Aachen/Maastricht: Glyphosat-Gegner Portier aus Maastricht gerät unter Beschuss

Aachen/Maastricht : Glyphosat-Gegner Portier aus Maastricht gerät unter Beschuss

Die Debatte um das Pflanzenschutzmittel Glyphosat wird teils mit harten Bandagen geführt. Vertreter beider Seiten werfen einander vor, bei ihrem Urteil befangen zu sein und Lobbyarbeit zu betreiben. In Debatten, die hauptsächlich im Internet geführt werden, fallen Worte wie „Öko-Faschisten“ für Glyphosat-Gegner oder „Industriebüttel“ für Befürworter.

Bislang sind vor allem konkrete Anschuldigungen gegen die Wissenschaftler bekannt, die das Pestizid als „wahrscheinlich nicht krebserregend“ einstufen.

Ganze Passagen sollen die Europäische Agentur für Lebensmittelsicherheit (EFSA), die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) und auch das Bundesinstitut für Risikoforschung (BfR) kritiklos aus Studien übernommen haben, die der Glyphosat-Hersteller Monsanto in Auftrag gegeben hat. Darüber hatte unter anderem die britische Tageszeitung „The Guardian“ ausführlich berichtet. Der US-Konzern Monsanto macht mit dem Pflanzengift, das er unter dem Produktnamen Roundup vertreibt, einen geschätzten Jahresumsatz von 4,8 Milliarden Dollar, das sind 4,1 Milliarden Euro.

Verschiedene Wissenschaftler vermuten zudem, dass die EU-Behörden bestimmte Daten aus der Krebsforschung in ihren Untersuchungen nicht berücksichtigt haben. Einer der prominentesten unter ihnen ist der Biochemiker Christopher Portier vom Institut für Toxikogenomik der Universität Maastricht und ehemaliger Leiter der US-Agentur für toxische Stoffe und Krankheiten. Diese wissenschaftliche Disziplin untersucht, wie Giftstoffe auf das Erbgut wirken. Erst Mitte Oktober warnte der US-Amerikaner Portier gemeinsam mit Kollegen bei einer Anhörung im Europaparlament davor, dass Glyphosat „wahrscheinlich krebserregend“ sei. Nach Einschätzung von Brüsseler Korrespondenten hat diese Anhörung die Sorgen vieler Europaabgeordneter verstärkt.

David Zaruk, Professor für Wissenschaftskommunikation an der Universität Saint-Louis in Brüssel und industriefreundlicher Blogger, wirft Christopher Portier nun wiederum vor, er habe sich von Monsanto-Gegnern kaufen lassen. Mindestens 160.000 Dollar habe Portier erhalten. Dies zeige, dass „die ganze Kampagne gegen Glyphosat auf Habgier und Betrug beruht“, schreibt Zaruk in seinem Blog. Seine Anschuldigungen postete er am 13. Oktober — zwei Tage nach der Anhörung der Glyphosat-Kritiker im Brüsseler Parlament. In den Sozialen Netzwerken wird Christopher Portier seitdem beschimpft. Kollegen sprechen von Rufmord.

Ein großer Skandal?

Wegen Zaruks Vorwürfen gegen ihn erhalte er derzeit so viele Anfragen, dass er eine schriftliche Erklärung vorbereitet habe, antwortet Christopher Portier unserer Zeitung auf Anfrage. Die hatte eigentlich um ein Interview über Glyphosat gebeten, war bei der Vorbereitung auf Zaruks Blog gestoßen und überrascht von der Schärfe, mit der Portier dort persönlich angegriffen wird. Tatsächlich berät der Wissenschaftler seit März 2015 als Experte zwei US-Anwaltskanzleien, deren Mandanten an Krebs erkrankt sind und dies auf den Gebrauch von Glyphosat zurückführen. Ein großer Skandal?

Das Heikle an dem Beratervertrag ist laut Zaruk, dass Portier ihn wenige Tage unterschrieb, nachdem die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC) der Weltgesundheitsorganisation Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft hatte. Portier hatte als sogenannter geladener Experte an der Konferenz teilgenommen, die dem IARC-Urteil vorausging. Dass diese Fachleute einen „echten oder scheinbaren Interessenkonflikt haben können“, sei der Agentur bewusst, heißt es in deren Regeln der Agentur. Laut IARC ist der Einfluss geladener Experten deshalb ausdrücklich begrenzt, sie dürfen auch nicht über Beschlüsse abstimmen.

Portiers schriftliche Erklärung zu den Vorwürfen umfasst gut fünf Seiten. Im Anhang befinden sich zahlreiche Dokumente, darunter auch sein Beratervertrag, in dem ein Stundenlohn von 450 US-Dollar genannt wird. Gerade einmal vier Stunden habe er im Jahr 2015 für die Kanzleien gearbeitet, schreibt Portier. Den größten Teil seines bisherigen Beraterhonorars habe er 2017 verdient. Seine E-Mail enthält auch die Präsentation im EU-Parlament von Mitte Oktober sowie Briefe an EU-Gesundheitskommissar Vyentis Andriukaitis und Kommissionschef Jean-Claude Juncker.

Darin weist Portier darauf hin, dass er auch als Berater für zwei US-Kanzleien tätig ist, die sich in einem Rechtsstreit mit Monsanto befinden. Konkrete Inhalte dürfe er mit Dritten nicht teilen, sein Vertrag enthalte eine Verschwiegenheitsklausel. Er bemerkt auch, dass sein Engagement in Europa in seiner Freizeit und unentgeltlich erfolge. „Wo immer es einen Interessenkonflikt in Sachen Glyphosat geben könnte, habe ich darauf hingewiesen“, sagt er.

Den Brief an den Gesundheitskommissar hat er im Namen von fast 100 anderen Wissenschaftlern geschrieben, die alle einhellig vor möglichen Krebsgefahren von Glyphosat warnen. Portier koordiniert diesen Protest; er ist in allen Schreiben als Ansprechpartner genannt.

Es gehe ihm nicht darum, die Arbeit anderer Wissenschaftler schlecht zu machen, sagt Portier. „Ich habe auch nie behauptet, dass die Industriestudien und die der Behörden schlecht sind. Was meine Kollegen und ich aber von Beginn der Debatte an kritisieren, ist die mangelnde Transparenz.“ So hätten die Behörden auch niemals offengelegt, welche Daten sie genau von der Industrie erhalten haben.