Heino im Interview: „Ich habe ein reines Gewissen“

Heino im Interview : „Ich habe ein reines Gewissen“

Heino ist erkältet, trägt Halstuch zur Steppweste. Trotzdem wirkt er gut gelaunt, tiefenentspannt. Für ihn der normale Gemütszustand. Der Sänger muss sich nichts mehr beweisen. Seit 60 Jahren macht er Musik, die meisten davon erfolgreich.

Gerade in den vergangenen Jahren kaperte er mit seinen Cover-Versionen deutscher Rock- und Pop-Songs die Charts, schlüpfte in eine schwarze Lederjacke und stand mit Rammstein auf der Bühne. Dafür erntete er auch Spott. Aber die Sympathie überwog. Wie man an den teils bestürzten Reaktionen ablesen konnte, als Heino vor kurzem sein Karriereende für 2019, nach seiner Tournee im Frühjahr, verkündete. „. . . und Tschüss“ heißt sein gerade erschienenes Album. Der Titel sei ernst gemeint, sagt er. Heino freut sich auf ein gemütliches Rentnerleben. Am Donnerstag wird der Sänger 80. Zuvor hat Jörg Isringhaus ihn getroffen.

Wie lange wird es wohl dauern, bis Ihnen die Decke auf den Kopf fällt?

Heino: Ich glaube gar nicht, dass es so kommt, denn ich habe mir das reiflich überlegt. Ich werde jetzt 80, und da muss es ja auch einmal gut sein. Nur wenn man mich mal für eine Benefiz-Veranstaltung haben will, werde ich wohl eine Ausnahme machen.

Es wird kein Teilzeit-Abschied . . .

Heino: Nein, man hat ja dann eh nicht mehr viel Zeit mit 80. (lacht) Kann ja nicht sein, dass ich mit 90 wieder anfange.

Aber Sie haben 2005 schon einmal eine Abschiedstournee gegeben.

Heino: Meine Frau hat 2005 einen Herzinfarkt gehabt, und da war die Idee, dass ich jetzt mehr für sie da bin. Damals wusste ich ja gar nicht, wie es weitergeht. Die Hannelore hat das aber sehr gut überstanden. Irgendwann hat sie gesagt: Du fällst mir auf die Nerven zu Hause, geh lieber wieder singen. Da habe ich wieder angefangen.

Dass Sie ihr wieder auf die Nerven gehen, kann aber nicht passieren?

Heino: Das weiß ich nicht, das kann wohl sein. Irgendwas vermisst man ja immer, wenn man nichts anderes macht. Ich will mal abwarten. Ich habe jetzt einen Enkel, der ist 21, der hat zwei Semester Medizin studiert. Der kam eines Tages und sagte: Ich möchte eigentlich Musik machen. Jetzt unterstütze ich ihn dabei.

Was werden Sie am aktiven Musikerleben am meisten vermissen?

Mit blondem Haar und schwarzer Sonnenbrille machte er sich optisch unverwechselbar – mit seinem prägnanten Bariton gelang ihm das auch musikalisch. Foto: dpa/Daniel Reinhardt

Heino: Ich habe 60 Jahre auf der Bühne gestanden. Natürlich vermisse ich das Publikum, natürlich vermisse ich meine Musik. Im Grunde genommen habe ich ja ein schönes Leben gehabt. Das verdanke ich alles meinen Fans. Ohne meine Fans säße ich jetzt irgendwo und würde mein Bäckerleben fristen.

Gibt es etwas, auf das Sie sich besonders freuen, das Sie sich bisher verkniffen haben?

Heino: Im Grunde genommen habe ich mir meine Wünsche schon erfüllt. Bin nach Florida und Mallorca geflogen. Dort habe ich ja jeweils ein kleines Zuhause gehabt. Das habe ich aber alles weggegeben, habe überhaupt keine Lust mehr, dorthin zu fliegen. Hier in Deutschland ist es so schön. Da bleibe ich lieber in Bad Münstereifel und Kitzbühel.

60 Jahre Bühne: Wie fällt denn Ihre persönliche Karriere-Bilanz aus?

Heino: Dass ich so lange Erfolg hatte, liegt auch daran, was ich gesungen habe: Volkslieder. Ich bin ja auf die Idee gekommen, Volkslieder zu singen, weil in den 60ern das einzig Deutsche im Radio die Nachrichten waren. Das hat mich geärgert. Die Volkslieder haben mich zu dem gemacht, was ich bin. Wenn ich einfach nur Schlager gesungen hätte, dann wäre ich heute in der Versenkung verschwunden. Die Electrola hat mir 1965 einen Zehnjahresvertrag angeboten und den noch mal um zehn Jahre verlängert. So hatte ich 20 Jahre, in denen ich über meine Karriere immer wieder neu nachdenken konnte.

Wurde mit diesem Vertrag eine entscheidende Weiche gestellt?

Heino: Der Gedanke, zehn Jahre abgesichert zu sein, das war schon was Tolles. Wie ich damals die Summe auf meinem ersten Vertrag gesehen habe, habe ich gefragt: Ist das alles für mich? Solche Zahlen war ich ja gar nicht gewohnt. Ich bin zwar später belächelt und beschimpft worden, aber das war mir egal: Keiner hatte so einen Vertrag.

