Aachen: Hochschulentwicklungsplan: Der Rektor will neue Wege beschreiten

Aachen: Hochschulentwicklungsplan: Der Rektor will neue Wege beschreiten

Es sind 60 Seiten, die der Fachhochschule Aachen eine Perspektive geben — ihre Perspektive. Erstmals gibt es einen Hochschulentwicklungsplan der Aachener FH, der die Herausforderungen und Chancen der Hochschule bis ins Jahr 2017 skizziert. Der Plan ist das Resultat eines langen Diskussionsprozesses auf allen Ebenen der FH, und das Ergebnis wird auch in Düsseldorf mehr als nur zur Kenntnis genommen.

Ein solcher Hochschulentwicklungsplan wird vom Wissenschaftsministerium nämlich mittlerweile gefordert und wird somit Grundlage für einen Landeshochschulentwicklungsplan. Im Interview erläutert FH-Rektor Marcus Baumann, wo seine Fachhochschule steht.

Die FH Aachen hat erstmals einen Hochschulentwicklungsplan. Wie hat es die Hochschule denn bislang geschafft, ohne einen solchen Masterplan zu funktionieren?

Baumann: (lacht) Ja, das ist genau die richtige Frage. Die Hochschule hat in ihrer über 40-jährigen Geschichte unglaubliche Fortschritte gemacht. Da fragt man sich in der Tat: Wie hat das ohne Hochschulentwicklungsplan funktioniert? Ich glaube, man hat auch früher schon sehr strategisch gearbeitet und sich überlegt, wo man mit dieser FH Aachen hin will. Es wurde eben nur nicht so in einem Plan zusammengefasst. Wir begreifen diesen Plan jetzt als Chance, weil wir die gesamte Hochschule beteiligen konnten. Das war von Anfang an so gedacht. Ich kenne andere Hochschulen, da hat sich der Rektor hingesetzt und ein Pamphlet geschrieben, das dann im Senat abgesegnet wurde — und fertig. Da hatten wir einen anderen Anspruch.

Welchen?

Baumann: Wir hatten den Anspruch, alle Hochschulangehörigen zu beteiligen — inklusive der Studierenden. Es hat lange gedauert, einen jeden mitzunehmen und einen Beitrag zu ermöglichen. Und es war nie so, dass wir einen Plan haben wollten, um dann die Hände in den Schoß zu legen. Der Plan ist der Kondensationspunkt der Ideen, die es in dieser FH Aachen zurzeit gibt, und von diesem Punkt aus geht es weiter — und zwar ständig. Zwei Mal im Jahr gibt es Strategiesitzungen mit allen Dekanen, es wurden Arbeitsgruppen gebildet, der Fortgang wird im Senat diskutiert. Jedes Mitglied der Hochschule kann sich an der Arbeit dieser Gruppen beteiligen.

Mit welchen Fragen haben Sie sich dabei auseinandergesetzt?

Baumann: Zum Beispiel mit dieser Frage: Wollen wir weitere Studiengänge? Und wenn ja, welche? Wir sind eine technische Hochschule mit 85 Prozent MINT-Fächern — 15 Prozent sind Gestaltung, Architektur und Wirtschaftswissenschaften. Das schränkt uns ein. Wir sind — abgesehen von einer neuen reinen MINT-Hochschule — die einzige Hochschule in NRW, die ein so konzentriertes Angebot hat, und das macht sich durchaus als Problem bemerkbar, wenn nun die Bedingungen für die sogenannte leistungsorientierte Mittelvergabe — so wie es im Moment die Planung ist — umgestellt werden. Wenn die teureren MINT-Fächer nicht mehr mit einem Faktor beaufschlagt werden, dann bedeutet das für uns finanzielle Verluste. Und die müssen wir ausgleichen. Das ist einer der wichtigen Gedanken, die bereits entwickelt wurden. In Zusammenarbeit mit der RWTH haben wir den dualen Studiengang Physiotherapie eingeführt, und wir überlegen, noch weitere Nicht-MINT-Fächer aufzulegen. Wir haben da schon konkrete Ideen.

Nennen Sie doch mal eine!

Baumann: Es gibt Überlegungen, die gehen in die Richtung Recht. Es gibt hier in Aachen keine Rechtsfakultät. Natürlich wollen wir keine Rechtsanwälte ausbilden, aber es gibt im Zusammenhang mit Wirtschaftsrecht und gerade im Grenzgebiet auch mit internationalem Vertragsrecht die Perspektive für interessante Studiengänge. Besonders Vertragsrecht ist für Ingenieure nicht uninteressant. Wir haben jetzt schon einige Juristen als Professoren — leider noch keine Professorinnen — beschäftigt, die meisten in der Betriebswirtschaft, aber auch bei den Mechatronikern, weil jeder im Management eines Unternehmens später auch Rechtskenntnisse haben muss.

