Hambacher Forst: Trauer um toten Blogger

Nach dem tödlichen Unfall im Hambacher Forst : Ein Tag, an dem die Polizei Abstand hält

Rund 100 Personen versammeln sich zu einer Gedenkminute am Unglücksort im Hambacher Forst. Die Lage bleibt weitgehend ruhig.

Eine kurze Zeit war ein kleiner Teil des Hambacher Forstes seinem Ursprung so nah wie selten in den vergangenen Tagen. Er war ruhig, friedlich, die einzigen Geräusche schickte der Wind durch die Wipfel. Dort, wo am Mittwochnachmittag der junge Mann tödlich verunglückt war, versammelten sich an die 100 Aktivisten, Demonstranten und Menschen, die ihre Anteilnahme ausdrücken wollten.

Rund 24 Stunden nach dem Unfall saßen sie für einige Gedenkminuten um einen Schrein herum. Aktivisten aus „Beechtown“ hatten ihn errichtet aus Baumstümpfen, Hölzern, geschmückt mit Kerzen, Blumen und auch einem Karabinerhaken. Der junge Mann war ungesichert abgestürzt. „Möge deine Seele für immer in einem wunderschönen Wald leben“ steht in bunter Schrift auf einem Laken. Die rot-weißen Absperrbänder der Polizei hatte ein Aktivist entfernt.

Eine Aktivistin, die schon zur Mittagszeit lange vor dem Schrein gekniet und Räucherstäbchen entzündet hatte, wollte über das, was am Vortag passiert war, nicht reden. Zu frisch sei alles, sagte sie in ein Tuch gehüllt mit gebrochener Stimme, zu schwer zu verarbeiten für die Bewohner von „Beechtown“. Jener Baumhaussiedlung in 15 bis 20 Metern Höhe, deren Häuser wie aus dem Katalog aussehen und mit Holzbrücken verbunden sind. Den 27-Jährigen  nannten die Bewohner einen „Freund“, er hatte ihr Leben dokumentiert und bezeichnete sich wohl selbst als geübten Kletterer. Als er verunglückte, trug er keine Schuhe, aber einen Helm mit Kamera.

Die Polizei nahm gebührend Abstand von den Szenen der Trauer, die sich niemand vor den Räumungsaktionen hat vorstellen wollen. An diesem Gedenktag standen sich Hundertschaften und Aktivisten, und diejenigen, die sie unterstützen, dennoch zwei Mal gegenüber. Die Situation eskalierte jedoch nicht so wie am vergangenen Sonntag, als Hunderte Demonstranten die Polizeireihen vor dem Wald durchbrachen, um in den Forst zu laufen, um dort lauthals zu provozieren und auch Gewalt anzuwenden.

Geballte Abneigung gegen Polizei

Die erste leichte Konfrontation  spielte sich gegen 14.30 Uhr ab, als eine Hundertschaft auf „Lorien“ zumarschierte, eine Siedlung am Waldrand nahe dem Wiesencamp auf Merzenicher Gebiet. Die Polizisten wollten Barrikaden unmittelbar vor der Siedlung wegräumen, weil sie den Rettungs- und Fluchtweg versperrten – prompt setzten sich ihnen bis zu 50 Personen in den Weg, weitere standen im Umfeld. Es war einer dieser Momente, an denen Recht und Gesetz auf die geballte Abneigung gegen die Staatsgewalt prallten.

Die Aktivisten warfen der Polizei lautstark vor, den Tag der Trauer zu missachten, um sich weiter ihren Weg in die Siedlungen zu bahnen. Die Situation löste sich schließlich friedlich auf. Vor Ort waren die Bundestagsabgeordneten Kathrin Vogel, Hubertus Zdebel (beide Linke) und Sven Lehmann (Grüne), die mit der Polizei vereinbarten, die Barrikaden nicht zu räumen, weil es einen weiteren Fluchtweg gebe.

Trauer im Hambacher Forst und in Aachen

Konfrontation zwei spielte sich zu dem Zeitpunkt ab, als die Schweigeminute gegen 15.50 Uhr beginnen sollte. Die anfangs erwähnte junge, trauernde Aktivistin aus „Beechtown“ wurde von der Polizei abgeführt, weil sie mit einem Klettergeschirr ausgestattet über Seile wieder in die Bäume klettern wollte. Sie kauerte weinend und aufgebracht neben einem Polizeiwagen, Beamte wollten ihre Personalien feststellen. Die große Gruppe derer, die trauern wollten, wollten auch diese Maßnahme der Polizei nicht verstehen.

Ein Polizeisprecher erklärte den Eingriff im Nachhinein: „Nachdem wir die Personalien festgestellt haben, durfte sie wieder gehen. Solange wir sehen, dass jemand in die Bäume klettern wollen, lassen wir das nicht zu. Es ist einfach zu gefährlich.“

Hier geht es zur Bilderstrecke: Tragisches Unglück im Hambacher Forst

(Carsten Rose)
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