Fühlten Sie sich als junger Künstler manchmal auch vom Erfolg überrollt, hatten Sie Angst, den Erwartungen nicht gerecht zu werden?

Heino: Ich habe mich immer auf mein Team unter Leitung von Ralf Bendix verlassen. In den ersten Jahren habe ich alles gemacht, was die gesagt haben. Mein Part war nur singen, und das richtig, und das habe ich gemacht.

Hat der Erfolg Sie auch einmal leichtsinniger werden lassen, gab es Ausschweifungen?

Heino: Überhaupt gar nicht. Ich hätte meinen Zehnjahresvertrag ja auch aufs Spiel setzen können, wenn ich undiszipliniert gewesen wäre. Nach der „Hitparade“ damals sind immer alle zusammen nach unten in die Bar gegangen und haben getrunken. Da bin ich aufs Zimmer gegangen, weil ich sonntags schon mit der zweiten Maschine nach Düsseldorf geflogen bin, um montags wieder im Studio zu stehen. Ich hätte mich gar nicht getraut, da rumzutrinken und Blödsinn zu machen. Das sind Sachen, die ich nie gemacht habe.

Gab’s auch Fehlentscheidungen oder Dinge, mit denen Sie gehadert haben?

Heino: Natürlich waren da Lieder dabei, wo man sich gefragt hat, muss das sein? Mit dem „Enzian“ bin ich in der Hitparade vorgestellt worden und habe mich nicht platziert. Da waren wir alle geschockt. Aber das ist dann mein größter Hit geworden.

Wie sind Sie grundsätzlich mit Kritik umgegangen?

Heino: Das Problem war immer, dass mich das überhaupt nicht gestört hat.

Sie haben schon Grenzen gezogen, etwa geklagt gegen Norbert Hähnel, der als „wahrer Heino“ aufgetreten ist, und gegen Jan Delay, der Sie als „Nazi“ bezeichnet hat.

Heino: Den „wahren Heino“ haben ja die Toten Hosen erfunden. Durch mich, das vergessen viele, sind die Toten Hosen ja erst ins Geschäft gekommen. Den Prozess hat aber die Schallplattenfirma geführt. Und Jan Delay hat sich später entschuldigt und mir 20 000 Euro überwiesen. Die habe ich aber an die Bethel-Stiftung weitergeleitet.

Es gab ja immer wieder Kritik, dass Sie Volkslieder singen, die auch in NS-Liederbüchern auftauchen und damit rechtes Gedankengut transportieren. Was sagen Sie dazu?

Heino: Das hat mich überhaupt nicht interessiert. Was ist rechtes Gedankengut? Ich darf dann heute nicht mehr über die Autobahn fahren, keinen Mercedes mehr kaufen, und Schäferhunde müssten erschossen werden. Man darf dann gar nichts mehr machen. Das ist doch Blödsinn. Wenn man ein Haar sucht in der Suppe, kann man eins reinlegen, dann findet man es auch wieder. Ich habe ein reines Gewissen.

Auf Ihrer aktuellen Platte haben Sie „Tage wie diese“ von den Toten Hosen gecovert. Ist das versöhnlich gemeint oder als Retourkutsche?

Heino: Ich habe damit keine Probleme. Die anderen haben Probleme mit mir. Wenn einer ein Lied gesungen hat, das zu mir passt, dann singe ich das. Und ich darf es ja auch singen. Was veröffentlicht ist, darf ich produzieren. Wenn der Campino zu mir kommen würde, hätte ich überhaupt keine Probleme. Ich wünsche ihm so viele Hits, wie ich gesungen habe.

Ein Lied auf dem Album heißt „Der Junge mit der Gitarre“. Eine Zeile lautet „Haltung nicht als Ware, das Herz vorangestellt“. Ist „Haltung mit Herz“ ein Lebensmotto?

Heino: Ich habe nie nur für den Markt produziert, sondern immer mein Herz vorangestellt. Gerade weil ich die Volkslieder gesungen haben. Ich bin auch nie genötigt worden, etwas zu singen. Ich habe immer gesagt, das möchte ich singen, das gefällt mir selbst, und dann habe ich das gesungen.

Wenn Sie von Haltung sprechen, was zeichnet diese denn aus?

Heino: Meine Haltung ist, dass ich mich mein ganzes Leben lang nie verändert habe. Ich habe immer gerne in der zweiten oder dritten Reihe gestanden. Meine Kindheit hat mich da schon beeinflusst: arm sein, Hunger leiden, nichts haben, die letzten Kriegstage mitgemacht. Da wird man schüchtern, da überlegt man mehr. Ich war immer zurückhaltend.

Bleiben Ihre Lebensmittelpunkte Bad Münstereifel und Kitzbühel?

Heino: Unser Mittelpunkt bleibt Bad Münstereifel. Kitzbühel ist für den Urlaub. Im Kurhaus in Bad Münstereifel werde ich auch weiter kleine Veranstaltungen machen. Bis ich umfalle.

Also doch kein Abschied . . .

Heino: Das gilt nur für das Kurhaus.

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