Aachen: Honorarreform: 15,96 Euro für einen Patienten pro Quartal

Aachen: Honorarreform: 15,96 Euro für einen Patienten pro Quartal

Fara Maleki sieht sich in ihrer Existenz bedroht. Die Gynäkologin hat sich vor einem Jahr niedergelassen, ist Mutter von zwei Kindern und Alleinverdiener der Familie. 67.000 Euro habe sie 2008 zu versteuern gehabt, sagt sie. In diesem Jahr rechne sie mit 15 bis 20 Prozent weniger.

„Für frisch niedergelassene Ärzte ist die Honorarreform der Ruin”, sagt Maleki mit Verweis auf den Schuldenberg, den sie mit Übernahme der Praxis am Aachener Markt abtragen muss.

Mit schlechtem Gewissen

Ärzte würden mit der Reform gezwungen, um Privatpatienten zu buhlen. „Und chronisch kranke Patienten werden zu Patienten dritter Klasse gemacht”, ergänzt Rolf Sturm, ebenfalls Gynäkologe in Aachen. Er habe schon erlebt, dass Patienten beim zweiten oder dritten Praxisbesuch in diesem Quartal mit schlechtem Gewissen zu ihm gekommen seien. „Die Reform entzieht einer gesunden Arzt-Patienten-Beziehung den Boden”, sagt der Arzt. Deshalb haben Ärzte wie Sturm oder Maleki nun eine Entscheidung getroffen.

Mehr als 90 Prozent der Praxen der insgesamt 127 niedergelassenen Frauenärzte in Stadt und Kreis Aachen, in Heinsberg, Erkelenz und Düren werden am Donnerstag und Freitag geschlossen bleiben. Rund 300.000 Patienten werden davon betroffen sein. „Das ist aber kein Streik, denn unter Druck setzen würden wir damit ja nur die Patienten. Das wollen wir nicht”, sagt Sturm. Alle Termine seien in Abstimmung mit den Patienten verschoben worden, Notdienste sind eingerichtet.

Hintergrund des Protests, der mit einem Aktionstag am Samstag, 21. März, zwischen 11 und 14 Uhr auf dem Aachener Markt gipfelt, ist das neue Honorierungssystem für Kassenärzte. Aus Sicht der Gynäkologen hat das seit Januar dieses Jahres geltende Abrechnungsmodell den Ärzten nicht nur jegliche betriebswirtschaftliche Planungssicherheit entzogen, sondern lässt sie auch finanziell deutlich schlechter dastehen. „Wir müssen zwar dieses Quartal abwarten, bevor wir genaue Zahlen nennen können, aber mit einem Fünftel Einbußen müssen wir wohl rechnen”, meint Sturm. Dabei sei den Ärzten mehr Geld versprochen worden.

Die Frauenärzte sind nicht die ersten, die gegen die Honorarreform protestieren. Fachärzte aus Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg und Bayern ließen bereits ihren Praxen geschlossen. „Schwer nachvollziehbar”, findet Dirk Ruiss, Sprecher der Landesvertretung Nordrhein-Westfalen des Verbands der Ersatzkassen (VDEK), diese Reaktionen.

Im Vergleich zu 2007 bekämen die Ärzte 2009 auf das gesamte Bundesgebiet verteilt 2,7 Milliarden Euro mehr. Laut Statistischem Bundesamt verdienten Ärzte in Deutschland bisher im Durchschnitt 126.000 Euro, zehn Prozent mehr bekämen sie nach der Reform, sagt Ruiss. Welche Bundesländer und Fachärzte letztlich wieviel erhalten, das sei Aufgabe der Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) und auch der Knackpunkt des Streits.

Ein Ziel der Reform ist eine Angleichung der Honorare in West und Ost. So erhält der Spitzenreiter Thüringen ein Plus von über 24 Prozent, dem Gebiet Nordrhein wurden im Vergleich zu 2007 6,5 Prozent mehr zugeteilt. Da aber die Honorare 2008 bereits gestiegen sind, bleibt unter dem Strich nur ein Plus von 0,6 Prozent.

Der Streit entzündet sich vor allem am Pauschalbetrag, den Ärzte für die Behandlung eines kranken Patienten für ein Quartal bekommen, dem Regelleistungsvolumen (RLV). 15,96 Euro bekommen Gynäkologen im Gebiet Nordrhein. Egal, wie oft der Patient in den drei Monaten in der Praxis erscheint.

Ein Ultraschall oder ein Abstrich sind in dem Betrag enthalten, Extraleistungen wie Vorsorge, ambulante Operationen oder Notdienste werden separat bezahlt. Die Beträge werden seit Januar in Euro und nicht mehr in Punkten ausgewiesen. So sehen die Ärzte zum ersten Mal, wie viel die Leistungen tatsächlich wert sind.

„Das RLV sagt aber überhaupt nichts darüber aus, was ein Arzt am Ende eines Quartals bekommt”, sagt Ruiss. Etwa 60 Prozent des Gesamthonorars mache das RLV bei den Ärzten im Schnitt aus. Außerdem hätten Ärzte mit zum Beispiel einem besonders hohen Anteil Krebspatienten die Möglichkeit, das bei ihrer Kassenärztlichen Vereinigung geltend zu machen.

Für Rolf Sturm nur ein schwacher Trost. „Die KV hat uns mitgeteilt, dass wir im zweiten Quartal nur 13,81 Euro bekommen werden”, sagt er. Abweisen werden er und seine Kollegen aber mit Sicherheit keine Kassenpatienten. „Auch Vorauszahlungen werden wir nicht verlangen.” Was die Fachärzte wollten, seien wieder gesonderte Vergütungen für Ultraschalluntersuchungen oder psychosomatische Betreuung.

Ob die Forderungen in die noch laufende Nachjustierung der Reform einfließen oder ob sie, wie der bayerische Gesundheitsminister Markus Söder (CSU) in seinem Antrag im Bundesrat fordert, wieder abgeschafft wird, ist noch offen.

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