Hambacher Forst: Räumung kurz vor dem Ende

Festungsähnliche Barrikaden: Der Einsatz Hambacher Forst steht kurz vor dem Ende

Der Einsatz im Hambacher Forst steht kurz vor dem Ende. Das ergibt sich aus Recherchen unserer Zeitung. Die Polizei könnte schon am Dienstag abziehen. Und nun?

Die Verwallung um „§11“ sieht aus wie eine mittelalterliche Festungsanlage, die Barrikaden sind zwischen zwei und drei Metern hoch und bemannt, zum Teil mehrere Meter dick. Waldbesetzer sitzen auf und in den Barrikaden, die den Baum kreisförmig umschießen, auf dem „§11“ errichtet ist, ein Baumhaus mit zwei Etagen und Balkon.

Zunächst stehen die Polizisten etwas ratlos vor der geschlossenen Befestigung, kein Wunder, solche Anlagen haben die meisten Polizisten in ihrem Leben vermutlich noch nicht gesehen. Die Polizeiführer und die RWE-Mitarbeiter besprechen, wo man da wohl anfangen soll, in jedem Fall wird es eine Menge Arbeit, das steht schon am Montagmorgen fest.

Das Katz- und Maus-Spiel zwischen Waldbesetzern und Polizei ist an Tag 20 der Räumung im Hambacher Forst inzwischen zur Routine geworden. Jeden Morgen entdecken die Polizisten neue Barrikaden, Baumhäuser oder Plattformen, die über Nacht entstanden sind. Die festungsähnlichen Barrikaden um „§11“ waren nach oder sogar schon während des sonntäglichen Waldspaziergangs ausgebaut worden. Nach Berichten von Augenzeugen sollen 500 bis 1000 Spaziergänger den Waldbesetzern am Sonntagabend dabei geholfen haben, die Verwallung auszubauen, anders ist die Entstehung einer solchen Anlage auch kaum zu erklären.

Das Wiesencamp wurde am Morgen bei einer Razzia durchsucht. Foto: zva/Marlon Gego

Möglicher Abzug am Dienstag

Doch dieses Katz- und Maus-Spiel wird vermutlich schon am Dienstag ein Ende haben, wenn nichts Unvorhergesehenes passiert. Denn nach Recherchen unserer Zeitung gibt es nur noch ein Baumhaus, das die Polizei noch räumen wird, obwohl am Montag nahe des früheren Baumhausdorfes „Oaktown“ ein neues Baumhausdorf entstand, das die Waldbesetzer völlig unbehelligt zu bauen begannen.

Die Polizei leistet im Hambacher Forst aber lediglich Vollzugshilfe für die Bauämter der Stadt Kerpen und des Kreises Düren. Die Bauämter müssen auf Weisung des nordrhein-westfälischen Bauministeriums solche Baumhäuser aus dem Wald entfernen, die dem Gesetz nach als Gebäude einzustufen sind. Ob das aber für die im Moment entstehenden Bauten in den Bäumen bei „Oaktown“ zutrifft, ist zumindest zweifelhaft. Was die Frage aufwirft, ob die Bauämter beziehungsweise die Polizei für das Entfernen immer neuer Baumhäuschen überhaupt noch zuständig ist.

Razzia im Wiesencamp

Die Polizei verweist auf das Bauamt der Stadt Kerpen, in deren Zuständigkeit das neu entstehende Baumhausdorf liegt. Eine entsprechende Anfrage unserer Zeitung konnte die Stadt Kerpen am Montag nicht beantworten. Der Kreis Düren erklärte, dass das Vollzugshilfeersuchen „wenigstens für Montag aufrecht erhalten“ werde, sagte ein Sprecher des Kreises.

Es steht damit so gut wie fest, dass es ab Dienstag oder spätestens Mittwoch an RWE sein wird zu verhindern, dass die Waldbesetzer und ihre Unterstützer neue Baumhäuser oder sonstige Dinge errichten, die die Rodung des Hambacher Forsts behinder können. Auf Anfrage unserer Zeitung erklärte RWE am Montagabend: „Sobald die letzten Baumhäuser im Hambacher Forst geräumt sind, kommt unser Sicherheitskonzept zum Einsatz. Dazu zählen Einzäunungen, Beleuchtung und intensive Bestreifung durch Sicherheitskräfte“, sagte Konzernsprecher Olaf Winter.

Man wolle „einen Zaun um den Wald ziehen“ und „mit Schildern auf die Gefahren hinweisen, die mit einem Betreten unseres Betriebsgeländes einhergehen“. Sollten neue Barrikaden oder Baumhäuser errichtet werden, „räumen wir diese umgehend im Rahmen unserer Verkehrssicherungspflichten“, sagte Winter.

Bevor die Polizei den Einsatz beenden wird, hat sie am Montag abermals das Wiesencamp durchsucht. Die Beamten stellten dort die Identitäten den Anwesenden fest und suchten nach Gegenständen, die zum Errichten weitere Baumhäuser oder als Waffen dienen könnten. Die Beamten räumten neben Holzregalen, Paletten und anderen Gegenständen auch leere Wasserkanister und Fahrräder weg, was zu erheblichen Protesten führte. Die Polizei begründete dies damit, dass die Fahrräder nicht mehr verkehrstüchtig, also „Schrott“ seien. Diese Art Schrott sei wiederholt Teil von Barrikaden im Wald gewesen.

20.000 Menschen zu Demo erwartet

Zu einer Protestaktion gegen die Rodungspläne am Hambacher Forst erwarten die Organisatoren indes am Wochenende mehr als 20.000 Menschen. Der Zuspruch sei immens, sagte Anmelder Uwe Hiksch von der Umweltorganisation Naturfreunde Deutschland am Montag in Köln. Er sprach von der wahrscheinlich größten Demonstrationen, die die Region je gesehen habe. „Wir hoffen, dass das Kleinkind im Kinderwagen genauso mit uns demonstriert wie beispielsweise die Oma mit dem Rollator“, sagte er.

Die Protestkundgebung soll am Samstag auf Feldern nahe der Waldgrenze stattfinden. Unter anderem soll auch die Band Revolverheld auftreten. Mehrere Organisationen, darunter Greenpeace und der Umweltverband BUND, wollen damit Druck auf RWE ausüben, auf die geplante weitere Rodung des Hambacher Forsts zu verzichten. Der Energiekonzern will unter dem Wald nach Braunkohle baggern. RWE sieht allerdings keine Spielräume mehr für einen Kompromiss mit Umweltschützern und Braunkohlegegnern.

Die Organisatoren der Protestaktion erwarten, dass auch viele der Teilnehmer durch den Wald gehen wollen - auch wenn es sich nicht um einen Demozug handelt. Man hoffe, dass die Polizei das ermöglichen werde, sagte Anmelder Hiksch. Man gehe allein von 1000 bis 1500 Autos aus, die in die Region am Wald fahren werden. Hinzu kämen etliche Busse. „Was Gorleben für die Anti-Atom-Bewegung gewesen ist, das wird der Hambacher Wald immer mehr für die Anti-Kohle-Bewegung“, sagte Christoph Bautz vom Kampagnennetzwerk Campact.

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