Großvater am Steuer: Enkel sterben bei Unfall

Großvater fuhr, Enkel starben : Der schwere Weg derer, die überleben

Alexander Rüger* öffnet die Augen. Er will sich befreien, aber die Tür klemmt. Er sieht einen Mann kommen, der die Tür aufreißt und ihn aus dem Auto hebt und auf einer Wiese ablegt. Alexander hat Schmerzen im Bauch und in der Schulter. Er sieht, wie seine zwei Brüder aus dem Auto geborgen werden. Er überlebt den Frontalzusammenstoß mit einem Lkw. Als Einziger.

Alexander Rüger ist heute 20 Jahre alt. Vor genau zehn Jahren saß er in dem Auto, aus dem sein Großvater und seine beiden fünf und sechs Jahre alten Brüder nach einem schweren Unfall auf der Bundesstraße 56 südlich von Düren in einer langgezogenen Kurve unmittelbar vor Selhausen nur noch tot geborgen werden konnten. Ein 13-jähriger Freund der Familie starb Tage später im Krankenhaus.

Ein Großaufgebot an Rettungskräften, Polizei und Feuerwehr war am 15. Juli 2008 gegen 10.45 Uhr im Einsatz, sechs Notärzte und mehrere Notfallseelsorger waren vor Ort, sieben Rettungswagen und zwei Hubschrauber. Alexander wurde von dem geschockten Lkw-Fahrer aus dem Auto gerettet. Aus ungeklärter Ursache, hieß es damals im Polizeibericht, geriet der Pkw-Fahrer auf die Gegenfahrbahn und kollidierte mit dem Lkw. Der Aufprall war heftig, wie die Bilder von dem Unfall zeigen. Dass überhaupt ein Insasse des Autos überlebt hat, grenzt an ein Wunder.

Irgendwann an diesem Vormittag vor zehn Jahren ist Frank Rüger, Vater von Alexander, von der Arbeit nach Hause gefahren. Er wollte Dias zum Entwickeln bringen, um mit den Abzügen seinen Vater zum 60. Geburtstag zu überraschen. Im Radio hört Rüger von dem Unfall. Weil die Hauptverkehrsstraße stundenlang gesperrt war, musste er auf dem Weg nach Hause einen Umweg fahren. Als er Zuhause eintrifft, kommt kurze Zeit später die Polizei. Seine erste Eingebung damals: Er hat einen Fehler gemacht, ist vielleicht mit dem Auto zu schnell gefahren.

Der damals zehnjährige Alexander hatte sich schon lange auf diese Fahrt mit seinem Opa gefreut. Der hatte ihm versprochen, ihn einmal mit zum Angeln zu nehmen, wenn er wieder mit Freunden nach Holland wollte. Auf der Rückfahrt haben die Brüder geschlafen. „Weil er die Angelrute nicht unbeaufsichtigt lassen durfte, hat mein Opa die ganze Nacht nicht geschlafen. Er war bestimmt 24 Stunden auf den Beinen. Ich vermute, dass er dann im Auto kurz eingeschlafen ist, als es zu dem Unfall kam“, erinnert sich der heute 20-Jährige. Hatte Alexander Rüger einen Schutzengel? „Ich kann es mir nicht erklären“, sagt er.

Das erste Ziel, das sein Opa bei der Rückfahrt angesteuert hat, war Heinsberg. Hier hat er sich von seinen Bekannten verabschiedet. Und der 13-jährige Freund von Alexander nutzt die Gelegenheit – er will vorne im Auto sitzen, Alexander wechselt auf den Rücksitz – wo er überlebt.

Die vier Polizeibeamten, die vor Frank Rüger stehen, sind nicht gekommen, weil er zu schnell gefahren ist. Sie müssen die traurige Botschaft übermitteln, dass zwei seiner Kinder und sein Vater tot sind, sein ältester Sohn schwer verletzt im Krankenhaus liegt und der 13-jährige Nachbarsjunge mit lebensgefährlichen Verletzungen in das Klinikum nach Aachen gebracht wurde. „Das war ein Schock. Meine Frau und ich haben das nicht glauben können. Es war nicht greifbar, so, als ob es nicht uns passiert ist“, erinnert er sich zehn Jahre später. In ihm sei eine Wunde, die nie heilt. Besonders schmerzhaft: Er musste seine beiden Söhne identifizieren.

