Aachen: Gladbecker Geiseldrama: Rösner möchte Therapie

Aachen : Gladbecker Geiseldrama: Rösner möchte Therapie

Seit fast 30 Jahren sitzt Hans-Jürgen Rösner (60) nun in Haft. Ist das genug, um die Schuld, die er als einer der Geiselnehmer von Gladbeck auf sich geladen hat, zu sühnen? Die Diskussion um diese Frage nimmt neue Fahrt auf, nachdem vor wenigen Tagen bekanntwurde, dass Rösners damaliger Komplize Dieter Degowski (61) womöglich kurz vor seiner Haftentlassung aus der Strafvollzugsanstalt Werl steht.

Das Gladbecker Geiseldrama vom August 1988 war ein traumatisches Ereignis für die Bundesrepublik, ein Fanal für die beteiligten Polizeikräfte, und es war ein Tiefpunkt für die deutschen Medien. Fast drei Tage lang flüchteten Degowski und Rösner über Bremen und die Niederlande bis in die Kölner Innenstadt. Die Geiselnahme endete am 18. August 1988 schließlich in einer umstrittenen Polizeiaktion auf der A3 bei Bad Honnef, bei der die Geisel Silke Bischoff erschossen wurde. Insgesamt starben im Zuge des Geiseldramas drei Menschen.

jvamja10 13.01.2012 Jahres-PK JVA Aachen mit Leiterin Reina Blikslager.

Rösner sitzt seit etwa vier Jahren in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Aachen im Trakt für Häftlinge mit angedrohter Sicherungsverwahrung — scheinbar ohne Aussicht auf eine Entlassung. Doch nun scheint Bewegung in die Sache zu kommen: Rösner will erstmals seit seiner Verurteilung eine Therapie beginnen. „Wenn sich Herr Rösner entscheidet, an einer Therapie teilzunehmen — und das hat er jetzt wohl — sehe ich da Fortschritte“, sagte JVA-Leiterin Reina Blikslager am Dienstag auf Anfrage unserer Zeitung.

Positive Entwicklung in der Haft

Um den Therapiewillen Rösners ist in den vergangenen Jahren trefflich gestritten worden. Denn eine Therapie ist Voraussetzung für eine Haftprüfung mit positivem Ergebnis. In der Tat hatte sich Rösner, der als knallhart gilt und aus dem Ruhrgebiet stammt, lange Zeit keinen Deut um irgendwelche Therapien gekümmert. Er war der Kopf des Bankräuber-Duos und stieg während der Irrfahrt mit den Geiseln durch die deutsche Republik zu einer Art Medienstar auf — leider, wie die Presse im Nachgang reumütig bekannte.

Auch als Rösner in die Aachener JVA kam, machte er sich nicht gerade beliebt bei der Anstaltsleitung. „Er wollte auf keinen Fall in gemeinsame Therapiegruppen mit Sexualstraftätern“, beschrieb sein Aachener Anwalt Rainer Dietz das Dilemma in der Haft, das allerdings nicht allein Rösner betrifft, sondern etliche Strafgefangene, bei denen Kinderschänder oder andere Sextäter in der Regel geächtet sind.

Nun scheint man jedoch in der JVA Aachen einer Lösung nähergekommen zu sein: Da Rösner bereits seit längerem kontinuierlich einer Arbeit als Verpacker nachgeht und dort sogar den Status eines Vorarbeiters innehat, verläuft seine Entwicklung positiv. „Er spricht auch regelmäßig mit einem Anstalts­psychologen“, bestätigte JVA-Leiterin Blikslager. „Wir kommen näher an ihn heran.“ Das sei wichtig, weil auch sie nicht „dem Herrn Rösner in den Kopf gucken“ könne.

Tatsache aber sei, dass Rösner in Aachen im Trakt für Häftlinge mit angedrohter Sicherungsverwahrung sitze. „Und hier haben wir den gesetzlichen Auftrag, die Gefangenen auf eine mögliche Haftentlassung vorzubereiten“, erklärte die Juristin.

Da ist sie mit Rösners Anwalt einer Meinung — was nicht oft der Fall ist. Dietz hatte in den regelmäßigen Anträgen auf Haftprüfung gefordert, Rösner eine Einzeltherapie zu gewähren. Er drängte zudem auf eine neue Begutachtung seines Mandanten, der inzwischen dank einer Lebensgefährtin und den regelmäßigen Besuchen seiner Schwester in der JVA Aachen „ein gesichertes soziales Umfeld“ habe. Das ist eine weitere entscheidende Voraussetzung für eine möglicherweise gewährte Haftentlassung auf Bewährung.

Richter zeigt sich aufgeschlossen

Um einen solchen Prozess in Gang zu setzen, bedarf es der Zustimmung der Haftvollstreckungskammer des Aachener Landgerichts. Ihr Vorsitzender Richter ist der erfahrene Jurist Holger Brantin, der seit dem Umzug Rösners im Jahr 2013 nach Aachen mit dem Fall befasst ist. Brantin zeigte sich am Dienstag aufgeschlossen, die Akte Rösner wieder aufzuschnüren, wenn sich „neue Aspekte“ zeigen würden: „Wenn es vonseiten der Justizvollzugsanstalt neue Erkenntnisse gibt, können wir erneut über mögliche Haftlockerungen oder neue Anträge entscheiden “, sagte Brantin unserer Zeitung.

Für Rösners Anwalt Rainer Dietz ist die Nachricht von der möglichen Haftentlassung von Rösners ehemaligem Komplizen Dieter Degowski eine willkommene Gelegenheit, um auch in die Sache seines Mandanten wieder Schwung zu bringen, wie er am Dienstag bestätigte. Denn der Gesetzesanspruch der Resozialisierung von Strafgefangenen gelte eben auch für die Schwergewichte in den Justizvollzugsanstalten und nicht nur für weniger exponierte Häftlinge. Da pocht der Anwalt auf Gleichbehandlung.

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