Wie „Aachener Hände“ Geflüchteten helfen: Heki will keine kleinen Brötchen backen

Wie „Aachener Hände“ Geflüchteten helfen : Heki will keine kleinen Brötchen backen

Der junge Flüchtling aus Afghanistan hat dank des Projektes „Aachener Hände“ des Sozialdienstes Katholischer Männer Fuß gefasst. Seine Paten sind nachhaltig für ihn da.

Wenn der 20-jährige Heki Hekmatyar von seinen ersten Erfahrungen in Deutschland erzählt, lässt sich ein wenig erahnen, welche soziokulturellen Lernaufgaben vor dem damals 13-Jährigen lagen: „Als ich das erste Mal in meine Gruppe im Kinderheim kam, war für mich ganz klar: Diese Frau mit den zehn Kindern muss eine afghanische Frau sein. Bei so vielen Kindern. Am nächsten Tag war aber eine andere Frau da und am dritten Tag wieder eine andere. Bis dahin konnte ich mir nicht vorstellen, dass Frauen außerhalb ihres Hauses arbeiten. Wenn ich jetzt mit meiner Familie in Afghanistan telefoniere, kann ich kaum glauben, dass meine Schwester zwei Monate lang nur im Haus ist, nie raus geht. Für den Rest meiner Familie ist das aber nach wie vor nicht weiter bemerkenswert.“

Mit elf Jahren hat seine Mutter Heki fortgeschickt, damit er den Taliban nicht in die Hände fällt. Er trat eine lebensbedrohliche Flucht an, die er wohl nur überlebt hat, weil er Mahruf kennengelernt hat. Nach zwei Jahren sind beide in Deutschland als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge eingereist. Heute – sieben Jahre später – ist Heki gut angekommen: Gute Deutschkenntnisse, deutscher Hauptschulabschluss ohne große Schulbildung in seinem Heimatland, im dritten Lehrjahr zum Bäcker bei einer Aachener Großbäckerei, eigene Wohnung, freundschaftliche Kontakte zu Deutschen. Wesentlichen Anteil an diesen vielen, erfolgreichen Integrationsschritten hatten – da ist sich nicht nur Hekmatyar sicher – seine Paten Karola Schindler und Peter Deppenkemper, deren Familie durch Heki und Mahruf größer geworden ist.

Im Projekt „Aachener Hände“ des katholischen Vereins für soziale Dienste (SKM) begleitet das Ehepaar den jungen Afghanen und auch seinen Freund seit drei Jahren (siehe Interview).

„Paten öffnen Türen“, weiß Torsten Nyhsen, Geschäftsführer des SKM aus vier Jahren Projektlaufzeit und über 200 begleiteten Patenschaften. „Das fängt bei der Wohnungssuche an und hört bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz längst nicht auf.“ Gerade da, beim Einstieg ins Berufsleben, existieren aber auch vier Jahre nach dem Beginn der großen Flucht- und Einwanderungsbewegung weiterhin viele Hürden. „Der Übergang von der Schule in den Beruf ist für viele Jugendliche ein Problem. Bei Geflüchteten potenziert sich das“, weiß Ute Minden. Sie und John Mukiibi – sie bilden das professionell-hauptamtliche Team der „Aachener Hände“ – werden zukünftig genau dort ansetzen: „Das dreijährige Projekt ‚Wir können mehr‘ setzt die Schwerpunkte auf den Berufs- und Ausbildungseinstieg und auf die Begleitung der Ausbildung samt berufsbezogener Sprachförderung“, erklärt Minden. „Es ist sozusagen ‚Aachener Hände 2.0‘.“

Denn weiterhin sollen Patenschaften eine wichtige Rolle spielen. „Viele Unternehmer sind gern bereit, einem jungen Geflüchteten eine Chance zu geben, wenn sie wissen, dass beim neuen Auszubildenden jemand im Hintergrund steht, der ansprechbar ist, der vermitteln kann und sich um Probleme kümmert“, weiß Minden bereits aus Erfahrungen von so manchen Paten-Tandems.

Es geht um fachliche Unterstützung in der Berufsschule, um zwischenmenschlichen Halt, aber auch um das Verstehen und Einüben soziokultureller Codes. „Bei aller hier normalen Erziehung zur Selbstständigkeit brauchen die jungen Migranten doch jemanden im Hintergrund, der Orientierung gibt und auch bestimmte Regeln erklärt“, weiß auch Karola Schindler aus Erfahrung. Peter Deppenkemper nennt nur ein Beispiel: „Gibt der Chef alle Arbeitsschritte vor oder ist Eigenständigkeit gefragt? Soll ich eigene Ideen einbringen? Solche Fragen können die Jugendlichen kaum beantworten.“ Ihre Erfahrungen mit der Berufswelt sind meistens gänzlich andere und ohnehin spärlich.

Ein anderes Beispiel von kulturellen Unterschieden nennt Hekmatyar: Ein Praktikum zu machen – also unentgeltlich arbeiten, um Erfahrungen in der Arbeitswelt zu sammeln und eigene Talente und Möglichkeiten zu entdecken – sei in seinem Heimatland verpönt. „Meine Freunde in Afghanistan tippen sich an den Kopf, wenn ich von meinen Praktika erzähle. Sie fragen: ‚Wa­rum hast Du ohne Geld gearbeitet?‘ Ich habe aber gemerkt, dass mir die Praktika geholfen haben, mich bei den fast unendlichen Möglichkeiten, für einen Beruf zu entscheiden“, berichtet Hekmatyar von seinem eigenen Gesinnungswandel. Auch dass er und Mahruf eine Ausbildung machen – Heki zum Bäcker, Mahruf zum Zerspannungsmechaniker – ist längst nicht selbstverständlich. Denn kurzfristig können junge Migranten mit Aushilfsjobs deutlich mehr verdienen als in der dreijährigen Ausbildung.

Patenschaften, in denen auch Wissen über das Arbeitsleben in der deutschen Gesellschaft vermittelt werden kann, sind also sehr wertvoll. Es können aber auch Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 17 und 25 Jahren ohne Paten betreut werden. Denn die bewährten Strukturen von hauptamtlichem Background im Projekt „Aachener Hände“ kommen auch in „Wir können mehr“ zum Tragen.

Das Team begibt sich außerdem auf die Suche nach kooperierenden Unternehmen. „Deshalb sind wir auch sehr glücklich darüber, dass wir die Aachener Rotary-Clubs als Unterstützer gewinnen konnten. Die öffnen schließlich auch jede Menge Türen“, freute sich Nyhsen. Auf die Suche nach jungen Geflüchteten muss sich das Team nicht begeben. „Wir kennen bereits rund 150 Personen von den ‚Aachener Händen‘, die Unterstützungsbedarf beim Einstieg in die Berufswelt signalisiert haben“, sagt Minden. „Deshalb können wir quasi sofort starten.“