Hooligan von Alemannia Aachen in U-Haft: Versuchter Mord nach Finale?

Alemannia-Hooligan in U-Haft : Versuchter Mord nach Pokalfinale?

Der Hooligan Jens B. aus Herzogenrath hatte versprochen, ein besserer Mensch zu werden. Nun sitzt er wieder in Untersuchungshaft – er soll versucht haben, einen Ordner im Bonner Nordpark zu ermorden.

Neun Monate, bevor Alemannia Aachen im Mai das Pokalfinale gegen Fortuna Köln in Bonn gewann, saß Jens B. in Saal A0.009 des Aachener Landgerichts und las der 1. Großen Strafkammer seinen Lebenslauf vor, den er vorher im Gefängnis aufgeschrieben hatte. Was der als Hooligan, Zuhälter, Rechtsradikaler und Rocker verschriene Jens B. damals im August 2018 sagte, klang ehrlich, selbstkritisch und schonungslos, es war die Bilanz seines bisherigen Lebens. Sein Vortrag endete damit, dass B., damals 28 Jahre alt, über seine Ziele sprach: ein sorgenfreies Leben „fernab von Kriminalität“ wolle er führen, „meine Eltern, aber vor allen Dingen mal mich selbst stolz machen“. Und „mein allergrößter Traum wäre es, schon sehr bald mit meiner zukünftigen Frau (…) eine eigene kleine Familie zu gründen“.

Tumulte im Nordpark

Seine scheinbare oder tatsächliche Offenheit trug dazu bei, dass Jens B. einige Wochen später, am 9. Oktober 2018, ein relativ mildes Urteil erhielt, drei Jahre und neun Monate Haft unter anderem wegen schweren Menschenhandels und schwerer Zwangsprostitution, wegen Zuhälterei, Betruges, versuchter Erpressung und versuchter Nötigung. Noch am selben Tag wurde B. nach 15 Monaten Untersuchungshaft vorübergehend aus dem Gefängnis entlassen, so entschieden es damals die Richter.

Aachen, 9. Oktober 2018: Jens B. vor der Verkündung eines weiteren Urteils gegen ihn. Foto: Ralf Roeger

Obwohl eine Psychiaterin und das Gericht Jens B. in diesem Prozess vergangenes Jahr eindringlich vor Augen gehalten hatten, dass der Erfolg seiner Resozialisierung und das Erreichen seiner selbst formulierten Ziele maßgeblich davon abhängen werde, sich vom Aachener Tivoli fernzuhalten und seine Zeit nicht wieder mit seinen alten Freunden aus der Hooligan-, Türsteher- und Rockerszene zu verbringen, machten schon bald Gerüchte die Runde, dass Jens B., der am Tivoli vorübergehend Stadionverbot hatte, wieder regelmäßig zu Alemannia-Spielen gehen würde.

Gesichert ist, dass B., mittlerweile 29 Jahre alt, am 25. Mai 2019 nach Bonn fuhr, wo Alemannia Aachen im Finale um den Mittelrheinpokal im Nordpark gegen Fortuna Köln spielte. Aachen gewann mit 3:1 und qualifizierte sich damit für den DFB-Pokal. Es war das erste Mal seit langem, dass der in die Regionalliga abgestürzte Traditionsverein wieder mal etwas zu feiern hatte.

Nach dem Schlusspfiff brach im Block der Alemannia-Fans, in dem auch Teile der berüchtigten Aachener Hooligangruppierungen standen, großer Jubel aus. Jens B. war einer von denen, die nach derzeitigem Kenntnisstand an einem Zaun am Spielfeldrand standen und den auf der anderen Seite des Zauns stehenden Ordner aufforderten, die Tür zum Spielfeld zu öffnen. Als dieser der Aufforderung nicht nachkam, packte B. den Ordner und strangulierte ihn mit dessen Ordnerleibchen, bis er ohnmächtig wurde. So jedenfalls stellen es die Ermittler dar. Die Tür öffnete sich, und der Aachener Block stürmte den Platz. Bis die restlichen Ordner und die Polizei die Situation unter Kontrolle hatten und die Siegerehrung stattfinden konnte, vergingen 45 Minuten.

Die Bonner Polizei stufte den Vorfall am Zaun des Nordparks zunächst als eine gefährliche Körperverletzung ein, B.s anschließende Beteiligung am Platzsturm der Aachener Fans und Hooligans als schweren Landfriedensbruch. Im Bonner Polizeipräsidium wurde ein Ermittlungsverfahren gegen Jens B. eingeleitet.