Wie ließen sich in all diese Gedanken denn bisher die Studenten einbinden?

Baumann: In erster Linie über den Senat, die Fachbereichsräte und den AStA. Das Interesse ist manchmal eher von zurückhaltender Natur, denn die Studierenden sind nun einmal nur eine begrenzte Zeit hier und beschäftigen sich in der Regel nicht mit dem, was an einer Hochschule geschieht, wenn sie wieder weg sind. Ein weiterer Grund kann sein, dass durch die empfundene Verdichtung des Studiums mit der Umstellung auf die Bachelor- und Masterstudiengänge weniger Zeit bleibt, sich neben vielen anderen Dingen auch hochschulpolitisch zu engagieren.

Die meisten werden ihren Abschluss in der Tasche haben, wenn der Hochschulentwicklungsplan 2017 fortgeschrieben wird…

Baumann: Am besten alle… Aber gleichwohl brauchen wir auch die Kompetenz der Studierenden. Man studiert heute vollkommen anders als in den 1970ern, in denen ich studiert habe. Das müssen wir berücksichtigen. Die Hochschulen werden sich anpassen müssen und folglich stark verändern.

Wie meinen Sie das?

Baumann: In ein paar Jahren wird man vermutlich keine großen Hörsäle mehr brauchen, weil das Studium anders stattfindet. Die Potentiale der elektronischen Medien lassen sich immer besser nutzen. Die Präsenzzeiten an den Hochschulen werden hingegen viel intensiver werden. Darauf werden wir uns einstellen müssen. Da benötigen wir den engen Austausch mit den Studierenden, um zu sehen, welche Ansprüche sie haben. Wir machen die ganze Planung ja für sie.

Der Hochschulentwicklungsplan greift eine ganze Reihe von Ansätzen zur Gestaltung der FH Aachen auf. Aber welche ist aus Ihrer Sicht die größte Herausforderung?

Baumann: Das ist schwer zu beantworten. Wir leben in einer Zeit, in der sich der Hochschulbereich entscheidend verändert. Es steht alles auf dem Prüfstand. Wir hatten fast 40 Jahre ein duales System mit den Fachhochschulen auf der einen Seite und den Universitäten auf der anderen. Mit der Bologna-Reform wurde eine Änderung eingeleitet. Bei den Abschlüssen Bachelor und Master gibt es keine Unterschiede mehr. Wir als FH haben die Möglichkeit, unsere besten Absolventen in Kooperation mit Universitäten zur Promotion zu führen. Das war vor ein paar Jahren noch deutlich schwieriger. An den Fachhochschulen wird seit ein paar Jahren vermehrt entwickelt und teilweise auf hohem Niveau geforscht. Mithin wird sich die Hochschullandschaft verändern, und es wird mehr Hochschultypen geben, von der Exzellenzhochschule mit hohem Forschungsanteil, wie der RWTH, bis hin zu Hochschulen, die sich allein einer ausgezeichneten Lehre verschreiben. Wobei ich persönlich der Meinung bin, dass getreu dem Humboldtschen Prinzip eine gute Lehre nur möglich ist, wenn auch geforscht wird. Wir müssen an den Hochschulen wissen, was aktuell in Wirtschaft und Industrie gefragt ist, damit passgenau gelehrt wird. Und es wird alle Übergänge zwischen diesen beiden Hochschultypen geben.

Und wo steht da die FH Aachen?

Baumann: Die größte Herausforderung für die FH Aachen ist, da die Nische zu finden, die wir gut ausfüllen können, so dass wir neben einer exzellenten technischen Universität wie der RWTH Aachen weiter so gut bestehen können und am Ende sehr sinnbringend junge Leute für den Arbeitsmarkt vorbereiten. Eine besondere Chance sehen wir auch in der euregionalen Lage. Wir wollen noch stärker als bisher nach Holland und Belgien schauen und zu einer euregionalen Hochschule werden.

In der Lehre ist diese euregionale Ausrichtung durchaus bekannt. Sie verstehen sich aber auch als Ansprechpartner für kleine und mittelständische Unternehmen in der Forschung. Ist das jenseits der Grenzen so schon bekannt?

