Hambacher Forst: 5000 Menschen zu Kundgebung erwartet

Hambacher Forst : Tausende demonstrieren im Regen

Trotz des Regenwetters und des Verbots des Waldspaziergangs am Vortag sind am Sonntag Tausende Demonstranten im Hambacher Forst unterwegs - trotz Sturmwarnung und Regenwetters.

Als Michael Zobel und seine Freundin vor ein paar Jahren zum ersten Mal zu einem Waldspaziergang in dem kleinen Mischwald einluden, kamen ein paar Dutzend Leute. Der Waldführer zeigte ihnen die Stieleichen und Hainbuchen, es ging um Maiglöckchen, um die Bechsteinfledermaus oder den Mittelspecht. Am Sonntag herrscht Gummistiefel-Wetter, eine Sturmwarnung liegt vor – das schreckt die Besucher aber nicht davor ab an diesem verregneten Tag, in den Wald zu kommen. Zobel kann ein  paar Tausend Menschen im Forst begrüßen.

Zobel, ein großer, selbstbewusster Mann mit einer klaren Stimme, erklärt den Wald nicht beim Spaziergang. Vielmehr hat er nun ein Mikrofon in der Hand. Der Charakter der Zusammenkunft hat sich grundlegend im Laufe der Jahre verändert, das ist leicht erkennbar. Auch im 53. Monat der Waldspaziergänge geht es immer noch um Fauna und Flora, aber auch um die zentrale Fragestellung, die da lautet: Welche Klimapolitik wollen wir, wie gehen wir mit unseren Ressourcen um? Zobel ist einer der Gesichter des Widerstands geworden. „Das war nie so geplant“, sagt er. Aber jetzt ist es so, und er kann nicht mehr anders. Der Waldpädagoge steht auf einem Pickup, er findet klare Worte: „Es gibt viele führende Köpfe in diesem Land, die spüren, dass sich der Wind gerade dreht“, sagt er. Wenn tausende Polizisten benötigt würden, ein kleines Waldstück zu schützen, laufe etwas grundverkehrt in diesem Land, sagt Zobel. Und er fragt auch, warum bei Aufmärschen Rechtsradikaler die polizeiliche Präsenz fehle, die es in Hambach im Überfluss gebe. „Wir müssen gerade aufpassen“, sagt er.

Geplanter Waldspaziergang untersagt

Sein Waldspaziergang in der üblichen Form durfte diesmal nicht stattfinden. Genehmigt wurde nur eine Standkundgebung am Kieswerk Collas. Von hier aus machen sich die Spaziergänger seit Jahren auf in den kleinen Forst. Die Polizei hatte die von Zobel vorgeschlagene Route diesmal als „nicht genehmigungsfähig“ eingestuft, weil sie nicht für die Sicherheit der Versammlung garantieren könne. Schließlich waren 5000 Waldbesucher angemeldet worden. Vor dem geplanten Spaziergang gab es deswegen auch noch den Gang durch die Instanzen. Das Aachener Verwaltungsgericht bestätigte am Samstagabend per Eilbeschluss die Rechtsauffassung der Polizei. Die Richter untersagen den angemeldeten Demonstrationszug, genehmigten nur die Standkundgebung. Sie sorgten sich darum, dass einzelne Teilnehmer erneut die Versammlung nutzen könnten, „auszuscheren“ und sich dem aktiven Protest der in dem Forst lebenden Aktivisten anzuschließen. Damit würden sie sich in Gefahr bringen, auch weil im Boden Schächte und Tunnel angelegt seien. Bevor das Oberverwaltungsgericht in Münster über die wenig aussichtsreiche Beschwerde entschieden hatte, war der verregnete Sonntag bereits aufgezogen.

Die Menschen können an diesem Tag natürlich dennoch in den Wald, der als „gefährlicher Ort“ eingestuft ist. Sie müssen sich kontrollieren lassen. Es gibt viele Wege in den Forst, am Nachmittag sind erkennbar mehr Besucher als Polizisten im Wald. Die Polizei ist am Abend mäßig zufrieden. Waldbesucher haben damit begonnen, Barrikaden zu bauen. Als die Beamten dagegen vorgehen, werden sie mit Holzscheiten beworfen, bilanziert eine Sprecherin. Die Polizisten setzen Pfefferspray ein, die Lage ist stundenlang angespannt.

Zobel hat in dieser Woche von seinen Anfängen als Naturführer und Waldpädagoge erzählt. 18 Jahre ist das her. „Und ich war sehr stolz, wenn in den Aachener Zeitungen für den nächsten Samstag eine Pilzführung angekündigt wurde und mein Name dabeistand.“ Inzwischen hat er eine eigene Homepage und ist ein ziemlich gefragter Mann. Vor ein paar Tagen hat die „New York Times“ angerufen, um sich zu erkundigen. „Es gibt inzwischen eine weltweite Aufmerksamkeit“, sagt Zobel. „Das ist gut so.“

Eine paar Minuten steht auch Antje Grothus an diesem Tag neben ihm auf dem improvisierten Podium am Waldrand. Grothus, die die Initiative „Buirer für Buir“ gegründet hat, sitzt in Berlin in der Kohlekommission, in der gerade Ausstiegsszenarien diskutiert werden. Auch sie ist ein Gesicht des Widerstands, die beiden kennen sich seit Jahren. Auf der kleinen Rederampe umarmen sie sich und strahlen ein bisschen, als ein paar Protestlieder angestimmt werden. Grothus filmt mit ihrem Handy, wie tausende Menschen von Buir aus kommend in Richtung Wald spazieren. Die Landstraße wird eine Pilgerstraße. „Wir sind schon ein wenig stolz darauf, wie groß die Bewegung geworden ist“, sagt Zobel am Abend Vielleicht wären sogar noch mehr Menschen gekommen, aber die S-Bahn-Verbindung aus Köln funktioniert an diesem Vormittag plötzlich nicht mehr, während ansonsten der Fahrplan eingehalten wird. Schon eine Woche zuvor wurde nur ein Kurzzug eingesetzt.

Manfred Zobel, Initiator des Waldspaziergangs, und Antje Grothus von „Buirer für Buir“, am Sonntag im Hambacher Forst. Foto: Christoph Pauli

Weder Veranstalter noch Polizei können am Sonntagabend eine präzise Besucherzahl herausgeben. Schätzungen gehen in Richtung 10.000 Besucher. Auch Zobel hat den Eindruck, dass der Zuspruch noch nie größer war. Am nächsten Sonntag wird Zobel wieder zu einem Spaziergang einladen.

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