Aus Fremdenhass in Feiernde gefahren: Haftbefehl gegen Anschlagsfahrer

Aus Fremdenhass in Feiernde gefahren : Haftbefehl gegen Anschlagsfahrer

Die kurze Videosequenz, die mit einem Handy von einem Augenzeugen aufgenommen und auf Youtube hochgeladen wurde, zeigt eine junge Frau in der Bottroper Innenstadt in der Silvesternacht, die vor einem plötzlich heranfahrenden silberfarbenen Mercedes-Kombi zur Seite springt.

Gerade noch rechtzeitig, sonst wäre wohl auch sie von dem Wagen erfasst worden – wie der Mann, der bereits auf der Kühlerhaube des Mercedes liegt. Schreie sind zu hören. Der Mercedes bremst ab, setzt ruckartig zurück. Der Mann fällt von der Kühlerhaube. Der Mercedes fährt mit eingeschaltetem Warnblinklicht davon.

Es war der zweite von mehreren Angriffen des Amokfahrers auf Ausländer in der Silvesternacht in Bottrop und Essen, bei denen acht Menschen zum Teil schwer verletzt wurden. Die ermittelnde Polizei Münster geht davon aus, dass der Täter gezielt nach Opfern Ausschau gehalten hat, etwa an beleuchteten Bushaltestellen. Nach der Attacke auf die feiernden Passanten ist gegen den 50-jährigen Autofahrer Haftbefehl wegen mehrfachen versuchten Mordes erlassen worden.

Unter den Opfern sind eine 46-jährige Frau, ihr Ehemann (48) und ihre Töchter (16 und 27) aus Syrien. Die 46-Jährige wurde lebensgefährlich verletzt, konnte aber durch eine Notoperation gerettet werden. Ebenfalls verletzt wurden ein vierjähriger Junge und seine Mutter (29) aus Afghanistan, eine Zehnjährige aus Syrien sowie ein 34-jähriger Essener mit türkischen Wurzeln.

Staatsanwaltschaft und Polizei sprechen von einem gezielten Anschlag. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Täter aus fremdenfeindlichen Motiven handelte und unter psychischen Problemen leidet. In seiner Vernehmung habe sich der 50-jährige Essener bislang kooperativ gezeigt, sagte eine Polizeisprecherin. „Seine Aussagen lassen uns derzeit nicht daran zweifeln, dass er es gezielt auf Ausländer abgesehen hat“, so die Sprecherin. „Wir wissen aber noch nicht, was letztendlich den Ausschlag gegeben hat für die Tat.“

Er soll in der Vernehmung über die „vielen Kanaken in Deutschland“ geschimpft haben, gegen die er etwas habe unternehmen wollen. Die Polizisten stellten ihm verschiedene Fragen, die er klar und zusammenhängend beantwortet habe. Auch seine Angaben zu seinen fremdenfeindlichen Motiven haben die Polizisten mehrfach hinterfragt, der Täter soll sie daraufhin mehrfach bestätigt haben.

Laut NRW-Innenministerium war der Täter früher schon wegen einer schizophrenen Erkrankung in Behandlung, teilweise auch stationär. Ob er zum Zeitpunkt der Tat noch in Behandlung war, klären die Ermittler derzeit. Das ist wichtig, wenn es später einmal vor Gericht um die Schuldfähigkeit des Täters gehen sollte. „Wir wissen noch nicht genau, um was für eine psychische Erkrankung es sich handelt“, sagte eine Polizeisprecherin.

Der 50-Jährige ist bei der Polizei bislang nicht in Erscheinung getreten. Laut NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) sieht es so aus, dass er „aus einer persönlichen Betroffenheit und Unmut heraus dann Hass auf Fremde entwickelt hat“. Der Täter lebte wohl länger mit einer Frau im Essener Norden zusammen. „Die beiden hatten eine Beziehung, und die ist wohl in die Brüche gegangen“, sagte ein mit den Ermittlungen vertrauter Insider. Der Täter ist deutscher Staatsbürger, seit längerem arbeitslos und bezieht Hartz IV.

„Eventuell war es so, dass dann in der Silvesternacht der Frust in ihm aufstieg, weil der Mann sich alleine fühlte“, so der Insider. Derzeit spreche viel für eine spontane Tat. Ebenso fanden sie in der Wohnung des Täters bislang keine Hinweise auf Kontakte zu rechtsextremen Organisationen wie einschlägige Zeitschriften oder Abzeichen.

(dpa)
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