Noahs großes Ziel: Gold bei den Paralympics

Noahs großes Ziel : Gold bei den Paralympics

Heute kann Noah Bodelier mit einem Lächeln auf den Lippen erzählen, dass es ihn ärgert, wie knapp er bei der U17-Weltmeisterschaft vor zwei Wochen die Goldmedaille verpasst hat. „Ich hätte nur einen Zentimeter weiter springen müssen“, sagt er. „Verdammt.“ Dass er das sagt und trotzdem lächelt, hat mit der Persönlichkeit des 14-Jährigen zu tun. Und mit der Vorgeschichte.

Die ist eine sportliche Erfolgsgeschichte. Eigentlich ist sie aber auch ein kleines Wunder, weil Noah Bodelier erst seit dem Frühjahr 2017 wieder laufen und springen kann. Es hat lange gedauert, bis der damals 13-Jährige nach einem Jahr Chemotherapie und der Amputation seines linken Unterschenkels wieder auf die Beine kam.

Fette Ausbeute: Bei der U17-WM für Paraleichtathleten in Irland vor zwei Wochen gewann Noah Bodelier viermal die Silbermedaille, einmal brachte er Bronze mit nach Hause. Foto: Guido Jansen

Vor drei Jahren hatte Noah Bodelier andere Dinge im Kopf. „Ich wollte Fußballprofi werden“, erzählt er. Er kickte im Verein des Nachbardorfs, bei Rasensport Tetz. „Das lief gut“, sagt er. Talentspäher hatten ihn bemerkt und zu einem Probetraining beim 1. FC Köln eingeladen. Noah sei schon immer ein Kind voller Energie gewesen. „Wir mussten ihn schon immer ein bisschen bremsen“, sagt seine Mutter Pia Bodelier.

Ende 2015 kam er nach einem Training in Tetz nach Hause und hatte einen dunklen, großen Knubbel auf dem Fuß. Mutmaßlich ein Erguss, weil ein Mitspieler ihn versehentlich getreten hatte, glaubte man. Eine Magnetresonanztomographie ergab später, als die Schwellung nicht abklingen wollte, dass der Knubbel nicht bösartig sei. „Der dicke Knubbel wurde aber nicht kleiner“, berichtet die Mutter, von Beruf Ärztin.

Nach mehreren Wochen entschied sich die Familie, ihn entfernen zu lassen. Das Ergebnis der Gewebeuntersuchung war ein Schock: Ewing-Sarkom, eine seltene und besonders aggressive Art von Knochenkrebs. Bei rechtzeitiger Diagnose überleben zwei Drittel der Betroffenen. Hat der Krebs erste Metastasen gebildet, schafft es nur ein Viertel. Betroffen sind oftmals Jungen zwischen zwölf und 17 Jahren. „Wir haben oft Gott und die Welt verflucht. Warum ausgerechnet unser Sohn? Warum ein so seltener und aggressiver Tumor, der innerhalb von wenigen Wochen stark streuen kann?“, sagt Pia Bodelier.

Ende 2015 begann die Chemotherapie, die ein Jahr dauern sollte. Im März 2016 wurde der linke Unterschenkel eine Hand breit unterhalb des Knies amputiert. „Unsere größte Angst war, dass Noah nie wieder glücklich sein würde, falls er nicht mehr rennen und springen kann“, sagt die Mutter.

Bester Freund gestorben

Besonders schwer sei die Zeit nach der Chemotherapie gewesen, als der Stumpf über Monate nicht so verheilte, dass Noah eine Prothese tragen konnte. Das Gemüt des Sohnes habe die Familie durch diese dunkle Phase getragen. „Auf allen Fotos, die wir aus dieser Zeit haben, lächelt Noah. Egal, wie dreckig es ihm ging“, erzählt die Mutter. Und das, obwohl der Junge wusste, dass er sterben könnte. „Mein bester Freund, den ich bei der Chemo kennengelernt habe, ist gestorben“, sagt Noah Bodelier.

