NRW-Grüne erstmals mit 17.000 Mitgliedern: Grünes Glück und das Geheimnis der Doppelspitze

NRW-Grüne erstmals mit 17.000 Mitgliedern : Grünes Glück und das Geheimnis der Doppelspitze

Während die SPD immer tiefer stürzt, erfreuen sich die Grünen in NRW einer bisher nicht gekannten Wählergunst. Die Grünen-Doppelspitze hat einige Tipps für die Sozialdemokraten.

Ausgesucht haben sich Mona Neubaur und Felix Banaszak als Partner nicht. Die gebürtige Bayerin (42) ist seit 2014 Vorsitzende der nordrhein-westfälischen Grünen. Der Duisburger Banaszak (29) ist nach einer Kampfabstimmung seit Anfang 2018 gleichberechtigter Landesparteichef. Streit? Konkurrenzkampf? Davon zeigt sich bei der Doppelspitze der NRW-Grünen keine Spur. Entspannt sitzen die beiden Politiker nebeneinander. Das Geheimnis ihrer Zusammenarbeit beschreiben sie in wenigen Schlagworten: „Vertrauen, Respekt, gemeinsame Ziele - und Humor.“

Neubaur und Banaszak stehen ähnlich wie die Grünen-Bundesvorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck als Beispiele für die neue Harmonie der in der Vergangenheit nicht immer zueinander passenden Spitzenduos der Grünen. Und sie haben derzeit gut lachen. Die NRW-Grünen haben nach dem Desaster der Landtagswahl 2017, als sie zusammen mit der SPD aus der Regierung flogen, zum politischen Höhenflug angesetzt. Nur zwei Jahre später holten sie bei der Europawahl Ende Mai 23,2 Prozent und sind damit in NRW erstmals die Nummer zwei hinter der CDU.

Die Mitgliederzahl stieg seit der Landtagswahl um fast 4400 auf jetzt erstmals mehr als 17.000 landesweit. Das ist im Vergleich zu CDU mit rund 125.000 Mitgliedern und zur SPD mit etwa 109.000 Mitgliedern Ende 2018 zwar immer noch bescheiden. Aber anders als die beiden großen Volksparteien gewinnen die Grünen Jahr für Jahr Mitglieder hinzu.

SPD-Führungsduos sorgen für Erstaunen

Die im Sinkflug befindliche SPD könnte inzwischen zumindest im Bund auch auf eine Doppelspitze bekommen. Die Grünen beobachten die Bildung von Tandems wie Karl Lauterbach und Nina Scheer oder Christina Kampmann und Michael Roth mit leichtem Erstaunen. Denn anders als bei den Grünen sollen sich bei der SPD die Tandems schon vor der Wahl finden und zusammen antreten. Bei den Grünen muss jeder Kandidat allein an die Spitze gewählt werden. Oben angekommen sehen die Sieger dann, mit wem sie die Führung bilden. Anders als die Landes-SPD, wo eine Art politische Zweckehe aus Landtagsfraktionschef Thomas Kutschaty und Parteichef Sebastian Hartmann nicht immer ganz harmonisch verläuft, zeigen sich die Grünen auf Spitzenpositionen einträchtig.

Die Grünen haben ihr politisches Portfolio längst vom Umwelt- und Klimaschutz auch auf soziale Themen und Arbeit, Wirtschaft und Digitalisierung erweitert. Sie sind „Vollsortimenter“, wie Neubaur es sagt - und greifen damit auch SPD und CDU an. Schon die Europawahl habe gezeigt, „dass es ein größeres Potenzial für uns Grüne auch in den Teilen des Landes gibt, wo wir bisher weniger stark waren“, sagt Banaszak. Die Grünen seien nicht mehr nur im akademisch-studentischen Milieu stark. „Im ländlichen Raum und bis tief ins Ruhrgebiet sind wir teilweise stärkste oder zweitstärkste Kraft geworden.“

Besorgniserregend für die NRW-SPD sind auch Nachrichten wie die vom symbolträchtigen Wechsel des Duisburger Juso-Chefs Sebastian Ackermann (32) zu den Grünen. Das Austrittsschreiben vor wenigen Tagen erwischte die NRW-Juso-Führung kalt. Ohnehin verzeichnet der SPD-Nachwuchs bereits seit Jahresbeginn eine Stagnation bei den Eintritten. Ob es weitere Genossen zu den Grünen zieht, dazu gibt es nach Angaben beider Parteien keine belastbaren Zahlen.

Grünen-Spitzenkandidat in NRW 2022?

Angesichts der politischen Vorschusslorbeeren müssen sich die Grünen jedenfalls personell stärker aufstellen - für den Fall künftiger Regierungsbeteiligungen. Das fängt bei den Kommunalwahlen im kommenden Jahr an. Langfristig könnte es auch darum gehen, ob die Grünen zur Landtagswahl 2022 einen Spitzenmann oder eine Spitzenfrau aufstellen, um Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) herauszufordern.

Mit der Abschaffung der Stichwahlen für kommunale Spitzenämter durch die CDU/FDP-Regierungskoalition könnten sich auch für Grüne-Kandidaten Chancen auf Oberbürgermeister- oder Bürgermeisterposten eröffnen. In einigen Städten denken Grüne bereits darüber nach, eigene Kandidaten ins Rennen zu schicken. Offiziell aber sind die Landes-Grünen gegen die Abschaffung der Stichwahlen, da sie eine mangelnde demokratische Legitimation von Kandidaten befürchten.

Auch außerhalb der Partei suchen die Grünen Bündnisse - in Bürgerinitiativen, Umweltverbänden oder Gewerkschaften. „Wir glauben, darüber den Fuß im Lebensalltag der Menschen zu haben und Politik nicht aus der engen grünen Blase heraus zu machen“, sagt Neubaur. Diese Lektion hätten die Grünen aus der Landtagswahl gelernt.

(dpa)
Mehr von Aachener Nachrichten