In dem Prozess am Aachener Landgericht vergangenes Jahr hatte Oberstaatsanwältin Jutta Breuer die Anklage gegen Jens B. geführt, sie kennt ihn und sein Umfeld seit Jahren aus diversen anderen Ermittlungsverfahren und Prozessen. Die Antipathie zwischen Jens B. und Jutta Breuer war im gesamten Prozessverlauf greifbar gewesen, immer wieder hatte sich diese Antipathie in lauten Wortwechseln entladen. Am 9. Oktober 2018 hatte Breuer ihre Wut über das milde Urteil der 1. Großen Strafkammer und Jens B.s vorübergehende Entlassung aus dem Gefängnis kaum verbergen können. Bald nach der Urteilsverkündung entschloss sie sich, den Bundesgerichtshof zur Überprüfung des Urteils anzurufen und legte Revision ein. Bis eine Entscheidung fällt, kann es allerdings noch dauern.

Die Aachener Ermittler übernehmen

Am 27. Juni 2019, also 33 Tage nach dem Vorfall im Bonner Nordpark, kam die Staatsanwaltschaft in Bonn zu dem Entschluss, dass der wesentliche Teil der Ermittlungen in Aachen geführt werden müsse, schon weil dort die meisten Zeugen wohnen. Die Behörde gab das Verfahren gegen Jens B. an die Staatsanwaltschaft Aachen ab, und noch am selben Tag übernahm Oberstaatsanwältin Breuer die Ermittlungen.

In den nächsten Tagen sichtete sie das Beweismaterial, vernahm Zeugen der Tat und wertete vor allem Bildmaterial aus unterschiedlichen Quellen aus. Am 5. Juli kam sie zu dem Schluss, dass Jens B. am Zaun im Bonner Nordpark sogar den Tod des Ordners in Kauf genommen habe, um auf das Spielfeld zu gelangen. Das Strangulieren wertete sie nun nicht mehr als gefährliche Körperverletzung, sondern als versuchten Mord.

Am selben Tag beantragte Breuer beim Amtsgericht Aachen einen Haftbefehl gegen Jens B., den eine Richterin am 8. Juli unterschrieb. Am 9. Juli, einem Dienstag, fuhren Polizeibeamte nach Herzogenrath und nahmen Jens B. zu Hause fest. Es heißt, er habe keine Gegenwehr geleistet. Seitdem sitzt B. erneut in Untersuchungshaft. Wie die Staatsanwaltschaft am Mittwoch mitteilte, habe sich B. zu den Vorwürfen bislang nicht geäußert.

Auf Anfrage unserer Zeitung erklärte B.s Verteidiger Gabor Subai am Mittwoch, er halte Breuers „Vorwürfe für abwegig“. Videoaufnahmen des Vorfalls würden nicht belegen, dass Jens B. den Ordner habe töten wollen. Er unterstellte Oberstaatsanwältin Breuer „fehlende Objektivität“ in Bezug auf seinen Mandanten und hält es in diesem Zusammenhang für „befremdlich, dass das Verfahren in Aachen und nicht in Bonn geführt“ wird. Er sei dabei, dem zuständigen Oberlandesgericht Köln eine Haftbeschwerde vorzulegen.

Der Fußballverband Mittelrhein, der das Finalspiel am 25. Mai in Bonn veranstaltet hatte, teilte mit, dass es dem strangulierten Ordner mittlerweile etwas besser gehe. „Aber die Auswirkungen machen sich bei ihm immer noch bemerkbar“, sagte Verbandsgeschäftsführer Dirk Brennecke. Alemannia Aachen hat zwischenzeitlich Kontakt zu dem verletzten Ordner aufgenommen und ihm und seiner Begleitung eine Woche Urlaub in Bayern geschenkt. Zur Erholung.

Das waren allerdings nicht die einzigen Kosten, die dem Traditionsverein durch das Fehlverhalten der Fans in Bonn entstanden. Vergangene Woche sprach der Fußballverband Mittelrhein wegen des Platzsturms eine Geldbuße von 5000 Euro aus. Weitere 1600 Euro muss die Alemannia als Schadenersatz für zerstörte Banden bezahlen.

Der Appell des Vizepräsidenten

Alemannias Verfahrensbevollmächtigter Johanes Delheid konnte den drohenden Bann ebenso abwenden wie später auch eine Geldbuße von insgesamt 10.000 Euro. Der Jurist und Vizepräsident überzeugte die Kammer mit dem Hinweis, dass die Verantwortung des Vereins eher eingeschränkt sei. Der Verband habe das Spiel ausgerichtet, sei auch für die Ordnung im Stadion verantwortlich gewesen. Delheid appellierte an die Fans: „Wir sind im Fokus, wir sind angehalten, die Situation auch mit Stadionverboten in den Griff zu kriegen.“

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