Irgendwann hat die Familie begriffen, warum der Sohn immer viel gelächelt hat und das auch heute noch macht. Als klar war, dass der Unterschenkel amputiert werden musste, begann Noah mit Eifer, sich mit Prothesen zu beschäftigen und setzte sich ein Ziel: „Wenn ich kein Fußballprofi werden kann, dann gewinne ich Gold bei den Paralympics“, formuliert er heute klar, was ihn damals offenbar schon unterbewusst angetrieben hat: das Ziel, im Sport immer der Beste zu sein.

Das gilt auch im Vergleich mit seinem drei Jahre älteren Bruder Jonas, der als Leichtathlet selbst schnell unterwegs ist und ein Sportinternat in Dormagen besucht. „Er ist schneller als ich“, sagt Noah. „Noch.“ Wieder lacht er, obwohl er weiß, dass es ein weiter Weg ist. Vielleicht geht es ihm weniger darum, das Ziel um jeden Preis zu erreichen, sondern, es mit so viel Leidenschaft wie möglich versucht zu haben.

Ein Wendepunkt zum Guten für die Eltern sei der Moment gewesen, als ihr Sohn erstmals ohne Probleme mit einer Prothese gehen konnte. „Und als er dann mit der Sportprothese durch den Garten gerannt und gesprungen ist — das war der Hammer“, sagt die Mutter, lächelt und schüttelt angesichts der Bilder vor ihrem inneren Auge den Kopf.

In den Osterferien 2017 nahm Noah Bodelier an einer Schulung teil, bei der der dreifache paralympische Goldmedaillengewinner Markus Rehm Menschen möglichst früh nach der Amputation beibringt, wie man mit einer Prothese umgeht. Die Tage mit Rehm haben Noah Bodelier motiviert, heute redet er davon, „irgendwann mal besser zu sein als Markus Rehm“. Wieder lächelt er, obwohl er weiß, wie viel er sich da vorgenommen hat. Spätestens 2024 will er bei den Paralympics starten.

Stand heute ist Noah Bodelier erwiesenermaßen weltweit eines der größten Leichtathletik-Nachwuchstalente im Behindertensport. Vier Mal ist er vor zwei Wochen in Irland U17-Vizeweltmeister geworden, im Sprint über 100 Meter und 200 Meter, im Kugelstoßen und im Weitsprung, im Speerwurf gewann er Bronze. „In der männlichen Konkurrenz war er mit Abstand der Jüngste“, berichtet seine Mutter. Die Ziele für das nächste Jahr stehen damit schon fest: Weltmeister werden in einer Altersklasse, in der er auch noch im übernächsten Jahr antreten könnte.

Im Perspektivkader

„Mit den fünf Medaillen haben ich nicht gerechnet. Ich habe gehofft, dass es vielleicht zu einer reichen könnte“, sagt Bodelier, der das Gymnasium Haus Overbach in Jülich besucht. Probleme in der Schule habe er laut seiner Mutter keine, nach den Sommerferien besucht er die zehnte Klasse. Dass er ein Jahr Unterricht wegen der Chemotherapie verpasst hat, habe er gut verkraftet — auch dank der Lehrer, die geholfen haben.

Mittlerweile haben die Eltern aufgehört, ihren Sohn hin und wieder zu bremsen, obwohl er heute mit noch mehr Wucht nach vorne drängt und zuletzt fast täglich trainiert hat. Oft bei Bayer Leverkusen, wo Noah Bodelier in den Perspektivkader aufgenommen wurde. „Noah geht mit viel Verantwortung mit seinem Körper um. Er pflegt den Stumpf sehr gut“, erzählt die Mutter.

Und er hat verstanden, dass auch ein Sportler Pausen machen muss. Den Rest der Ferien verbringt er mit Freunden, die er wegen des Trainings zuletzt nicht oft gesehen hat. Danach gilt: Nach der WM ist vor der WM.

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