Düren/Christchurch: Golzheimerin hat das Beben in Christchurch miterlebt

Düren/Christchurch: Golzheimerin hat das Beben in Christchurch miterlebt

Im vergangenen Sommer hat sie am Stiftische Gymnasium ihr Abitur gebaut. Im August hat sich Annabell Gentgen dann zu einem zehnmonatigen „Work & Travel”-Aufenthalt nach Neuseeland aufgemacht.

Als am vergangenen Dienstag in Christchurch die Erde bebte, hielt sich die junge Golzheimerin genau dort auf. Für die DZ hat sie beschrieben, wie sie die Katastrophe, die vermutlich 200 Menschenleben gekostet hat, erlebt hat:

6, 3 auf der Richterskala sollte das zerstörerische Beben von Christchurch erreichen, Wahrzeichen dieser größten Stadt der neuseeländischen Südinsel zerstören, Existenzen in Trümmern zurücklassen und viele Menschen töten. Davon ist am Morgen im Frauenreisehaus in Christchurch Centre, in dem ich mit meiner Freundin zwei Wochen gebucht hatte, um unseren Wagen zu verkaufen, nichts zu spüren. Es hat geregnet in der Nacht, die Wäsche liegt im Schlamm unseres Vorgartens. Das Wetter verspricht nicht unbedingt sonnig zu werden. Demnach verspüre ich keinen Drang, nach draußen zu gehen. SMS von Kaufinteressierten werden gelesen und beantwortet, sonst passiert nichts.

Der 13-Uhr-Termin mit einem Auto-Aufkäufer zwingt uns dazu, unser kleines Zuhause zu verlassen - und rettete wohl unser Leben. Um 12.53 Uhr Ortszeit schlendern wir in Richtung Van. Was dann passiert, wird seit zwei Tagen weltweit ausgestrahlt: Die Erde springt, bebt, reißt auf. Ich werde in dem kleinen Hinterhof neben unserem Auto hin und her geschleudert von den Erschütterungen, suche Halt, rutsche am Vans ab, weiß nicht, was los ist. Es ist unglaublich laut. Beängstigend. Es kracht, knackt, Menschen schreien. Ich falle hin. Die Wand des Hostels bricht auf, Backsteine und Holzsplitter fliegen, das Haus fällt auseinander, Putzbeton kracht neben meine Füße. Überall ist Rauch, Staub und Ruß.

Verwirrt und orientierungslos laufen alle auf die Straßen, die noch voller Autos sind. Die Zerstörung ist unbeschreiblich. Autos sind begraben unter dem Schutt der eingestürzten Häuser, Verletzte, Verschüttete. Straßen sind aufgerissen, Sirenen schrillen.

Was ist los? Was soll ich tun? Sind da Menschen drin gewesen? Angst breitet sich aus. Die Ungewissheit macht die Runde. Was ist mit meiner Familie? Wo ist mein Sohn? Was ist mit meinem Heim? Habe ich noch eins? Dann geht es wieder los. Jetzt herrscht Panik. Wie lange soll das noch gehen?

Eine ältere Dame von nebenan wird auf dem Weg nach Hause von diesem zweiten Beben von einem herabfallenden Hausteil in ihrem Auto erschlagen. Menschen halten sich aneinander fest, flüchten oder brechen zusammen. Chaos herrscht. Nichts geht mehr. Die Straßen sind verstopft, die Ampelsysteme ausgefallen. 70 Prozent der Stadt werden nicht mehr mit Strom versorgt. Es brennt überall, Rauch legt sich auf die Lungen, brennt im Hals. Dazu der Krach von Häusern, die unter dem Beben einbrechen, die der Löschhubschrauber in der Luft, weil die Feuerwehr nicht mehr durchkommt, die Schreie von Kindern und Eltern.

Nachrichten dringen nicht durch. Fernseher sind verschüttet, Radios funktionieren nicht, das Internet ist tot. Leute kauern sich in Gruppen zusammen, Hab und Gut wird durch die Stadt getragen, manche rennen zurück in ihre halb zerstörten Häuser, holen Sachen raus, suchen Freunde.

Gegen 17 Uhr wird es ruhiger. Die Straßen sind leer gefegt. In einem Sanitätszelt kümmert man sich notdürftig um die schlimmsten Verletzungen, die Stadt wird abgesperrt. Unter den Einwohnern macht das Gerücht von Evakuierung die Runde.

Das Beben ist vorbei. Die Bedrohung der Nachbeben bleibt. Was bleibt zurück? Tote, Obdachlose, zahllose Verschüttete, der Schock über das unfassbare Resultat der Naturkatastrophe. Der Ausnahmezustand wird über die Stadt verhängt. Wer kann, der flüchtet. Manche kommen nicht aus der Stadt heraus. Sie schlafen auf der Straße, in hastig organisierten Unterkünften oder in ihrem Auto. Es gibt kein Benzin, nichts zu essen, kein Wasser. Wir verbringen die Nacht im Auto im Zentrum der Stadt.

Bis heute kann die Stadt mit ihren 340.000 Einwohnern nicht fassen, was passiert ist. Trauer und Angst durchziehen die momentanen Bergungs- und Wiederaufbauaktionen.

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