Düsseldorf/Aachen: Ghostwriter: Wenn der Uni-Abschluss eine Frage des Preises ist

Düsseldorf/Aachen : Ghostwriter: Wenn der Uni-Abschluss eine Frage des Preises ist

Thorsten D. hat in seiner Wohnung vier Gitarren und die glänzende Front eines alten Mercedes Strich-Acht an die Wände gehängt, aber selbst wenn seine Wände blank wären, hätte er wohl Probleme, dort die Urkunden all der akademischen Grade unterzubringen, die er erworben hat.

Thorsten hat in den vergangenen zehn Jahren etwa 80 wissenschaftliche Arbeiten geschrieben, die meisten waren Abschlussarbeiten, eine Doktorarbeit, alle bestanden. Urkunden hat Thorsten dafür nicht bekommen, er schrieb die Arbeiten für andere, und die reichten sie unter eigenem Namen bei den Hochschulen ein. Thorsten, 36, ist Ghostwriter.

Düsseldorf, Mietshaus, Thorsten wohnt in der obersten Etage. Er empfängt in der Küche, seine Wohnung ist groß genug für ihn und Hubert, den zweijährigen Mops.

„Reich wirst du mit Ghostwriting nicht“, sagt Thorsten. Was aber nicht heißen soll, dass er damit wenig Geld verdient. Thorsten investiert es in Autos. Sieben hat er im Moment. „Geld haben wir alle gern“, wird er mehr als ein Mal sagen, immer dann, wenn er erklärt, warum er seit zehn Jahren Studenten ihre Arbeiten schreibt. Aber zu Reichtum hat er es damit nicht gebracht, zumindest nicht zu Reichtum nach seinen eigenen Maßstäben.

Etwas ändern, es offiziell machen

Er hat darüber nachgedacht wie er das ändern könnte, sein Geschäft offiziell zu machen. Thorsten spricht von „Monetarisierung“. Dafür bräuchte er Menschen, die für ihn schreiben. Das Problem: Gutes Personal ist schwer zu finden. Was auch daran liegt, dass die vergangenen Jahre für die Ghostwriting-Branche ganz gute Jahre gewesen sind. Die meisten Schreiber sind ziemlich beschäftigt.

Thorsten hat einen Job, Ghostwriting macht er nebenbei, die Einkünfte daraus versteuert er nicht. Er bittet darum, nicht seinen richtigen Namen zu schreiben. Neben Ghostwritern wie Thorsten gibt es in der Branche Ein-Mann-Unternehmen, die hauptberuflich akademische Texte schreiben, die Einkünfte versteuern und von ihnen leben können. Und es gibt die großen Agenturen. Wer im Internet nach Ghostwriting sucht, findet sie ganz oben in den Trefferlisten.

Acad Write etwa heißt eine dieser Agenturen. In der „Süddeutschen Zeitung“ war über das Unternehmen zu lesen, dass es seinen Umsatz von knapp 300.000 Euro im ersten Geschäftsjahr 2005 innerhalb von zehn Jahren auf über zwei Millionen Euro gesteigert habe. Acad Write betreibe Büros in sieben Ländern und könne auf mehr als 300 Autoren zurückgreifen, die für das Unternehmen schrieben. Fragen unserer Zeitung möchte man dort nicht beantworten.

Eine Dissertation ab 6500 Euro

Auf der Website von Acad Write gibt es eine Preisliste, laut der eine Dissertation in Medizin ab 6500 Euro, eine Masterarbeit in Sozialwissenschaft ab 5100 Euro und eine Bachelorarbeit in BWL ab 3400 Euro zu haben sind. Es ist dieses offensive Anbieten, das Michael Hartmer, den Geschäftsführer des Deutschen Hochschulverbands, vor einiger Zeit dazu brachte zu sagen: „Die Branche tritt immer selbstbewusster und unverschämter auf.“

Ghostwriter Thorsten profitiert vom Auftreten der Agenturen, er bezieht deren Preise gerne in seine eigenen Verhandlungen ein. Er empfiehlt einem potenziellen Kunden oft, sich von den großen Anbietern ein Angebot für die gewünschte Arbeit machen zu lassen, weil er sicher ist, deren Preis unterbieten zu können.