„Der beste Mensch“

Groll gegen den Vater hat Frank Rüger nie entwickelt. „Nein. Mein Vater war der beste Mensch. Er hat sich immer um seine Enkel gekümmert.“ Alexander Rüger nickt. „Er war der beste Opa überhaupt“, sagt er wehmütig. Zwei Wochen hat Alexander auf der Intensivstation gelegen – der Darm war geplatzt, die Schulter gebrochen. Er durfte zur Beerdigung, danach musste er für eine weitere Woche ins Krankenhaus.

Der Friedhof ist noch heute ein Anlaufpunkt für die Familie, um die Trauer zu bewältigen. Mindestens zu jedem Geburtstag der beiden Kinder geht man zusammen hin. Vor zehn Jahren haben sich mehr als 700 Menschen zur Beerdigung an den Gräbern versammelt – Mitschüler, Lehrer, Freunde, Angehörige.

Im Wohnzimmer der Familie hängen zwei Bilder der beiden verstorbenen Brüder. Es ist das Einzige, was sichtbar an sie erinnert. Die Familie hat nach dem Unfall den Wohnort gewechselt, später ein Haus gebaut. Das hat abgelenkt und beschäftigt. Sie konnten nicht weiter in der Wohnung leben, in der sie alles an die Kinder erinnert hat.

Eine Wunde, die nie heilt, schmerzt immer. Auch nach zehn Jahren. Genauso lange wurde in der Familie nicht über den Unfall gesprochen. „Es war kein Tabu, sondern kam eher automatisch, weil es zu sehr weh tut“, sagt Frank Rüger. Jeder zog seine eigenen Konsequenzen. Seine Frau ist nie wieder Auto gefahren. Die Rügers sind tief gläubig, schöpfen die Kraft aus dem Gebet. „Wir haben die Hoffnung, dass wir uns bei Gott treffen, dass es ein Wiedersehen gibt“, sagt der Familienvater leise.

„Der Mensch sucht Auswege aus schwierigen Lagen, er lenkt sich ab“, versucht er weiter zu erklären. „Gott hat uns zusammengeführt. Die Kinder haben wir als Geschenk Gottes betrachtet. Das Schicksal kann man nicht ändern“, glaubt Frank Rüger. Der Schmerz ist aber geblieben. Und er wird bleiben. Frank Rüger hat ein simples Beispiel, um es zu beschreiben: „Wenn man nur acht statt zehn Finger hat, vergisst man das irgendwann, weil es normal wird. Aber spätestens bei der Arbeit wird man immer wieder daran erinnert, dass zwei Finger fehlen.“ Und Frank Rüger ergänzt: „Die Kinder müssten da sein. Sie sind es aber nicht.“

Für Alexander Rüger war der Schmerz viele Jahre deutlich spürbar. Er verbindet die Zeit nach dem Unfall mit einer Totenstille. Man habe sich nur wenig unterhalten, sich eher abgekapselt. Er saß auf seinem Zimmer. Das Kinderlachen in dem Haus, in dem auch seine drei Schwestern lebten, fehlte. Alexander fühlte sich alleine. „Damals hat mir Kraft gegeben, einfach nicht darüber nachzudenken“, sagte er.

Er hat aber auch Kraft gebraucht, um sich Freiheiten zu erkämpfen. „Natürlich haben meine Eltern nach dem Unfall mehr auf mich geachtet. Ich war der einzige Sohn“, erzählt er. Als er sich ein Motorrad kaufen wollte, gab es lange Diskussionen – er konnte seine Eltern überzeugen. Dabei hat er im Laufe der Jahre auch gespürt, dass es Wege aus dem Schmerz gibt.

Alexander geht wieder Angeln. Wie damals mit seinem Opa. „Vor zehn Jahren war ich noch zu klein. Jetzt will ich richtig Angeln lernen. Beim Angeln hat man viel Zeit, kann sich zurückziehen“, sagt er. Noch heute hat er Phasen in seinem Leben, in denen er sich bewusst zurückzieht, um neue Kraft zu schöpfen. Die Familie versucht, trotz aller Tragik an die schönen Dinge zu denken, um den Schmerz zu verkraften. „Wir reden in der Familie nach wie vor nicht über den Unfall. Aber es gibt die positive Erinnerung.“ Da sind die Bilder der beiden Brüder an der Wand, und es gibt die schönen Erlebnisse mit ihnen, über die sie miteinander reden. Aber Rüger weiß auch: „Was wehtut, möchte niemand gern anfassen.“

* alle Namen von der Redaktion geändert

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