Aachen: Heiligtumsfahrt beginnt an der Laubsäge

Aachen: Heiligtumsfahrt beginnt an der Laubsäge

Im Zusammenhang mit spirituellen Großereignissen sind Fragen nach materiellen Dingen vielleicht etwas unangebracht, dennoch fördern sie mitunter interessante Antworten zutage. Wo werden beispielsweise die Pilgerstäbe für die Aachener Heiligtumsfahrt im Juni hergestellt?

Made in Fernost wie so vieles heutzutage? Und dann im grünen Container mit der Aufschrift „China Shipping“ nach Zeebrugge und weiter nach Aachen? Die Antwort liegt viel näher als vermutet.

Akkordarbeit im Dienst der frommen Sache: In der Schreinerei des "Volkswerk Mönchengladbach" sägt Jörg Oellers aus schichtverleimten Rotbuchenplatten die Pilgerzeichen für die Aachener Heiligtumsfahrt. Foto: Bistum Aachen

Auf verschlungenen Pfaden

Dompropst Helmut Poqué (links) und der Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff zeigen zwei fertig montierte Pilgerstäbe mit dem Wallfahrts-Logo. Foto: Ulrich Simons/

Es gibt Lebenswege, die verlaufen geradliniger als der von Jörg Oellers. Nur ein halbes Jahr hat er nach der Schule in seinem erlernten Beruf als Tankstellenkaufmann gearbeitet, dann ist er krank geworden, lange krank. Spätere Versuche, als Weber, Industrieofenführer oder Lagerleiter in der Arbeitswelt wieder Fuß zu fassen, endeten erfolglos. 2003 wurde er endgültig arbeitslos.

Der 46-Jährige schaltet die Säge auf dem Tisch vor ihm ein, legt sich das etwa 40 mal 40 Zentimeter große Brett zurecht und fährt mit dem feinen Sägeblatt konzentriert die Linie nach, die er aufgezeichnet hat. Seit vier Jahren geht er wieder regelmäßig zur Arbeit in der Schreinerei beim gemeinnützigen „Volksverein“, einer christlichen Arbeitsloseneinrichtung in einer ehemaligen Textilfabrik an der Geistenbecker Straße in Mönchengladbach. „Mir hätte nichts Besseres passieren können“, strahlt er. „Weil man hier ein Mensch sein darf. Man kann seine Ideen einbringen und wird respektiert. Und der Druck ist nicht so groß.“ Es ist der totale Gegenentwurf zur stressigen Arbeitswelt, die ihn krank gemacht hat.

Während sich seine 24 Kollegen in der Schreinerei, darunter kurioserweise nur ein gelernter Tischler, vorzugsweise mit dem Bau und dem Ausbessern von Möbeln für Kirchen und Altenheime befassen, hat Oellers im vergangenen Jahr die Abteilung „Filigrantechnik“ übernommen. Wenn demnächst die Pilgergruppen aus allen Teilen des Bistums nach Aachen kommen, werden viele von ihnen einen „echten Oellers“ vor sich her tragen. Oellers ist der Mann, der aus den fünffach schichtverleimten Sperrholzplatten die hölzernen Pilgerzeichen für die Heiligtumsfahrt aussägt.

300 hat er bereits im vergangenen Jahr mithilfe seiner Dekupiersäge, im Prinzip einer motorbetriebenen Laubsäge, aus den acht Millimeter dicken Sperrholzplatten geschnitten. Zwei dieser Pilgerzeichen macht er dank geschickter Aufteilung aus jeder Platte. Fünf bis sechs Minuten braucht er pro Stück, 30 bis 35 schafft er am Tag. „Wir haben es mit vier Millimeter dickem Holz versucht — das brach zu leicht.“ Jetzt hat man sich für Rotbuche entschieden. Aus versandtechnischen Gründen werden in Mönchengladbach nur die Aufsätze für die Pilgerstäbe gefertigt. Erst in den einzelnen Pfarreien erfolgt die „Endmontage“.

Der Entwurf des Pilgerzeichens stammt von der Aachener Werbeagentur Power & Radach und symbolisiert das Thema der frommen Wanderschaft auf ebenso schlichte wie einprägsame Weise: ein Kreuz, dessen Querbalken an einer Seite in einem Pfeil ausläuft, der symbolisch den Weg weist.

Jörg Oellers nimmt sich das nächste Brett vor. „Können Sie noch Pilgerzeichen sehen?“ Der Mann an der Säge grinst: „Ehrliche Antwort?“ Danke, das genügt. Die Frage ist Antwort genug. Werkstattleiter Jürgen Morjan, sein Chef, steht daneben und griemelt: „Sowas nehmen wir als Lehre in Demut.“

Gelegenheit dazu wird es noch reichlich geben. 300 Pilgerzeichen sind von Mönchengladbach aus schon im vergangenen Jahr in verschiedene Gemeinden des Bistums verschickt worden. Doch die Nachfrage reißt nicht ab. Inzwischen peilt Jörg Oellers die 400er-Marke an. Dass danach Schluss ist, hält nicht nur er für unwahrscheinlich.

Vom 20. bis 29. Juni werden die Pilgerzeichen an der Spitze der Pilgerstäbe in Aachen für ein buntes Bild sorgen. Denn die hölzernen Rohlinge werden in den einzelnen Pfarren und von den Pilgergruppen bunt geschmückt.

Dann will auch Jörg Oellers an einem der Wallfahrtstage auf dem Aachener Katschhof stehen, wo die Gottesdienste unter freiem Himmel stattfinden. Das hat er sich fest vorgenommen.

Er wird auf einen Wald bunt geschmückter Pilgerzeichen blicken, die während der Heiligtumsfahrt gesammelt und an zentraler Stelle dekorativ präsentiert werden sollen. Und dann wird er sich an die endlosen Stunden an der elektrischen Laubsäge erinnern und vermutlich ein bisschen stolz sein.