Es gibt Anfragen, die lehnt Thorsten ab. Arbeiten im naturwissenschaftlichen Bereich schreibt er nicht, weil er dafür so viel Zeit und Arbeit investieren müsste, dass es kein lohnenswerter Auftrag mehr ist. Die Geisteswissenschaften mit all ihren Disziplinen deckt Thorsten ab, BWL macht er auch.

Im Laufe der Jahre hat Thorsten so etwas wie die ideale Situation für einen Ghostwriter definiert, er beschreibt sie so: „Kulturwissenschaften, Thema noch nicht festgelegt, wenig Zeit bis zur Abgabe.“ Weil die Disziplin wenig starre Grenzen hat, kann Thorsten ein Thema vorschlagen, indem er sich ohnehin gut auskennt, und weil die Zeit drängt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der Student es akzeptiert. Thorsten sagt: „Das ist leicht verdientes Geld.“

Sein Angebot müsse man sich in etwa vorstellen wie das einer Autowaschanlage. Er bietet an, bei der Themenfindung zu helfen und sich dann auszuklinken, das ist das Grundprogramm. Er bietet an, das Schreiben der Arbeit mit dem Kunden aufzuteilen. Er bietet an, Themenfindung, Recherche, Schreiben und auch die Korrespondenz mit dem Betreuer der Arbeit zu übernehmen, indem er dem Studenten auch die Mails formuliert, die dieser an seinen Professor schicken soll. Das ist das Premiumprogramm.

15 bis 20 Prozent aller Arbeiten von Ghostwritern verfasst?

Wenn man Thorsten bittet zu schätzen, wie viele der eingereichten Arbeiten an deutschen Hochschulen von Ghostwritern geschrieben wurden, dann sagt er, 15 bis 20 Prozent. Beinahe jede fünfte Arbeit. Offizielle Schätzungen gibt es nicht.

Dass die Anfänge des Wachstums der Ghostwriting-Branche zeitlich mit der beginnenden Umsetzung der Bologna-Reformen an den Hochschulen zusammenfällt, mag Zufall sein. Fakt ist, dass mit der Umstellung auf die Bachelor- und Masterstudiengänge die Menge der während des Studiums zu schreibenden Arbeiten größer geworden ist.

Zudem hat sich auch die Zahl der Studenten in den vergangenen Jahren kontinuierlich erhöht, an der RWTH Aachen etwa von 32.000 in 2008 auf 45.000 im Jahr 2018. Die Zahl der Professuren sei zwar auch größer geworden, sagt Aloys Krieg, aber nicht in einem Maße, dass sie das Wachstum bei der Studentenzahl widerspiegele.

Eine sichere Form des Betrugs

Krieg, 62, Mathematik-Professor und Prorektor für Lehre an der RWTH, beschreibt damit eine Entwicklung, die wohl die meisten Hochschulen in Deutschland betrifft: Ein Professor ist für die Betreuung von immer mehr Studenten zuständig. Was es beinahe unmöglich macht, eine Arbeit, die eingereicht, aber nicht selbst geschrieben wurde, als solche zu erkennen. Krieg sagt: „Unser Problem ist, dass wir das de facto kaum nachhalten können.“

Ghostwriting gilt als eine der sichersten Formen wissenschaftlichen Betrugs. Für Studenten, weil sie schwer nachweisbar ist. Für die Anbieter, weil sie einem legalen Geschäft nachgehen. Die meisten Ghostwriter weisen darauf hin, dass ihre Kunden sich strafbar machen, sollten sie die gekaufte Arbeit als ihre eigene ausgeben. Wem dies nachgewiesen wird, dem drohen Exmatrikulation und Aberkennung des Titels. Wer zudem eine falsche eidesstaatliche Erklärung abgibt, muss mit einer bis zu dreijährigen Gefängnisstrafe oder einer Geldstrafe rechnen.

