Düsseldorf/Essen: Herr Hartmann rettet die SPD

Düsseldorf/Essen : Herr Hartmann rettet die SPD

„Mein Name ist Sebastian Hartmann, und ich bin der Kandidat für das Amt des Vorsitzenden der NRW-SPD.” So stellt sich der Hoffnungsträger der gebeutelten nordrhein-westfälischen SPD bei den Genossen in Essen vor.

Rathaus Essen, dunkelbraun getäfelte Gänge und ein langer Sitzungssaal. Thomas Kutschaty, Chef des SPD-Unterbezirks Essen, trägt Jeans und T-Shirt über der Hose, Nadja Lüders, die künftige Generalsekretärin der NRW-SPD, kommt in zünftiger rot-weiß karierter Bluse. Hartmann trägt einen dunklen Anzug, ein strahlend weißes Hemd und schwarz polierte Schuhe. Das braune Haar ist ordentlich gescheitelt.

35 von 54 Unterbezirken klappert der Bundestagsabgeordnete in vier Wochen ab. Und man fragt sich, wie der 40-jährige Bornheimer mit dem jungenhaften Gesicht bei den Essener Genossen, die hemdsärmelig mit verschränkten Armen dasitzen, wohl ankommt.

Bis vor kurzem war Hartmann wenig bekannt. Vielleicht stellt er sich deshalb so förmlich vor. Kurz referiert Hartmann seine Vita: seit einem Jahr verheiratet, geboren in Oberhausen, aufgewachsen im Rheinland, zuletzt Regionalvorsitzender der SPD Mittelrhein. Den Vorsitz habe er wegen seiner neuen Aufgaben aber niedergelegt. „Machen wir uns nichts vor, die Aufgabe ist groß”, sagt er. Er könne nicht versprechen, dass „auf Knopfdruck” nun alles wieder gut werde.

Auf Hartmann liegt nun eine riesige Last. Der junge Politiker soll die große und traditionsreiche NRW-SPD nach dem Verlust der Regierungsmacht wieder aufrichten und zu einer Siegerpartei machen. Und das von Berlin aus. Sein Mandat als Bundestagsabgeordneter wird er wohl behalten.

Eine Findungskommission hat Hartmann aus dem Hut gezaubert. Am 23. Juni soll er auf einem Parteitag in Bochum, mitten im Revier, zum neuen SPD-Chef gewählt werden. Einen Gegenkandidaten gibt es nicht. Hartmann wird in die Fußstapfen etwa von Johannes Rau, Franz Müntefering oder Hannelore Kraft treten. 112 000 SPD-Mitglieder hat die NRW-SPD - ein Viertel der Gesamtmitglieder der Sozialdemokraten. In Essen wissen die Genossen um ihre Bedeutung: Die SPD im Bund könne sich aus ihrer ewigen Juniorpartner-Rolle in der Bundesregierung nur befreien, wenn die SPD in NRW stark sei.

Der physische Abstand Hartmanns zu den etwa 50 SPD-Mitgliedern, die den Kandidaten kennenlernen wollen, ist groß. Der Tisch sehr lang, an der Spitze sitzen Hartmann, Lüders und Kutschaty in der Mitte. Kutschaty ist als neuer SPD-Landtagsfraktionschef auch ein konkurrierendes Machtzentrum in der NRW-SPD.

Die Sätze fließen aus Hartmann heraus: Zukunft der Arbeit, starker Solidarstaat, Sorgen vor dem Abstieg, Digitalisierung, Globalisierung. Die Sätze sind lang, aber ohne einprägsame Sprüche, wie man sie etwa vom scheidenden SPD-Chef Mike Groschek kennt. Ein mitreißender Redner ist Hartmann nicht. Nach eineinhalb Stunden lichten sich die Reihen.

Ein Neun-Punkte-Papier wird verteilt mit Überschriften wie „Miteinander statt gegeneinander”, „Besser machen” oder „Du selbst bist die neue NRW-SPD”. Eine junge Frau fordert, mehr Nachwuchs zu rekrutieren. Jeder zweite in der SPD Essen sei über 50. „Frechheit” ruft ein älterer Mann im roten Hemd. Die Partei müsse wieder „auf den Putz hauen” wie zu Wehners Zeiten. Hartmann vermittelt: „Wir wollen kein Gegeneinander der Generationen, wir sind doch eine Volkspartei.”

Ein Satz Hartmanns löst zustimmendes Kopfnicken aus: „Wenn wir über Solidarität und Zusammenhalt reden, werden wir auch beobachtet, wie wir miteinander umgehen.” Was sei das für eine Partei, die jedes Jahr einen neuen Vorsitzenden wähle. Es geht um den Aufstieg und Absturz von Martin Schulz. Hartmann war einst sein Assistent, als er EU-Parlamentspräsident war. „Wir müssen zu einem anderen Miteinander kommen.” Hartmann trifft damit offensichtlich den Nerv der Genossen.

„Ich bin progressiv, ich glaube daran, dass man die Dinge besser machen kann”, sagt er. Oder: „Es gibt Menschen, die wissen gar nicht, dass sie unsere beste Zielgruppe sind.” Hamburger Programm, demokratischer Sozialismus als Ziel, die Google-Präsenz der SPD durch Verschlagwortung verbessern - Hartmann kennt die Details. Sein Jackett hat er da längst ausgezogen.

Hartmannn könnte auch ein Unternehmensberater sein, der eine marode Traditionsfirma wieder flott machen soll. Seit seiner Jugend ist er SPD-Mitglied. Er studierte Jura in Köln, legte aber kein Staatsexamen ab und arbeitete schon während des Studiums als Organisationsberater.

Das Wort „Erneuerung” tauche schon in SPD-Protokollen der 80er Jahre auf, weiß Hartmann. „Wir haben doch etwas, es ist etwas da. Wir haben doch eine Mission, die über eine parteinterne Sitzung hinausgeht.” Die SPD dürfe sich weder im Bund noch in NRW kleiner reden lassen als sie es sei.

Am Ende wird Hartmann doch noch für seine Verhältnisse leidenschaftlich. „Wir dürfen uns in diesem Land nicht abmelden. Wir wollen doch was, wir haben doch eine Idee.” Das sei sein Versprechen für den Parteitag: „In Zukunft werden wir es wieder besser machen, Glückauf und Danke.”

Das kommt an. Die Genossen klopfen das erste Mal auf den Tisch. „Ich finde, er kam überzeugend rüber”, sagt der Mann im roten Hemd. Er habe Hartmann ja auch schon im Fernsehen gesehen. „Etwas zu lieb”, sagt ein anderer, 68-jähriger Genosse. Hartmann sei zwar nicht mit Groschek zu vergleichen. „Aber man muss auch jüngeren Leuten eine Chance geben.” Höflich sagt Hartmann am Ende: „Ich freue mich, dass ich kandidieren darf.”

(dpa)
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