Bonn: Gewalt hinter Hausmauern? Ehepaar soll junge Frau vergewaltigt haben

Bonn : Gewalt hinter Hausmauern? Ehepaar soll junge Frau vergewaltigt haben

„Er soll”, „Er”, „Er”. Richter Klaus Reinhoff wiederholt die Worte ganz bewusst. Ihm gegenüber sitzt eine Zeugin, die gerade eine Aussage macht. Links von ihm sitzt die Angeklagte des Prozesses, den er eben eröffnet hat. Der 29-Jährigen werden von der Staatsanwaltschaft schwere Vorwürfe gemacht. Gemeinsam mit ihrem Ehemann soll sie eine junge Frau vergewaltigt haben.

Ihr Ehemann, das ist der „Er”, den Richter Reinhoff meint. Der sitzt allerdings nicht im Saal, was den Prozess kompliziert macht. Denn der Mann ist eine zentrale Figur in diesem komplizierten Fall.

Die Anklage geht davon aus, dass es in dem Haus des Paares im Ort Ruppichteroth an der Grenze von NRW und Rheinland-Pfalz, immer wieder zu schlimmen Misshandlungen der jungen Frau kam, die 2013 und 2014 mehrere Monate bei den Eheleuten gelebt haben soll. Insbesondere der Mann habe sie damals regelmäßig geschlagen, um sie „hörig zu machen”, mit „Kochlöffeln, Reitgerten und Gürteln”. „Er schaffte so eine andauernde Drohkulisse”, heißt es in der Anklage. Zudem sei die Frau gezwungen worden, sich in die Badewanne zu legen. Dabei sei auch die Ehefrau beteiligt gewesen. Mit erniedrigenden sexuellen Handlungen habe das Paar die Frau „säubern” wollen.

Der einst angeklagte Mann ist allerdings tot. Vor dem ursprünglich für Mai 2017 geplanten Prozess erkrankte er, mittlerweile ist er gestorben. Seine Witwe muss sich am Dienstag daher alleine dem Vorwurf der Vergewaltigung in zwei Fällen stellen. Verteidiger Peter-René Gülpen erklärt, seine Mandantin werde sich zunächst nicht dazu äußern.

Auch das Opfer, das zur Tatzeit laut Gericht 23 Jahre alt war, spricht am ersten Prozesstag noch nicht. Die Aussage der jungen Frau soll später folgen. Ihre Anwältin Dagmar Schorn berichtet aber, wie sie den Ablauf schildert. Ihre Mandantin habe das Paar über eine Bekannte auf einem Feuerwehrfest kennen gelernt. „Sie hatte zu dieser Zeit keine Bleibe”, sagt sie. Daher sei sie bei den Eheleuten eingezogen.

Das Ehepaar habe ihr helfen wollen. In dem Haus sei es aber „ganz anders ausgeartet”, sagt Schorn. Immer wieder habe die Frau Erniedrigungen erlitten, sei geschlagen und missbraucht worden. Zeitweise sei sie auch körperlich eingesperrt gewesen. „Dann, wenn sie an das Bett gefesselt wurde. Und das war immer dann der Fall, wenn sie blaue Flecken hatte, die man nicht nach außen zeigen konnte.” Irgendwann sei ihr schließlich die Flucht gelungen.

Als der Fall 2016 bekannt wurde, zogen einige Beobachter Parallelen zum sogenannten Horrorhaus von Höxter, in dem zwei Frauen infolge von Quälereien starben. Verteidiger Gülpen tritt dem allerdings entgegen. Er halte das für unsachlich. „Es ist niemand zu Tode gekommen, niemand wurde im Keller angekettet”, sagt er vor Prozessbeginn der dpa.

Ein Problem bei der Beweisführung: Laut ihrer Anwältin waren bei der jungen Frau körperlich keine Folgen mehr nachweisbar, als sie zur Polizei ging. Für das Gericht entscheidend ist daher ihre Aussage der Frau. „Meine Mandantin ist im Vorfeld einer Glaubwürdigkeitsbeurteilung unterzogen worden, wo man zu dem Ergebnis kam, dass ihre Aussagen auf einem realen Erlebnishintergrund beruhen”, betont ihre Anwältin.

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