Heilmittel aus der Natur sind Thema im Aachener Couven Museum

„Kräuter, Mörser, Pillendreher“ : Heilmittel aus der Natur sind Thema im Aachener Couven Museum

Ein bescheidener Helfer: Das „Hirtentäschel“ (Capsella bursa-pastoris) mit seinen winzigen Schoten, die wie kleine Umhängetaschen aussehen, gedeiht unscheinbar am Wegesrand und wird im Volksmund auch Herzkraut oder Blutkraut genannt.

„Mit gutem Grund“, erzählt Dagmar Peters-Groth (58). „Im Zweiten Weltkrieg wurden die Landfrauen dazu verpflichtet, Hirtentäschel in großen Mengen zu sammeln, weil das Kraut blutstillende Wirkung hat und bei den Verwundeten benutzt wurde. Medikamente fehlten. Als Tee wirkt Hirtentäschel immunstärkend.“ Die Kräuterexpertin kann am Sonntag ­(10-17 Uhr) beim Motto-Tag „Kräuteralarm“ im Aachener Couven Museum zusammen mit dem Apotheker Wolfgang Friedrich und seiner Kollegin Maike Nachtwey den Besucher noch viele andere spannende Geschichten aus der Welt der Kräuter erzählen.

Wie kocht man einen wirksamen Sud? Nimmt man kaltes oder heißes Wasser? Getrocknete oder frische Kräuter? Bei welchem Kraut ist Vorsicht geboten? „Naturmedizin ist kostbar und wirksam, aber harmlos ist sie nicht“, versichert Dagmar Peters-Groth, die unter dem Motto „Wellness von der Fensterbank“ dazu auffordert, den herben Duft des Rosmarin einzuatmen oder den Einsatz von Rosenblättern, Lavendel und Ringelblumenblüten zu erforschen.

Inmitten der aktuellen Ausstellung „Kräuter, Mörser, Pillendreher – Die Sammlung Jena zu Gast im Hause Monheim“ (bis 24. März) setzt Kuratorin Carmen Roebers damit die kostbaren Gerätschaften, mit denen Apotheker einst Medizin herstellten, in Beziehung zum noch heute lebendigen Wissen. Waage und Gewichte, Fläschchen und Spachtel sowie prächtige Mörser und Behälter in allen Größen waren unverzichtbar, wenn man aus Kräutern, Gewürzen, Rinden, Wurzeln und Mineralien oder organischen Materialien wirksame Präparate herstellen wollte.

Thymian wird oft bei Erkrankungen der Atemwege eingesetzt. Foto: ZVA/Harald Krömer

Fliegen in der Vitrine

Nach einem Streifzug durch das Haus, in dem die Adler-Apotheke der Familie Monheim zu den prächtigsten Ausstellungsstücken gehört, lohnt sich das Nachfragen – zum Beispiel zu den blau-grün schillernden, getrockneten Würmchen, genannt „Spanische Fliege“, in einer Vitrine. „Die Restauratorin war geschockt, als sie das Gefäß öffnete und ihr diese Insekten entgegenrollten“, erinnert sich Carmen Roebers. Getrocknet und zermahlen galt die „Spanische Fliege“, die eigentlich ein Ölkäfer ist und in Südeuropa sowie im afrikanischen Mittelmeergebiet lebt, übrigens als probates Aphrodisiakum und wurde teuer verkauft.

Oft war Schwerstarbeit angesagt. „Die Apothekergehilfen mussten manchmal mit zentnerschweren Mörsern hantieren“, weiß Dagmar Peters-Groth. „Es gab im Keller einer Apotheke, in der bis unters Dach Materialien gelagert wurden, eine Stoßkammer, in der die sogenannten Stoßbuben arbeiten.“ In der Ausstellung findet man einen Mörser, der bis zu drei Zentner Material fasst – etwa um Weidenrinde zu zerkleinern, aber auch winzige Gefäße aus schimmerndem Achat oder Kostbarkeiten aus Elfenbein. „Oft verbinden sich Spuren des Mörsermaterials mit den Kräutern oder Gewürzen, die zerkleinert wurden, das war durchaus gewollt“, erzählt die Expertin.

Was man im alten Orient wusste, hat sich durch westliche Kaufleute im arabisch besetzen Spanien sowie durch heilkundige Mönche der abendländischen Klöster erhalten. „Es gab die kundigen Kräuterfrauen, die sammelten und für den Bedarf der Apotheker sorgten“, berichtet Dagmar Peters-Groth. „Die Ärzte waren bis zum 19. Jahrhundert auf die Apotheker mit ihren Rezepturen angewiesen, denn nur die Apotheker beherrschten die unterschiedlichen Herstellungsverfahren.“

Bei Erkältung greift auch sie stets zu ihren Kräutern – Thymian, als Schleimlöser, Malvenblüten, um den Reizhusten zu beruhigen, Salbei zum Gurgeln für den Hals. „Zuviel Salbei kann allerdings zu Reizungen und Übelkeit führen“, erinnert sie daran, dass man mit Kräutern vorsichtig umgehen sollte und Toxine (also Giftstoffe) nicht zu unterschätzen sind. Sie weiß auch, dass Gewürze wie Pfeffer und Muskat Heilwirkung haben und einst so kostbar waren, dass sie sich nur die Reichen leisten konnten.

Die Blütenblätter der Ringelblume verwendet man als Wundheilmittel in Salben. Foto: ZVA/Harald Krömer

Als Kräuterpädagogin

Dagmar Peters-Groth hat Chemie studiert und bei einem pharmazeutischen Unternehmen gearbeitet. Die Leidenschaft für Natur und Kräuter ist geblieben. „Mein Heilwissen habe ich weiter vertieft und mich zusätzlich zur Kräuterpädagogin ausbilden lassen.“ Häufig führt sie Menschen durch die Natur. „In der Eifel gibt es rund 150 nützliche Pflanzen, eher mehr“, versichert sie.

Dass man auch in der Vergangenheit nie gern ohne Medikamente unterwegs war, zeigen Sammlerstücke wie eine Reiseapotheke mit Schubladen, Behältern, winziger Waage, Spritzen aus Elfenbein und Glasfläschchen, die im Rahmen der Ausstellung zu sehen sind.

Malvenblütentee lindert Bronchitis, Fieber und Hautentzündungen. Foto: ZVA/Harald Krömer

Das gut erhaltene Stück stammt aus der Sammlung des Stolberger Apothekers Hartmut Kleis und ist normalerweise in der Dauerausstellung „Medizin-, Pharmazie- und Labortechnik“ in der Villa Museum Zinkhütter Hof aufgebaut. „Man kann sehen, was unterwegs möglich war“, bewundert die Kräuterexpertin das Objekt, das sogar ein Geheimfach hatte – für Kostbarkeiten wie Weihrauch, Myrrhe und Schlafmohn.

Die Chemikerin kennt sich aus. Zum Motto-Tag hat sie viele hilfreiche Rezepte im Gepäck. So wird Sonnenblumenöl durch einen Zweig Rosmarin zur angenehmen Einreibung, und Thymian schmeckt auf der Pizza. Nur das Geheimnis des „Schwedenbitters“, der mit seinen bis zu 27 Kräutern als umfassendster Nothelfer bei allerlei Beschwerden gilt, kann auch sie nicht lösen.

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