Wassenberg: Höhner-Frontmann Krautmacher: „Kochen ist auch immer etwas Kreatives“

Wassenberg : Höhner-Frontmann Krautmacher: „Kochen ist auch immer etwas Kreatives“

„Die Goldene Schlemmer-Ente für ein Huhn — das passt doch!“ Mit diesen Worten hatte Henning Krautmacher, sympathischer Frontmann der populären Kölner Band Höhner, auf die Nachricht reagiert, dass er in diesem Jahr beim Schlemmer-Markt Rhein-Maas in Wassenberg mit diesem Ehrenpreis von der gastgebenden Stadt und unserer Zeitung ausgezeichnet werden soll.

Am kommenden Donnerstag, 9. August, um 19.30 Uhr ist es so weit: Dann wird diese Auszeichnung im Rahmen der offiziellen Eröffnung des viertägigen kulinarischen Spektakels auf dem Wassenberger Roßtorplatz an den Sänger, Maler, Texter, Autor (unter anderem von fünf Rezeptbüchern), Schauspieler und leidenschaftlichen Koch überreicht. Dieter Schuhmachers sprach mit dem Preisträger.

Wie ist Ihre Leidenschaft zum Kochen geweckt worden?

Krautmacher: Mein Vater war gelernter Bäcker, Konditor und Koch. Meine Mutter — inzwischen 91 Jahre — ist die Tochter eines Müllers mit eigener Backstube und dem Backen wie dem Kochen nicht fern. All dies hat mich höchstwahrscheinlich geprägt.

Und dann durfte der ganz kleine Henning ein weihnachtliches Menü für die Familie zubereiten.

Krautmacher: Ja, es gab Spargelcremesüppchen, zugegebenermaßen aus der Tüte, Kotelett — selbst paniert — mit Salzkartoffeln und Leipziger Allerlei und als Nachtisch eine Scheibe Fürst-Pückler-Eis.

Und vor allem soll es danach ja ein dickes Lob gegeben haben: „Henning, dat häste joot jemaat!“

Krautmacher: Darum geht es doch: Kindern Mut zu machen, in die Küche zu gehen und ihnen die Angst vor dem Herd zu nehmen. Mit ihnen gemeinsam zu überlegen: Was schmeckt Euch? Was können wir zusammen machen? Und wenn das von den Kindern zubereitete Essen dann wirklich aufgegessen wird und sie hören: „Das war aber lecker!“, mehr Applaus gibt es nicht! So können auch die Kinder früh erfahren, dass es einfach Freude macht, anderen Freude zu bereiten.

Wie oft steht denn der erwachsene Henning am Herd?

Krautmacher: Es ist eher die Ausnahme, dass ich nicht am Herd stehe. Wenn es irgendwie möglich ist, meist müssen wir mit der Band ja erst am frühen Nachmittag los, ­koche ich an vier, fünf Tagen in der Woche selbst.

Da soll es dem Vernehmen nach auch „Rumfort“ geben...

Krautmacher: Das ist ein Begriff, den Horst Lichter geprägt und mit dem er mir aus der Seele gesprochen hat. Rumfort: Da wird etwas aus Dingen gezaubert, die rumstehen und fortmüssen. Kochen ist auch immer etwas Kreatives. Die Kombination ist das Geheimnis. Und wenn du Möhren, Äpfel und Zwiebel hast, dann machst Du einfach eine Möhren-Apfel-Zwiebel-Suppe. Not macht bekanntlich erfinderisch. So wurde früher ja auch die Kantensuppe aus der Not heraus geboren. Mit Brotresten, in kleine Würfel geschnitten, mit Fleischbrühe zubereitet, mit Käseresten überbacken und mit Kräutern garniert. Da kam es auf das Geschick des Koches oder der Köchin an. Mir blutet immer das Herz, wenn man Lebensmittel wegschmeißt. Nach der Käseplatte am Abend gibt es am nächsten Morgen immer Reste. Daraus kann eine wunderbare Käsesuppe entstehen, die jedes Mal anders schmecken wird.

Wie kam es denn Anfang der 1990er Jahre zu dem ersten von inzwischen fünf Kochbüchern, die Sie verfasst haben: „Kölsch für ze müffele“?

Krautmacher: Ich war gerade in einer Druckerei, um unsere neue Autogrammkarte abzuholen. Da kam Ernst Lüttgau herein, ein Verleger, der sich auf kölsche Themen spezialisiert hatte, um sein neuestes Druckwerk zu begutachten. Ich habe ihm bewundernd über die Schulter geschaut. Wir kamen miteinander ins Gespräch. Er sagte, er plane ein Kochbuch. Und ich sagte: „Ich koche auch so gerne.“ Er fragte: „Kriegst du das auf Kölsch hin?“ Ich habe es versucht und geschafft. Wir hatten ja damals den Song ­„Pizza wundaba“: „Oh la la, willst du eine Pizza?“ Da war klar, dass ich mit einer Pizza auf dem Titelfoto landen würde. Das Buch war gleich ein Riesenerfolg.

Was macht denn die kölsche Küche, die Küche im Rheinland aus?

