Hassmails, Drohanrufe und Co.: Auch Lügde leidet unter Missbrauchsfall

Zu Besuch in Lügde : „Wir sind Tatort, aber keine Täter“

Der Missbrauchsfall hat das idyllische Lügde im Kreis Lippe verändert. Der Bürgermeister berichtet gar von Hunderten Hassmails und Drohanrufen. Der Besuch in einer Stadt, die unter Generalverdacht steht.

Die Meldung, die ganz Deutschland erschüttern wird, veröffentlicht die Polizei im Kreis Lippe in einer Pressemitteilung am 30. Januar 2019 um 15.13 Uhr mit der Überschrift: „Schwerer sexueller Missbrauch an Kindern“. Lügdes Bürgermeister Heinrich Josef Reker, Vater zweier erwachsener Töchter, wird davon kalt erwischt. Niemand hat es bei der Polizei und im Landratsamt offenbar für nötig gehalten, den Bürgermeister frühzeitiger
darüber zu informieren, dass auf einem Campingplatz in seiner Gemeinde über Jahre hinweg Dutzende Kinder schwer missbraucht worden sind.

„Dieser massenhafte Kindesmissbrauch sprengt die eigene Vorstellungskraft“, sagt Reker. Fortan stehen er und die Einwohner seiner Stadt in der Schusslinie: In den Sozialen Netzwerken wirft man ihnen vor, weggesehen und den Missbrauch damit geduldet zu haben.

Eine Menge ist schon über die vielen Ermittlungspannen der Polizei oder das politische Ränkespiel im Landtag berichtet worden. Hier soll es aber um die Einwohner Lügdes gehen und wie sie damit zurechtkommen, als Mitwisser zu gelten.

Ein Tag im Mai. Es regnet fast ununterbrochen in Lügde. Das Flüsschen Emmer ist bereits über die Ufer getreten. Der Deutsche Wetterdienst warnt vor weiteren starken Regenfällen. Reker steht in seinem Büro im ersten Obergeschoss des Rathauses vor einer breiten Fensterfront, in der rechten Hand einen Becher Kaffee. „Nicht, dass wir heute noch einen Krisenstab einrichten müssen“, sagt er mit Blick auf die Regenwolken. Die Bürotür öffnet sich, seine Sekretärin hat den Chef der Feuerwehr am Telefon. Es sei dringend, es geht ums Hochwasser. Man könnte meinen, Reker hätte nichts anderes mehr zu tun, als Krisen zu bewältigen.

Bilderbuchpanorama

Lügde hat ein Bilderbuchpanorama. Einen Großteil ihrer Schönheit verdankt die 10.000-Einwohner-Gemeinde den vielen Fachwerkhäusern, der alten Stadtmauer und der Sicht auf grüne Hügel wie den Osterberg, von dem einmal im Jahr brennende Osterräder ins Tal hinuntergerollt werden.

Die im nördlichsten Zipfel Nordrhein-Westfalens gelegene Stadt gliedert sich in zehn Ortschaften. Elbrinxen ist die südlichste – dort liegt der Tatort, der Campingplatz „Eichwald“. Frank Schäfsmeier, der Betreiber, ist in den Augen vieler derjenige, der den massenhaften Kindesmissbrauch auf jeden Fall hätte mitbekommen müssen. Erst seit wenigen Tagen ist er zurück aus dem Urlaub; er musste mal raus aus Lügde, um Abstand zu gewinnen. Er wirkt gesundheitlich angeschlagen, sagt selbst, er habe einige Kilos abgenommen. Aber langsam gehe es ihm wieder besser.

Eigentlich hat Schäfsmeier sich vorgenommen, nicht mehr über den Fall zu sprechen. Zu viele Unwahrheiten seien über ihn verbreitet worden. Aber dann redet er doch. Es ärgere ihn, dass Fremde ihn und die Lügdener verurteilten, nur weil sie hier lebten. Aber er gesteht ihnen zu, dass es schwer zu glauben ist, nichts mitbekommen zu haben. „Wenn das woanders passiert wäre, hätte ich auch meine Zweifel“, räumt er ein. „Aber wie will man das erkennen? Wie soll das gehen, hinter verschlossene Türen zu schauen? Man kann da ja nicht anklopfen und fragen: Werden bei euch Kinder missbraucht?“

Der parteilose Lügder Bürgermeister Heinrich Josef Reker. Foto: Stefan Finger

Und Anzeichen dafür habe es für ihn keine gegeben, beteuert er. Auch im Nachhinein sei ihm nichts eingefallen. In den 30 Jahren, die der Hauptverdächtige Mieter auf dem Campingplatz war, sei nichts passiert, was ihn hätte hellhörig werden lassen müssen. Ihn nicht. Und die anderen Campern auch nicht. Im Gegenteil. Die Kinder hätten
darum gebettelt, zu ihm zu dürfen, zu ihrem „Adi“, wie sie ihren Peiniger genannt haben sollen. „Wenn sie ihn gesehen haben, sind sie fröhlich auf ihn zugelaufen und haben ihn umarmt und immer ‚Adi, Adi, Adi’ gerufen“, erinnert sich Schäfsmeier.