Kein nachgewiesener Fall an der RWTH

An der RWTH gibt es laut Krieg bislang keinen nachgewiesenen Ghostwriting-Fall. Vor ein paar Wochen allerdings habe sich die Philosophische Fakultät an ihn gewandt, um auf einen Anbieter hinzuweisen. Etwas gegen ihn unternehmen kann die Universität nicht. Michael Hartmer, der Hochschulverbands-Geschäftsführer, will, dass sich das ändert. Er fordert, das Strafgesetz um den Tatbestand des Wissenschaftsbetrugs zu erweitern. So ließen sich Ghostwriter für Beihilfe zum Betrug belangen.

Von den 80 Arbeiten, die Thorsten im Auftrag anderer geschrieben hat, wurde keine beanstandet, die schlechteste Benotung sei eine 2,7 gewesen. Er klingt ein bisschen stolz, als er das sagt.

Ein Mal habe ein Student eine Mail, die für ihn vorgesehen war, versehentlich an den Professor geschickt. Konsequenzen hatte das nicht.

Wenn Thorsten den Hochschulen einen Tipp geben soll, wie sie das Ghostwriting eindämmen können, dann sagt er: „Ich glaube, die einzige Justierschraube, die die Unis haben, ist, zusätzlich zur Abschlussarbeit noch eine mündliche Prüfung zur Pflicht zu machen.“

Thorsten hat im Laufe der Jahre viele Gründe gehört, warum Studenten seine Hilfe brauchten, er teilt sie in folgende Kategorien auf: „Zu dumm, zu faul, zu viel Geld.“ Wobei die beiden letztgenannten meist in Kombination miteinander aufträten.

Oft aber seien Studenten auch mit dem Verfassen einer wissenschaftlichen Arbeit überfordert, weil sie im Laufe ihres Studiums nicht gelernt hätten, wissenschaftlich zu arbeiten. Aloys Krieg bestätigt das. Zwischen den Studienanfängern an der RWTH sei die Leistungsschere weiter auseinander gegangen. Der Anteil derer, bei denen eine Heranführung an das wissenschaftliche Arbeiten nicht gegeben sei, ist laut Krieg größer geworden. Einen Grund dafür sieht er darin, dass immer mehr Menschen ein Studium beginnen, die dafür im Grunde genommen nicht geeignet seien. Krieg sagt: „Wir haben einen Drang zu akademischen Berufen.“

Ein Hochschulabschluss ist nicht zuletzt eine Formalität, die eine Grundvoraussetzung für bestimmte Karrieren darstellt. Krieg ist sich sicher, dass es eine Gruppe von Studenten gibt, die sich nur deswegen an einer Hochschule einschreibt: Um eine Formalität zu erwerben. Das Ziel, wissenschaftliches Arbeiten zu lernen, verfolgen sie nicht.

Das erste Mal war noch umsonst

Für Ghostwriter ist es eine gute Nachricht, dass es diese Gruppe gibt, und Thorsten war anfangs überrascht, wie groß sie offenbar ist. Vor zehn Jahren half er einem Freund bei einer Hausarbeit, dann hatte dessen Schwester Probleme bei ihrer Arbeit und der Freund fragte, ob er auch ihr helfen könne. Gegen Bezahlung. Thorsten hat nie Werbung für sich gemacht, er hat keine Website, keine Flyer. Er wurde nach Arbeiten oft gefragt, ob man seine Nummer weitergeben dürfe. Man durfte. In Hochzeiten habe er 15 Arbeiten pro Jahr geschrieben, 80 Prozent Abschlussarbeiten. Er hätte noch mehr schreiben können, die Anfragen überstieg seine Kapazitäten.

Natürlich: Das Thema hat auch eine moralische Dimension. Was er und die Studenten da machten, nennt Thorsten „Hardcore-Beschiss.“ Er schläft deswegen nicht schlecht, er sieht seine vielen Anfragen als Auswuchs eines allgemeinen Werteverfalls. Wenn es online ein Angebot wie eine Seitensprünge-Börse gibt, wieso soll es kein Angebot fürs Schreiben von Abschlussarbeiten geben?

Thorsten sagt: „Was angeboten wird, wird auch genutzt.“ Er ist lieber Anbieter als Nutzer.

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