Großer Physiker: Trauer um Nobelpreisträger Peter Grünberg aus Jülich

Jülich : Trauer um Nobelpreisträger Grünberg: Einer, der den Lauf der Zeit veränderte

Am Tag, als Peter Grünberg die Nachricht erhielt, er werde den Nobelpreis bekommen, brach er mit seinen Routinen. Das Fahrrad, mit dem er gewöhnlich jeden Morgen die sieben Kilometer zum Forschungszentrum Jülich fuhr, ließ er in der Garage stehen, stattdessen fuhr er mit dem Auto.

Er zog ein Sakko an, ein ziemlich neues sogar, dunkelgrau, an den Schulter ein kleines bisschen zu weit. Er wusste ja, dass an diesem Tag, dem 9. Oktober 2007, der Träger des Physik-Nobelpreises bekannt gegeben wurde. Grünberg ahnte, er würde an der Reihe sein, und so war es dann auch. Der Anruf kam um 11.30 Uhr, und als sich am Forschungszentrum herumgesprochen hatte, dass Grünberg die höchste naturwissenschaftliche Auszeichnung erhalten würde, gab es Sekt. Grünberg trank ein halbes Glas, dann ging er Mittagessen. Er bestellte Bratwurst mit Pommes.

Grünberg, damals 68 Jahre alt, war ein unauffälliger kleiner Mann, der schon leicht gebückt ging, leise sprach und sich am wohlsten fühlte, wenn er sich mit Kollegen austauschen konnte. Wurde er gefragt, wie es sich so anfühlt, den Nobelpreis zu bekommen, wusste er nie so richtig, was er sagen sollte. Meistens sagte er einfach nur, dass er sich gefreut habe. Wenn er hingegen erklären sollte, an was er so lange geforscht, für was er den Nobelpreis eigentlich bekommen hatte, sprach er ein bisschen lauter und schneller, und ehe man als Laie Einwände erheben konnte, war Grünberg in den Tiefen der Quantenphysik angelangt. Es gab nicht viele Menschen, die mit Grünberg auf Augenhöhe diskutieren konnten.

Grünberg erhielt den Nobelpreis gemeinsam mit dem Franzosen Albert Fert von der Universität Paris-Süd für die Entdeckung des Riesenmagnetowiderstands. Die auf diesem Effekt beruhenden Anwendungen führten zu einem Durchbruch in der modernen Informationstechnologie. Die Speicherkapazität von Festplatten ließ sich dadurch deutlich erhöhen.

Grünberg und Fert entdeckten 1988 praktisch gleichzeitig und unabhängig voneinander den Riesenmagnetowiderstand. Dieser Effekt tritt auf, wenn zwei Eisenschichten durch eine hauchdünne nichtmagnetische Schicht etwa aus Chrom getrennt werden und solch ein Sandwich dann magnetisiert wird. Auf dieser Grundlage konnten sensible Leseköpfe für Computerfestplatten entwickelt und die Speicherkapazität der Laufwerke nicht nur für PCs, sondern auch für Videorekorder und MP3-Player in den Gigabytebereich gesteigert werden. Seitdem gilt Grünberg als Gründervater der sogenannten Spintronik.

Das Forschungszentrum Jülich, an dem Grünberg mehr als 45 Jahre lang arbeitete, würdigte ihn als „herausragenden Wissenschaftler, der auf dem Gebiet der Festkörperforschung weltweit Maßstäbe gesetzt hat“. Ohne Grünberg und seine Entdeckung wären die modernen Computer und Smartphones so nicht denkbar. Grünberg gehört also zu den wenigen Menschen, denen es gelang, den Lauf der Zeit nachhaltig zu verändern.

Mit der Auszeichnung trat Grünberg, der 1939 in Pilsen im heutigen Tschechien geboren wurde, in die Fußstapfen berühmter deutscher Physik-Nobelpreisträger wie Wilhelm Conrad Röntgen, Max Planck, Albert Einstein und Werner Heisenberg. Bereits 1989 wurde Grünberg mit dem Zukunftspreis des Bundespräsidenten und 2006 mit dem Erfinderpreis der Europäischen Kommission ausgezeichnet.

„Peter Grünberg war nicht nur ein exzellenter Forscher, er war vor allem auch ein allseits geschätzter und beliebter Kollege“, sagte Wolfgang Marquardt, Vorstandsvorsitzender des Forschungszentrums. Bis zuletzt war der Mann mit den schlohweißen Haaren daran interessiert, was die jungen Kollegen seiner Fachrichtung im Labor machten. Immer wieder schaute er dort vorbei. Als Träger der ersten Helmholtz-Professur war er, so lange es ging, in der Lehre aktiv.

„Das ist ja unglaublich“

Grünberg galt als zugewandter Mensch, der trotz aller Termine kurz nach der Nobelpreis-Auszeichnung seine frühere Schule nicht vergaß: Er sei kein Musterschüler gewesen, sondern ein Lehrerschreck, erzählte er den Schülern im hessischen Lauterbach bei einem Besuch im Jahr 2008. Die Note zwei in Physik habe ihm völlig gereicht.

Im Forschungszentrum Jülich begann er Anfang der 70er Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Festkörperforschung. Grünberg war, das kann man wohl so sagen, durch und durch Wissenschaftler, immer an der Sache orientiert, am Erfolg, nicht an seiner persönlichen Eitelkeit. Die Zeremonie der Nobelpreis-Vergabe empfand er als nicht so aufregend, auch der Händedruck des schwedischen Königs beeindruckte ihn nicht so sehr, wie er einmal erzählte. Aber sein Festvortrag am dritten Tag des einwöchigen Festprogramms sei für ihn bedeutend gewesen: „Da dachte ich so bei mir: Das ist ja unglaublich, da stehe ich jetzt hier und halte einen Nobelvortrag.“

Peter Grünberg ist vergangene Woche im Alter von 78 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit gestorben, wie das Forschungszentrum am Montag mitteilte. Er hinterlässt seine Frau Helma und drei erwachsene Kinder.

Mehr von Aachener Nachrichten