In Elbrinxen können die Menschen anfangs kaum aus dem Haus gehen, ohne sofort vor ein Mikrofon oder eine Kamera zu laufen. „Die sind regelrecht belagert worden“, sagt Reker. Besonders belastend sei die Situation für den ehrenamtlichen Ortsbürgermeister von Elbrinxen gewesen. Er werde nachts angerufen und bedroht. Und es seien immer dieselben Vorwürfe. Er wohne doch mitten im Ort. Er hätte doch was mitbekommen müssen. Wie habe er das nur übersehen können? Er sei daran zerbrochen, sagt Reker. Er habe ihn aus der Schusslinie nehmen müssen. „Er ist am Ende. Das hat ihn fix und fertig gemacht.“

Massive öffentliche Kritik

Viele im Dorf werden ähnlich angegangen. Es gebe keine Situation, in der man nicht darauf angesprochen werde, sagt der Bürgermeister. Besonders am Anfang sei man der öffentlichen Kritik massiv ausgesetzt gewesen. Reker selbst ist vor kurzem in Köln gewesen, um sich Laufschuhe zu kaufen. An der Kasse habe man ihn aus statistischen Gründen nach der Postleitzahl seines Wohnortes gefragt. Aha, Lügde, habe dann eine Frau hinter ihm in der Schlange abschätzig gesagt, er gebe es also auch noch offen zu, aus diesem Ort zu kommen. Die meisten Lügdener versuchen, Fragen zum Fall ruhig und sachlich zu beantworten. Aber das fällt manchen zunehmend schwerer. Reker kann es ihnen nicht verdenken. „ Sie haben weder weggeguckt noch haben sie den Kindesmissbrauch mitbegünstigt“, sagt der 65-Jährige. „Wir sind Tatort, aber keine Täter.“

Reker versucht, die Krise alleine zu bewältigen. Einen PR-Berater hat er abgelehnt, obwohl man ihm dazu geraten habe. Einen Pressesprecher hat er auch nicht. Das ist in Lügde zuvor nicht nötig gewesen. Die Politik im fernen Düsseldorf lässt ihn hängen, so empfindet er das. „Der Innenminister hat mich bis heute nicht angerufen.“ Vorwürfe deswegen macht er ihm nicht, dafür ist er zu anständig. Ohnehin ist Düsseldorf weit weg von Lügde. Drei Autostunden benötigt man, wenn man Pech hat vier. Die nächste Autobahn ist 70 Kilometer entfernt. Nach Lügde kommt man, um Urlaub zu machen. Es gibt viele Ferienwohnungen, Hotels und natürlich Campingplätze. Bislang habe man noch keinen Rückgang an Buchungen feststellen können, sagt Reker. Auch die Dauercamper sind geblieben in „Eichwald“. Schäfsmeier ist jedoch skeptisch, dass es so bleibt.

Wie groß das Ausmaß des Verbrechens ist, erfährt der Campingplatz-Betreiber am 30. Januar aus dem Fernsehen, wo die Pressekonferenz der Polizei übertragen wird. Zuvor sei ihm nicht viel mehr gesagt worden, als dass der „Adi“ wegen Kindesmissbrauch in Untersuchungshaft säße. Zwei oder drei Kripobeamte seien deswegen im Dezember auf dem Campingplatz gewesen, um sich umzuschauen. Er habe sie begleitet. Mitte Dezember macht er auf der Polizeiwache in Detmold eine Zeugenaussage. Niemand sagt ihm etwas über die Zahl der Opfer. Er und andere hätten natürlich überlegt, wen der Täter missbraucht haben könnte. Auch an die Pflegetochter habe man gedacht. „Aber für mich war das nicht vorstellbar. Die beiden waren eine Einheit.“ Eine halbe Stunde nach der Pressekonferenz stehen Dutzende Kamerateams mit Übertragungswagen auf seinem Campingplatz und wollen wissen, wie es ihm geht. Und wieso er nichts mitbekommen hat.

Wie geht es weiter?

Am Wochenende nach Bekanntwerden des Missbrauchsfalls setzt sich Reker mit den Ortsbürgermeistern und Vereinsvorsitzenden zusammen. Wie geht es weiter? Das Osterräderfest steht an, zu dem jedes Jahr Zehntausende kommen. Und Elbrinxen wird im August 800 Jahre alt. Alles absagen? Kommt nicht in Frage, obwohl Außenstehende das fordern. „Wir können uns den Alltag nicht komplett durch den Fall bestimmen lassen“, sagt Reker. „Was können wir denn alle dafür? Wir müssen nach vorne blicken.“ Außerdem, fragt er, wäre den Opfern damit geholfen, die Veranstaltungen abzusagen? „Ich denke nicht.“

Den Tatort gibt es nicht mehr. Bagger haben die Parzelle eingerissen. Schäfsmeier ist froh, dass alles weg ist. Zumindest bleiben jetzt die ganzen Schaulustigen fern. Die seien aus ganz Deutschland gekommen. Das habe er an den Nummernschildern erkannt. „Das waren richtige Gaffer, die gucken wollten, wo es passiert ist“, sagt er. Für ihn ist das alles immer noch unbegreiflich. Den „Adi“ habe er 30 Jahre gekannt, der habe praktisch zum Inventar des Campingplatzes gehört. Er war immer freundlich und hilfsbereit. Schäfsmeier stellt sich immer noch die eine Frage: „Wie kann man sich nur so in einem Menschen täuschen?“

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