Nideggen: Hilfe im Ebola-Gebiet: Von „Glücks-Duschen“ und „roten Zonen“

Nideggen: Hilfe im Ebola-Gebiet: Von „Glücks-Duschen“ und „roten Zonen“

Seit Oktober ist Mario Lennartz aus Nideggen-Schmidt im Kampf gegen Ebola im Einsatz. Als Helfer des Deutschen Roten Kreuzes reiste er ins Krisengebiet nach Sierra Leone. Er ist in einem Ebola-Krankenhaus einige Kilometer vor der Stadt, in Kenema, eingesetzt, wo aktuell 50 Patienten behandelt werden.

Am kommenden Sonntag wird der 47-jährige Diplom-Ingenieur, der hauptberuflich beim Bundesamt für Sicherheit arbeitet, nach Deutschland zurückkehren. Wir haben mit ihm über seinen Einsatz gesprochen.

Herr Lennartz, wie geht es Ihnen?

Lennartz: Mir geht es gut, ich fühle mich hier schon fast wie zu Hause. In unser internationales Team kommen immer wieder neue Helfer, und erfahrene Kräfte kehren wieder zurück in die Heimat. Inzwischen bin ich einer der Veteranen, der die neuen Einsatzkräfte in die Vorgänge und Prozeduren einweist.

Haben Sie keine Angst?

Lennartz: Ich persönlich habe mich hier zu keiner Zeit unsicher gefühlt oder auch nur den geringsten Verdacht gehabt, dass mir hier etwas hätte zustoßen könne. Allerdings gilt auch eine strikte „No touch“-Politik. Wir vermeiden jede unnötige Berührung — auch im Schutzanzug. Und auch unter den Helfern gibt es keinerlei körperlichen Kontakt.

Wie leben Sie dort?

Lennartz: Wir leben in Kenema im Pastoral Center, einem großen Areal, in dem die Kirche früher mehrere Schulen betrieben hat. Wir haben meist Einzelzimmer mit eigenem Bad. Mit dem aus Deutschland gelieferten großen Generator haben wir jetzt rund um die Uhr Strom, der fiel zuvor nachts immer wieder komplett aus. Im Büro haben wir Internetzugang über WLAN, so dass wir E-Mails schreiben können. Und als Neuankömmling kannst du dir hier einen echt guten Einstand verschaffen, wenn du Süßigkeiten, Wurst, Schinken, Käse oder ein Glas Nuss-Nougat-Creme mitbringst — alles Mangelware hier.

Wie erleben Sie das Land?

Lennartz: Sierra Leone ist ein sehr grünes und fruchtbares Land. Derzeit steht hier mit Ebola aber die Wirtschaft still. Viele Betriebe haben die Arbeit eingestellt, da nicht oder nur eingeschränkt gehandelt werden kann. Trotz der noch höheren Arbeitslosigkeit als sonst schon, sieht es aber auf den Märkten fast so aus wie auf den anderen, in nicht von Ebola betroffenen Ländern. Auch Baumaterialien und andere Arbeitsmittel kaufen wir hier lokal auf den Märkten oder in Geschäften ein, die meisten Sachen gibt es hier noch.

Was gehört zu Ihren Aufgaben?

Lennartz: Ich selbst arbeite hier im IPC-Team, dem Interventions-, Vorbeugungs- und Kontrollteam. Wir sind fünf internationale Helfer und 109 lokale Kräfte, die im Vierschichtsystem arbeiten. Wir beschäftigen uns im Wesentlichen mit Hygiene und Desinfektion im Krankenhaus und im gesamten organisatorischen Ablauf: Was muss desinfiziert werden, damit keine Kontamination mit Krankheitserregern erfolgen kann? Dazu gehören: die Einlieferung der vermeintlich mit Ebola erkrankten Patienten mit Ambulanzfahrzeugen, der sichere Umgang mit Verstorbenen, das regelmäßige Reinigen und Desinfizieren aller Bereiche innerhalb des Krankenhauses — von den Zelten bis hin zu den Zäunen und auch die Wäscherei, in der alle in dem Krankenhaus getragenen Kleidungsstücke und Stiefel gewaschen werden.

Auf was wird besonders geachtet?

