Prozessauftakt: Gruppe soll Behinderten wie Sklaven gehalten haben

Prozessauftakt : Gruppe soll Behinderten wie Sklaven gehalten haben

Tagelang soll ein Mann in einer Kölner Wohnung als Sklave gehalten und gedemütigt worden sein. Am Dienstag beschrieb der 25-Jährige vor Gericht ein Martyrium.

Lange Zeit hält sich der 25-Jährige, der fünf Tage von einer Gruppe Männer und Frauen wie ein Sklave gehalten worden sein soll, wacker im Zeugenstand. Zunächst berichtet der junge Mann von seiner Epilepsie- und ADHS-Erkrankung, seiner Arbeit in einer Einrichtung für behinderte Menschen als Lagerlogistiker, seinem Leben im betreuten Wohnen. Von einer geistigen Behinderung, von der in den Akten die Rede ist, weiß er nichts zu berichten.

Doch als der Vorsitzende Richter Jan Orth auf die Geschehnisse zu sprechen kommt, die der 25-Jährige vom 3. bis 7. Februar dieses Jahres in einer Wohnung in Köln mutmaßlich erleiden musste, geht bei dem jungen Mann nichts mehr. Er schlägt zitternd seine Hände vors Gesicht, als wollte er sich vor seinen Erinnerungen verstecken. „Alles kommt wieder hoch“, entfährt es ihm.

Dieses „alles“ sind laut Anklage Schläge, Tritte und Demütigungen, die dem 25-Jährigen von den Angeklagten zugefügt worden sein sollen. Bei den Angeklagten handelt es sich um Deutsche aus dem Obdachlosenmilieu im Alter von 16 bis 34 Jahren - unter ihnen ist auch eine 18-Jährige, die im achten Monat schwanger ist und voraussichtlich im Gefängnis entbinden wird. Über fünf Tage soll die Gruppe den 25-Jährigen zu „dauerhafter sklavenähnlicher“ Arbeit gezwungen haben, heißt es in der Anklageschrift.

Seit Dienstag müssen sich die sieben Angeklagten nun wegen Raubes, Freiheitsberaubung, gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung, Bedrohung und Nötigung vor dem Landgericht Köln verantworten. Zum Prozessauftakt legen sechs Beschuldigte knappe Geständnisse im Sinne der Anklage ab. Ein 20 Jahre alter Angeklagter wurde später von dem 25-jährigen Opfer von den schwersten Strafvorwürfen entlastet.

Seinen Anfang soll das mutmaßliche Martyrium im Internet gefunden haben. Dort, so der 25-Jährige, lernte er eine 30-Jährige aus der Gruppe kennen, die ihn in eine Wohnung einlud. Als er dort angekommen sei, sei noch alles in Ordnung gewesen. Doch dann hätten einige Angeklagte Drogen konsumiert und die Stimmung sei gekippt. Zunächst sollen die Angeklagten ihrem Opfer Smartphone, Ohrhörer, Markensportschuhe, Kappe und Halskette abgenommen haben. Als er daraufhin versucht habe, die Wohnung zu verlassen, hätten sie ihn daran gehindert und abgeschlossen.

Die folgenden Tage musste der 25-Jährige nach eigener Aussage putzen, Wäsche waschen und spülen. Wenn er sich geweigert habe, sei er geschlagen oder getreten worden. Immer wieder habe ihn die Gruppe auch gedemütigt: Mal musste er demzufolge in einem Bikini auf High Heels mit einem Damenslip auf dem Kopf putzen, wobei die Angeklagten ihn filmten, mal zwangen sie ihn, sich auszuziehen. Zu essen bekommen habe er nichts, zu trinken nur Wasser.

„Ich habe öfters Alpträume und höre Stimmen“, sagt der 25-Jährige über die Tatfolgen. Das rechtsmedizinische Gutachten listet zahlreiche Prellungen, Schürfwunden und Kratzer am Kopf und im Brustbereich auf.

Fliehen konnte der 25-Jährige schließlich am fünften Tag, als er in der Wohnung im zweiten Obergeschoss allein war. Er knotete Decken zusammen und seilte sich aus dem Fenster ab. „Eine filmreife Leistung“, kommentiert Richter Orth. „Ja, einfach war das nicht“, antwortet der Mann. In diesem Moment wirkt er fast ein wenig stolz.

(dpa)