nehme. Bei ihm sei eine „kombinierte Persönlichkeitsstörung und Kaufsucht“ diagnostiziert worden. In dem Verfahren sitzt mit Dr. Henning Saß ein renommierter Psychiater, der am Aachener Uniklinikum arbeitet. Zuletzt hat er unter anderem bereits im NSU-Prozess ein Gutachten über Beate Zschäpe erstellt.

Oberstaatsanwältin Anja Lütje verliest am Ende ihrer Anklage vier weitere Fälle. Es geht vor der 9. Großen Strafkammer nicht nur um Veruntreuung und gewerbsmäßigen Betruges, sondern auch um Urkundenfälschung. Carsten E. soll sich unter anderem eine Krebsdiagnose mit einem falschen Attest erstellt haben. Für das Verlesen dieser Punkte braucht Anje Lütje ab 14.03 Uhr nur zwei Minuten.

Am Freitag, 28. Juni, wird das komplexe Verfahren fortgesetzt.

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