Roetgen/Stade: Heilpraktiker im Massenrausch: Prozess gegen Roetgener startet

Roetgen/Stade : Heilpraktiker im Massenrausch: Prozess gegen Roetgener startet

Mit Wahnvorstellungen, Krampfanfällen, Herzrasen und Atemnot winden sich die Teilnehmer des Seminars am Boden. Einige sind schon bewusstlos, bis zu 29 Menschenleben sind in Gefahr. Es ist ein Großalarm für die Rettungskräfte, mehr als 160 Helfer eilen am 4. September 2015 ins niedersächsische Handeloh.

Notärzte kämpfen auf dem Rasen des idyllischen Tagungszentrums südlich von Hamburg um das Überleben der Seminarteilnehmer, dann werden die Betroffenen in verschiedene Kliniken der Region gebracht, auch die beiden Organisatoren, Stefan S., ein Diplom-Psychologe und Psychotherapeut mit Praxis in Aachen und seine Lebensgefährtin Anja W., eine Heilpraktikerin aus Roetgen. Erst gehen die Behörden von einer Lebensmittelvergiftung aus. Doch schnell wird klar: Ein Drogenexperiment soll es gewesen sein, möglicherweise sogar mit Sekten-Hintergrund.

Mehr als zwei Jahre nach dem folgenschweren Massenrausch wird gegen den 52-jährigen Stefan S. am Landgericht Stade verhandelt. Am ersten Prozesstag räumt S. ein, damals Drogen eingesetzt zu haben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Drogenbesitz und Überlassen von Betäubungsmitteln zum unmittelbaren Verbrauch „in nicht geringer Menge“ vor. Das Verfahren gegen Anja W., die das das Seminar mitorganisiert hatte, war zuvor bereits gegen Zahlung einer Geldbuße eingestellt worden.

„Ich bestätige, dass die Anklagevorwürfe zu Recht erhoben wurden“, sagt S. am Donnerstag in einer sehr persönlichen Erklärung vor Gericht. Mehrfach gerät er ins Stocken, die Stimme versagt ihm.

Er habe den 27 Teilnehmern Kapseln mit dem Halluzinogen 2C-E angeboten, in denen ohne sein Wissen auch die psychoaktive Substanz DragonFly enthalten gewesen sei. Er spricht von einem „Unfall“ und entschuldigt sich mehrfach bei allen Betroffenen. Es habe sich um eine „freiwillige, selbstverantwortliche Einnahme gehandelt“, sagt er. Er habe auch LSD dabei gehabt, dies aber nicht angeboten.

Laut Anklage sollte im Rahmen einer äußerst umstrittenen Therapieform, der sogenannten Psycholyse, eine Bewusstseinserweiterung erreicht werden. Das bestreitet der Angeklagte, auch wenn er die Therapieform grundsätzlich begrüße. Dafür sei das 2C-E, in Szenekreisen auch als „Aquarust“ bekannt, in der verabreichten Dosis jedoch unbrauchbar, so S.. Er selbst und seine Lebensgefährtin hätten die Substanz unwissentlich eingenommen, wohl beim Trinken. Sie seien draußen gewesen, als die anderen das Mittel genommen hätten.

Nach den Ermittlungsergebnissen sind die beiden Organisatoren Sympathisanten der sogenannten Kirschblütengemeinschaft, das hatte die Staatsanwaltschaft im vergangenen Jahr gesagt. Ob das Drogenexperiment allerdings einen möglichen Sekten-Hintergrund habe, sei nicht Teil der juristischen Untersuchungen gewesen, betonte der Verteidiger.

Die Gemeinschaft des im Januar gestorbenen Schweizer Therapeuten Samuel Widmer bezeichnen Kritiker als Sekte. Widmer gilt als Verfechter der fragwürdigen „Psycholyse“.

Eine Sprecherin der Gemeinschaft wollte aktuell nichts zu einem möglichen Zusammenhang sagen. „Hier wird somit nicht nur versucht, eine Therapiemethode zu diskreditieren, sondern ein Rufmord an Menschen riskiert, die einfach anders leben wollen“, heißt es mit Blick auf Handeloh auf der Internet-Seite der Gemeinschaft. Der Angeklagte sagte am Donnerstag nur, er habe „im Rahmen seiner Arbeit zu Samuel Widmer gefunden“.

Überdies sei es kein Treffen von Heilpraktikern gewesen, sagte der 52-Jährige. Vom Arzt bis zum Friseur, vom Psychologen bis zum Erzieher seien ganz unterschiedliche Teilnehmer dabei gewesen. Die Ermittlungen gegen sie waren nach und nach eingestellt worden.

Für den Angeklagten geht es um viel, ihm droht nicht nur eine Haftstrafe. Er praktiziere seit den Ereignissen von Handeloh nur noch „minimalst“, sagte er, auch wegen der Berichterstattung in den Medien. „Durch die Tat kommt auch die Verhängung eines Berufsverbotes in Betracht“, hat der Staatsanwalt zuvor gesagt.

„Würden Sie das wieder machen?“, fragt der Vorsitzende Richter zum Drogeneinsatz. „Nein“, antwortet der Angeklagte.

(dpa)
Mehr von Aachener Nachrichten