Baumann: Da ist es bisher noch nicht ausreichend angekommen. Da haben wir ein Betätigungsfeld, welches wir dringend bestellen müssen. Wir versuchen, alle Gelegenheiten zu nutzen, um unsere Bereitschaft zur Zusammenarbeit publik zu machen, mit Wirtschaft und Hochschulen im Grenzgebiet. Da haben wir ganz klar in den nächsten Jahren das Ziel, uns unentbehrlich zu machen. Im deutschsprachigen Belgien spüren wir großes Interesse, da wird es funktionieren, vielleicht auch mit einem eigenen Standort in Eupen. Wir wollen auch unsere Werbung an den Schulen dort verstärken, um zu zeigen, dass Fachhochschulen in Deutschland anders sind als Hogeschools in Belgien und den Niederlanden. Wir haben uns mit den Master-Studiengängen, die eine hohe Aktivität in Forschung und Entwicklung voraussetzen, viel mehr in Richtung Universität entwickelt. Immerhin war die FH Aachen eine der ersten Fachhochschulen Deutschlands, die in die European University Association EUA aufgenommen wurde, wo strenge Maßstäbe an die Qualität der Forschung gesetzt werden.

Es geht aber auch darum, Drittmittel zu generieren. Der Wettstreit um Drittmittel wird härter. Wie können Sie sich da positionieren?

Baumann: Unsere Stärke ist die fachübergreifende Zusammenarbeit. Wir werden es im Vergleich mit einer a priori besser ausgestatteten Universität sehr schwer haben, im Grundlagenbereich mitzuhalten und dort Drittmittel zu akquirieren. Aber wir werden genau da punkten können, wo das Wissen von Fachleuten verschiedener Fachrichtungen gefragt ist, um ein Problem zu lösen, das anwendungsorientiert ist. Deswegen sollten wir uns genau in diesem Bereich tummeln, auch wenn wir hier in Aachen da nicht allein sind. Auch die RWTH sucht die Zusammenarbeit mit mittelständischen Unternehmen, beispielsweise auf dem Campus. Dort wird auch anwendungsorientiert geforscht. Wir suchen unsere Nischen, die wir besetzen müssen, um zukunftsfähig zu sein: Wir wollen bei Entwicklungen, wo es um die Umsetzung der Invention in eine Innovation geht, die zum Produkt führt, erster Ansprechpartner für kleine und mittelständische Unternehmen in der Region sein. Wie ich immer sage: Was wir heute erforschen und entwickeln, damit soll morgen Geld verdient werden können.

Für diese Nische brauchen Sie als MINT-orientierte Hochschule Studenten. Wo wollen Sie diese in Zukunft gewinnen?

Baumann: Neue Prognosen sagen, dass die Nachfrage nach Studienplätzen nicht so sehr zurückgehen wird, weil immer mehr Menschen leichter den Zugang zur Hochschule finden. Früher konnte man nur mit dem Abitur beziehungsweise Fachabitur studieren, das geht nun deutlich leichter: Wir machen sehr gute Erfahrungen mit dem dualen Studium neben der Berufsausbildung und dem Beruf. Darin steckt auch noch viel Potential. Bedenken, ob Studierende ohne Abitur im dualen Studium durchkommen, wurden schnell ausgeräumt. Viele suchen sogar direkt nach dem erfolgreichen Abschluss als Bachelor den Weg in den berufsbegleitenden Master. Es werden also mehr junge, aber auch mehr ältere Menschen an die Hochschulen kommen. Außerdem kommen mehr ausländische Studierende. Es ist für ein reiches Land wie unseres eine moralische Verpflichtung, ausländischen Studierenden die Türen zu öffnen. Wir tragen mit einem Ausländeranteil von knapp 20 Prozent erheblich dazu bei, diesen Anteil wollen wir noch steigern. Im Ausland werden Einheimische, die in Deutschland waren, andererseits aber auch Deutsche mit der entsprechenden Auslandserfahrung stark nachgefragt. Dafür pflegen wir Kontakte zu Hochschulen im Ausland, um unseren Studierenden das Studium dort zu ermöglichen, aber auch den Austausch von Lehrenden zu pflegen. Das öffnet Horizonte und baut Vorurteile ab.

Der Ausbau dualer Studiengänge ist also gewünscht. Die Impulse dazu liefert Ihnen auch die Wirtschaft?

Baumann: Ja, natürlich, auch wenn wir nicht immer allen Wünschen entsprechen können. Wenn wir einen neuen Studiengang einrichten, dann brauchen wir mindestens 60 Absolventen im Jahr, beim Master vielleicht 30 bis 40. Die jungen Leute brauchen eine berufliche Perspektive, und die recherchieren wir sehr genau. Wenn wir die nicht sehen, dann können wir einen solchen Studiengang nicht einrichten. Und man kann einen neuen Studiengang auch nur auflegen, wenn er etwas wirklich Neues bietet. Dabei wollen wir keine Eintagsfliegen, nur weil etwas in Mode ist. Ich bin auch kein Freund davon, Studiengänge umzubenennen — frei nach dem Motto „Alter Wein in neuen Schläuchen“.

Der Hochschulentwicklungsplanung geht auch an dieser Stelle weiter…

Baumann: Und ich schaue besonders zuversichtlich in die Zukunft, weil es uns gelungen ist, die Hochschule in weiten Teilen mitzunehmen.