Hambacher Forst: Polizei sucht bei Einsatz Waffen

Merzenich : Bundestagsabgeordneter Krischer: „Wo sind all‘ die anderen Waldbesetzer?“

Am frühen Nachmittag kommen Oliver Krischer und Mona Neubaur aus dem Hambacher Forst und gehen über eine Werksstraße Richtung Tagebaukante. Einige Zeit sind Krischer und Neubaur zuvor durch den kleinen Restwald gelaufen und haben sich angeschaut, wie die RWE-Mitarbeiter unter Polizeischutz Barrikaden, Müll und anderen Krempel aus dem Wald geräumt haben.

Sie sind tiefer in den Forst gelaufen und haben zugeschaut, wie die Polizei einen Waldbesetzer von einer drei Meter hohen Barrikade geräumt hat, sahen kritisch hin, als die Polizei in eine drei Meter tiefe Grube geklettert ist, um einen anderen Waldbesetzer zu bergen, der sich dort angekettet hatte. Und nun, in der Nähe der Tagebaukante, fragt Krischer: „Wo sind eigentlich all‘ die anderen Waldbesetzer?“

Die RWE-Mitarbeiter sollen „alle waldfremden Gegenstände aus dem Forst entfernen“. Die Polizei schützte den Einsatz. Foto: dpa

Krischer ist grüner Bundestagsabgeordneter aus Düren, Mona Neubaur Landesvorsitzende der Grünen in Nordrhein-Westfalen. Als sie am Mittwochmorgen erfuhren, dass wieder ein größerer Polizeieinsatz im Hambacher Forst stattfindet, sind sie sofort gekommen. Doch genau wie manche andere Beobachter sind sie überrascht, dass wenig passiert, dass der Einsatz weitestgehend friedlich verlaufen ist, dass keine Eskalationen zu vermelden sind. Ein junger Journalist, der noch nicht oft im Hambacher Forst war, sieht aus als wolle er fragen: Wo sind die Terroristen, vor denen der Innenminister uns gewarnt hat?

Die RWE-Mitarbeiter sollen „alle waldfremden Gegenstände aus dem Forst entfernen“. Die Polizei schützte den Einsatz. Foto: Ralf Roeger

Am Abend zuvor, am Dienstag, war in den Sozialen Medien hysterisch zur Solidarität aufgerufen worden, wer könne, solle in den Wald kommen, sofort. Räumpanzer seien angerückt, Tausende Polizisten zögen auf, hatten Waldbesetzer oder Sympathisanten getwittert. Alarmstimmung im Internet, einmal mehr. Am nächsten Morgen dann war nicht sehr viel Polizei zu sehen, erheblich weniger jedenfalls als vergangene Woche, als das Wiesencamp am Hambacher Forst durchsucht worden war. Da sollen es 600 gewesen sein. Einige Aktivisten rufen nun: „Wo, wo, wo wart Ihr in Chemnitz?“, eine Frage, auf die die Polizisten natürlich nichts erwidern.

Die RWE-Mitarbeiter sollen „alle waldfremden Gegenstände aus dem Forst entfernen“. Die Polizei schützte den Einsatz. Foto: Ralf Roeger

Wann immer die Polizei in den Hambacher Forst kommt, geht die Angst um, dass Tag X gekommen sein könnte, wie die Waldbesetzer ihn nennen, der Tag also, an dem es ernst wird, an dem RWE die Baumhäuser und -baracken räumt, von denen es im Hambacher Forst mittlerweile nur so wimmelt. Dieser Tag war am Mittwoch nicht.

Die RWE-Mitarbeiter sollen „alle waldfremden Gegenstände aus dem Forst entfernen“. Die Polizei schützte den Einsatz. Foto: Ralf Roeger

Ein paar Pöbeleien, mehr nicht

Die RWE-Mitarbeiter sollen „alle waldfremden Gegenstände aus dem Forst entfernen“. Die Polizei schützte den Einsatz. Foto: Ralf Roeger

Antje Grothus ist in den Wald gekommen, sie wohnt ja nicht weit entfernt, drei Kilometer vielleicht, drüben in Kerpen-Buir. Grothus ist das Gesicht des Widerstandes im Hambacher Forst, nicht nur, weil sie seit 2012 immer wieder vor Ort ist, sondern weil sie unermüdlich spricht, argumentiert, versucht, Menschen für ihre Sache einzunehmen. Auch die, von denen sie weiß, dass ihre Bemühungen vermutlich vergebens sein werden. Sie bleibt immer fair und freundlich, auch deswegen ist sie seit Sommer Mitglied in der Kohlekommission der Bundesregierung. Sie kommt in ein Baumhausdorf und entdeckt den österreichischen Anarchisten Clumsy auf einem Baum, der einzige, der unvermummt ist. Clumsy ist eine Art Waldbesetzer-Legende, der seit dem Beginn der Besetzung 2012 im Hambacher Forst ist. Grothus winkt hinauf, Clumsy winkt zurück. Grothus: „Ist doch alles friedlich, oder?“

Draußen in der Nähe der Tagebaukante stellt Oliver Krischer fest, dass die Zukunft des Weltklimas sich natürlich nicht im Hambacher Forst entscheiden wird, auch wenn das in seinen Twitter-Botschaften manchmal anders klingt. Aber, sagt Mona Neubaur mit weichem oberbayerischem Zungenschlag, RWE könnte mit den Rodungen doch wenigstens warten, bis Antje Grothus und der Rest der Kohlekommissionsmitglieder Ende des Jahres die Eckpfeiler für den Kohleausstieg festgelegt haben werden. „Das muss doch möglich sein“, sagt sie. Krischer nickt. Dass der Kohleausstieg abrupt kommen wird, glauben selbst die beiden Grünen nicht. Man wird sehen.

Am Ende des Tages wird außer ein paar Pöbeleien der Waldbesetzer Richtung Polizei und einem angepinkelten Polizisten nicht viel zu vermelden gewesen sein. Unappetitlich zwar, aber möglicherweise nicht die schlimmste Eskalationsstufe, von der in den kommenden Wochen aus dem Hambacher Forst zu berichten sein wird.

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