Aachen: Glaskubus für das Gedächtnis des Bistums

Aachen : Glaskubus für das Gedächtnis des Bistums

Ein „Haus im Haus“, ein deutschlandweit einmaliges Projekt und der Traum jedes Archivars: endlich viel Platz, beste Sicherungsmaßnahmen und fortschrittliche Klimatisierung. Das neue Bischöfliche Diözesanarchiv wird in der ehemaligen Aachener Pfarrkirche St. Paul nicht nur eine neue Heimat finden.

Für die geplante Gesamtsumme von 2,63 Millionen Euro aus Kirchensteuermitteln wird hier ein Konzept umgesetzt, das futuristisch und behutsam zugleich ist. Baubeginn ist in diesem Juli, im April 2017 soll das neue Diözesanarchiv bereits eröffnet werden — so die optimistischen Planungen.

In die alte Bausubstanz wird ein dreigeschossiger Kubus eingesetzt, der mit zehn Metern Höhe, 25 Metern Länge und elf Metern Breite im Mittelschiff der Kirche entsteht. In den beiden Untergeschossen werden in Zukunft Urkunden, Akten und andere Dokumente der Bistumsgeschichte aufbewahrt. Im dritten Geschoss mit Öffnungen hin zum Kirchenraum kann man durch die bunten Außenfenster ins Freie schauen. Hier befinden sich in Zukunft Verwaltungsräume und der große Lesesaal.

Historische Substanz

„Der Eindruck eines Kirchenraums bleibt. Man könnte all das zur Not sogar zurückbauen. Die historische Substanz von St. Paul wird erhalten, selbst die Heiligenfiguren bleiben auf ihren Podesten“, versichert Bistumsarchitekt Peter Schumacher, der den Planungsentwurf zusammen mit dem Architekturbüro Schoeps und Schlüter aus Münster erarbeitet hat.

„Dieses Büro hat bereits die St. Christophorus-Kirche in Essen-Kray zu einem Bistumsarchiv umgebaut“, berichtet Schumacher. „Von diesen Erfahrungen profitieren wir in Aachen.“ Während man in Essen jedoch einen modernen Kirchenraum nutzte, gilt es, bei St. Paul das Neue in die alte Substanz zu integrieren.

Die Ursprungskirche aus dem 15. Jahrhundert gehörte zum Komplex eines Dominikanerklosters. Schwere Schäden verursachte der großen Stadtbrand 1656. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Kirche fast komplett zerstört. Der Wiederaufbau erfolgte in den 50er Jahren. „Mit St. Paul haben wir einen in mehrfacher Hinsicht guten Ort gefunden“, betont Generalvikar Andreas Frick. „Das zukünftige Archiv wird in unmittelbarer Nähe zu Dom und Generalvikariat sein, und es ist barrierefrei für die Nutzer gut zu erreichen. Damit wird St. Paul zum Gedächtnis des Bistums.“

Von der Gemeinde Franziska zu Aachen hat das Bistum die gesamte Parzelle an der Jakobstraße erworben — inklusive ehemaligem Pfarrhaus, wo nun Aachens emeritierter Bischof Heinrich Mussinghoff lebt, und dem Gemeindehaus, das man später nutzen wird. Die Stahlhuth-Orgel — Besitz der Gemeinde — wird ausgebaut und verkauft.

Wie gewinnt der Kubus aus Stahlbeton und Glas im Kirchenraum Struktur? Wo früher massive Säulen einen großen Dachstuhl trugen, werden nun schlanke, mit Beton gefüllte Stahlsäulen 18 Meter tief im Boden versenkt. Sie stützen die geschwungene Decke und lenken zugleich die Last des Baus in den Boden. „Wir bohren nur dort, wo früher bereits Säulen standen. Damit schließen wir den Fund von Bodendenkmälern wie zum Beispiel Gräbern unter den Fußbodenplatten aus, und selbst die Außenwände werden wir nicht antasten“, versichert der Architekt.

Eine moderne Lüftungsanlage wird installiert, bei der die relative Luftfeuchtigkeit mit Hilfe der Temperaturregelung gesteuert werden kann. Zudem ist sie kostengünstiger als eine Klimaanlage. Weitere Sicherheit verspricht die Einteilung der Lagerräume in vier Segmente mit einzelnen Brandschutzwänden und einer automatischen Brandmeldeanlage.

Im Bereich der Orgelempore entsteht auf rund 55 Quadratmetern ein Spezialarchiv für besonders wertvolle Stücke, gesichert durch eine Gaslöschvorrichtung, bei der sogenannte Inertgase (Kohlendioxid/CO2, Stickstoff und Argon) im Ernstfall den Luftsauerstoff verdrängen und ein Feuer ersticken.

Damit stehen in Zukunft für Dokumente der bischöflichen Sekretariate, der Pfarreien sowie Nachlässe (unter anderem aller Bischöfe) und Sammlungen über fünf Regalkilometer zur Verfügung. Bisher drängten sich die Archivmaterialien, die im Gebäude des einstigen Landesarchivs NRW in Düsseldorf Exil gefunden haben, auf zweieinhalb Regalkilometern im Keller des Generalvikariats, wo immer wieder die Gefahr von Wasserschäden droht.

Forschung und Rechtssicherheit

„Jedes Bistum ist zu einem Diözesanarchiv verpflichtet“, berichtet Archivdirektorin Beate Sophie Fleck. „Es dient der Rechtssicherheit und der genealogischen Forschung.“ Tauf-, Trau- und Sterbebücher schreiben Gemeindegeschichten, selbst die Baupläne früherer Vorhaben und die Sterbezettel der Bischöfe kann man nachlesen und anschauen. Ältestes Stück im Diözesanarchiv ist eine Pergamenturkunde mit Siegeln aus dem Jahr 1223, die eine Landschenkung an das Zisterzienserinnenkloster in Ophoven bestätigt sowie eine weitere Schenkung an St. Paul von 1338.

Was an der Konzeption neben baulichen Feinheiten überzeugt: Der bisherige Haupteingang der Kirche (Jakobstraße) bleibt erhalten, der Zugang zum Archiv erfolgt (inklusive Aufzug) über die linke Giebelseite. „Der Raum kann für Konzerte, Ausstellungen oder andere Veranstaltungen unabhängig vom Archiv-Kubus genutzt werden“, versichert Frick.

Was ihn zusätzlich beschäftigt: Die bei der Profanierung 2009 aus dem Altar von St. Paul entnommene Reliquie des heiligen Willibrord, Gründer des Klosters Echternach, die man im Moment in der Domschatzkammer verwahrt, braucht bald einen neuen Andachtsraum.

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