Köln: Gymnasium „Dialog” geht an den Start: Türkisch erstmals Pflichtfach

Köln : Gymnasium „Dialog” geht an den Start: Türkisch erstmals Pflichtfach

Gelebte Integration und Mehrsprachigkeit - die Ziele des neu eröffneten Kölner Privatgymnasiums „Dialog” sind ehrgeizig. Die 37 Schüler mit türkischem Migrationshintergrund auch. Die zehnjährige Amine sitzt in der ersten Reihe des frisch gestrichenen Klassenraums und grübelt.

Thema der Stunde: Die Regeln von Erich Kästner zum „guten Umgang” miteinander. „Sei nicht zu fleißig!”, antwortet Amine prompt in perfektem Deutsch und strahlt. Die Fünftklässlerin trägt ein weißes Kopftuch.

Hinter ihr will ein Mitschüler eine weitere Regel verkünden, bricht aber ab, weil ihm die Worte fehlen. „Sag es doch auf Türkisch”, rufen die Klassenkameraden. Lehrerin Franziska Roth schmunzelt: „Dann kann ich es aber nicht verstehen!” Als Einzige.

Zum ersten Mal steht an einem staatlich anerkannten Gymnasium im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen Türkisch ebenso wie Englisch als versetzungsrelevante Fremdsprache ab der fünften Klasse auf dem Stundenplan.

Bei einer dreisprachigen Theater-AG wird Mehrsprachigkeit, eine Ressource der Schüler, als wichtige Kompetenz gefördert. „Startnachteilen von Kindern mit Migrationshintergrund wollen wir von Anfang an entgegenwirken”, erklärt Alp Sarac, Vorsitzender des Türkisch-Deutschen Akademikerbundes (TDAB). Für Verpflegung und Nachmittagsbetreuung zahlen die Eltern monatlich 180 Euro.

Der Diplom-Kaufmann hat das geschafft, was bundesweit immer noch eher wenigen Migranten gelingt: Ein erfolgreicher Schul- und Studienabschluss in Deutschland. Sarac will, dass sich das ändert. Seit 1998 bietet der TDAB in Bildungszentren in Köln Nachhilfeunterricht und Weiterbildung an.

„Je mehr Förderung, desto besser geht es den Kindern”, betont Sarac. „Die Quote der türkischen Kinder, die Abitur machen, ist sehr niedrig”, betont Hans-Joachim Roth, Professor für Erziehungswissenschaften von der Forschungsstelle für Interkulturelle Studien an der Universität Köln. PISA habe gezeigt, dass die türkische Gruppe im Bildungssystem besonders stark benachteiligt sei.

In kleinen Klassen mit moderner Ausstattung werden die Schüler in dem Privatgymnasium deshalb ganztags gefördert. Zu den Schulstunden streng nach NRW-Lehrplan werden Förderkurse und eine Theater-AG angeboten. Statt Islamunterricht steht Ethik auf dem Stundenplan. „Das entspricht unserem Leitbild Anerkennen, Akzeptieren und Tolerieren”, sagt Sarac. „Im Ethikunterricht kommen alle Glaubensrichtungen vor.”

Sollten sich in den kommenden Jahren - wie erhofft - deutsche Schüler anmelden, werde katholischer und evangelischer Religionsunterricht ebenso angeboten wie Türkisch für Anfänger. Für Eltern gibt es unterstützend Beratungen und Seminare.

Die Schüler sind glücklich mit ihrem neuen Ganztags-Gymnasium. „Hier ist es auch besser, weil man gemeinsam isst und die Hausaufgaben macht”, erklärt die zehnjährige Gamze. Und der Türkischunterricht? „Super! So vergessen wir unsere Muttersprache nicht.”

Die Bedeutung der Muttersprache, die die Kinder intuitiv erkannt haben, kann Roth bestätigen: „Ich bin überzeugt, dass die Kinder in Deutsch als Zweitsprache größere Fortschritte machen, wenn die Herkunftssprache systematisch gelernt wird.” Zudem sei die Anerkennung der Herkunftssprache sehr wichtig.

Die allgemeinbildende Schule sei aber keine türkische Eliteschule, betonen Alp Sarac, der Geschäftsführer der Schule Seyitahmed Tokmak und der Schulrektor Gregor Hohmann van Haaren. „Die Schule mit dem Attribut Nationalität zu verbinden, ist nicht glücklich, weil es Ängste schüren würde”, erklärt Sarac.

Man wolle aber das Gegenteil erreichen. Gelebte Integration. Um auch die deutsche Öffentlichkeit auf das Gymnasium aufmerksam zu machen, wolle man Bundespräsident Horst Köhler demnächst zu einer offiziellen Eröffnung einladen. Tokmak zeigt sich optimistisch: „Interesse seitens deutscher Eltern ist auf jeden Fall da.”

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