Krautmacher: Köln — das ist Multi-Kulti. So wie London schon früh als Melting Pot of the Nations, also als Schmelztiegel der Nationen, galt. Das lässt sich auch auf Köln übertragen. Die italienische Küche hat sich längst eingebürgert. Da ist der Italiener an der Ecke, aus dem Toni ist der Tünn geworden. Aber auch der Thailänder, Chinese, Türke oder der Grieche und viele mehr: Alles ist in Köln vertreten. Der Kölner liebt die Vielfalt und versteht es, sie mit seiner alten Tradition in Einklang zu bringen. So gibt es dann eben auch die Pizza mit Flönz drauf. Und was für Köln gilt, gilt genauso für das Rheinland. Andererseits sollte man aber auch aufpassen, dass die Klassiker der rheinischen Hausmannskost nicht verwässert werden. Nehmen wir zum Beispiel Himmel un Ääd: Himmel steht für Äpfel — und Ääd steht für Erd-Äpfel, also Kartoffeln. Das Original-Rezept sieht vor, dass die Kartoffeln, nach dem Garen, zu einem groben Kartoffelstampf verarbeitet und die ebenfalls weich gekochten, aber noch als Apfelstückchen erkennbaren Äpfel vorsichtig mit den Kartoffeln vermischt werden. Oft erlebe ich, dass in manchem kölschen Lokal ein feinst pürierter Kartoffelbrei mit feinst ­püriertem Apfelmus — mitunter sogar in einem Extra-Schälchen — serviert wird. Da retten die jebrodene Flönz und kross jebackene Öllig obenauf die Tradition des Original-Rezeptes auch nicht mehr.

Haben Sie eigentlich ein Lieblingsgericht?

Krautmacher: Ich liebe jede Form von Fisch. Aber es sollte — wenn möglich — immer auch ein Fisch der Region sein. So wähle ich im Urlaub in der Alpenregion um Bregenz gerne das Bodenseefelchen oder in Norddeutschland die Scholle und auf Mallorca eine ganze — möglichst gegrillte — Dorade.

Und wie sieht es mit der Ernährung an stressigen Tourneetagen, zum Beispiel in der heißen Phase der Karnevalssession, aus?

Krautmacher: Wir versuchen, uns bewusst nicht von den Büfetts zu ernähren, von Kartoffelgratin oder Festzeltgarnelen, sprich Würstchen. Wir sind seit Jahren mit Tupperware-Dosen unterwegs. Ich schmiere mir mein Butterbrot selbst. Da sind dann Gemüsesticks in der Dose drin: Möhren, Gurken, Paprika, Kohlrabi — mit einem Dip. Dazu Apfel und Banane, ein, zwei Müsliriegel. Das ist eine vollwertige Mahlzeit. Wir tauschen auch mal untereinander: Der Hannes hat immer so leckere Eifel­äpfelchen ...

Die Höhner sind beileibe nicht nur im Karneval unterwegs: Höhner Rockin‘ Roncalli, Höhner Classic, Höhner Weihnacht und viele weitere Konzerte wären da zu nennen. Das sind alles Auftritte nicht nur in Köln und im direkten Umfeld, sondern auch in der hiesigen Region.

Krautmacher: Wir treten hier gerne auf, weil man uns gewogen ist. Dass wir hier eine Menge Fans haben, dafür können wir dankbar sein, das ist ja nicht selbstverständlich. Wenn wir kommen, dann sind die dabei. Und wir sind immer bemüht, die Erwartungen nicht nur zu erfüllen, sondern sie immer ein ganz kleines Stück zu übertreffen. Nur so bist du erfolgreich.

Henning Krautmacher ist nicht nur ein äußerst kreativer, sondern auch ein sozial engagierter Mensch, der sich zum Beispiel für die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS), für die Stiftung Lesen und für die Obdachlosen in Köln einsetzt oder mit der Band für Unicef. Was motiviert Sie dazu?

Krautmacher: Das Leben! Ich bin und bleibe da Überzeugungstäter. So hatte ich vor 30 Jahren vom Schicksal eines an Leukämie erkrankten Jungen in Köln erfahren und mich dann entschlossen, mich da einzusetzen. Mir ist bei einem solchen Engagement immer wichtig, glaubwürdig und authentisch aufzutreten, nicht nur den Namen dafür herzugeben, sondern auch wirklich persönlich zur Verfügung stehen zu können. Beim Thema ­Lesen hat mich die Pisa-Studie motiviert. Und ich lese wirklich gerne vor. So war ich zuletzt in einem Waldkindergarten in Frankfurt. Da ging es nicht um Henning Krautmacher. Die Kinder haben vielmehr einfach gerne dem Mann mit dem lustigen Schnäuzer zugehört.

Dem Pilgerer Henning Krautmacher fehlen nur noch wenige hundert Kilometer auf dem Jakobsweg. Was bedeutet Ihnen das Pilgern?

Krautmacher: Pilgern — das ist ein Weg zu sich selbst zurück. Wo man bemüht ist, alles hinter sich zu lassen — auch das Internet und das Handy. Ich war schon vor 25, 30 Jahren auf Wanderungen in den Alpen unterwegs. Wenn du solche Wege gehst, fühlst du Dich befreit. Und auf deinem Pilgerweg kannst du dann am Abend für neun oder zehn Euro ein Drei-Gänge-Menü genießen: Als Vorspeise vielleicht ein Süppchen, zum Hauptgang Huhn auf Reis und als Dessert ein gebackener Ziegenkäse mit Honig. Dazu gibt es reichlich Mineralwasser und immer einen sehr guten Landwein von den umliegenden und von mir selbst durchwanderten Weinfeldern — alles im Preis inbegriffen.

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