Lennartz: Nachdem man seine Arbeit im „roten Bereich“, also dem Hochrisikobereich erledigt hat (die Arbeit sollte bei den Temperaturen hier maximal 45 Minuten dauern), geht es in den Auskleidebereich, wo wieder IPC-Mitarbeiter warten. Diese geben dann jeden Schritt der Auskleideprozedur vor und achten peinlichst genau darauf, dass keine Fehler passieren. Der aus dem „roten Bereich“ kommende Mitarbeiter wird komplett mit Desinfektionsmittel abgespritzt und zieht Schritt für Schritt seine Schutzbekleidung aus. Dabei wird nach jedem Schritt eine Desinfektion der Hände durchgeführt. Nur so haben wir 100-prozentige Sicherheit, dass niemand sich infizieren kann. Alles, was kontaminiert ist oder im Hochrisikobereich war, verlässt diesen nicht mehr. Es gibt nur zwei Wege hier raus: über die „Happy-Shower“ oder über eine Verbrennung. Das bedeutet, dass alle Schutzanzüge, alles was an Reinigungsmaterial benutzt wurde und alle persönlichen Gegenstände der Patienten von IPC-Mitarbeitern verbrannt werden. Dies sind täglich diverse Kubikmeter an infektiösem Müll, die unter sehr hohen Temperaturen verbrannt werden.

Was ist eine „Happy-Shower“?

Lennartz: Die „Happy-Shower“ ist mit Sicherheit die schönste Aufgabe; hier werden die Patienten, die Ebola überlebt haben, desinfiziert, geduscht und anschließend neu eingekleidet. Von unseren Sozialarbeitern erhalten sie dann neben Küchenutensilien, Nahrungsmittel für die nächsten Wochen, neue Bekleidung, eine neue Matratze und vor allen Dingen eine Urkunde, die bescheinigt, dass sie Ebola-frei sind und keine Gefahr mehr für ihre Angehörigen und Nachbarn darstellen. Diese geheilten Überlebenden sind der beste Beweis dafür, dass der Kampf gegen Ebola gewonnen werden kann.

Was hat Sie besonders bewegt?

Lennartz: Da gibt es viele Situationen: zum Beispiel das Schicksal der sechsjährigen Fatmata und ihres fünf Monate alten Bruders Mosa. Beide haben ihre Mutter durch Ebola verloren. Fatmata hat nun die Mutterrolle für ihren kleinen Bruder übernommen. Sie trägt ihn — wie es hier in Sierra Leone üblich ist — in einem Wickeltuch auf dem Rücken, auch Füttern und Wickeln gehört zu ihren Aufgaben. Oder die dreijährige Doris, die noch vor wenigen Tagen wie ein kleines Häufchen Elend dalag und von der Krankheit zu sehr geschwächt war, um selbst zu essen oder trinken. Nun hat sie die Krankheit überstanden und will, als wenn nichts gewesen wäre, zu den anderen Kindern und spielen.

Wie wird für die Kinder gesorgt?

Lennartz: Wenn eine Familie aufgenommen wird, in der zum Beispiel die Mutter Ebola hat und die Kinder noch nicht, dann werden die Kinder erst einmal getrennt von der Mutter beobachtet, um zu sehen, ob bei ihnen die Krankheit ausbricht. So haben wir hier im Krankenhaus eine ganze Reihe Kinder, deren Eltern gestorben sind oder die aus anderen Gründen die Inkubationszeit von 21 Tagen abwarten müssen, bis sie sicher als Ebola-frei entlassen werden können. Inzwischen sind sieben Kinder in unserem Kindergarten. Das Schicksal der Geschwister zeigt, dass die Prävention beziehungsweise die Behandlung der Krankheit nur ein Teil des Problems sind: Die Krankheit verschärft die Lage von Waisen besonders. Eine gewaltige Herausforderung, die auf die Länder Westafrikas zukommt.

Was ist für Sie das Besondere an Ihrem Einsatz?

Lennartz: Die Zahlen der Neuerkrankungen in Kenema und den benachbarten Provinzen sind so drastisch zurückgegangen, dass man hier von einem Sieg über die schreckliche Seuche sprechen könnte. Wir haben es hier auch geschafft, die Überlebensrate auf 50 Prozent zu steigern, der Durchschnitt liegt sonst bei etwa 30 Prozent. Das bedeutet, wir leisten hier so gute Arbeit, dass jeder Zweite an Ebola Erkrankte bei uns überlebt. Und darauf sind wir zu Recht, wie ich glaube, besonders stolz.

Was würden Sie anderen Menschen raten, die in den Ebola-Gebieten Hilfe leisten wollen?

Lennartz: Habt keine Angst, der Einsatz wird Euch gefallen, wenn Ihr bereit seid, Euch auf eine andere Kultur und andere Lebensbedingungen einzulassen. Die Menschen hier sind sehr herzlich und freundlich. Unsere Mitarbeiter haben alle einen Beruf gelernt, es sind ganz normale Menschen. Die haben gerade nur das Pech, dass sich in ihrem Land das Leben durch Ebola dramatisch verändert hat.