Deutsches Wanderabzeichen wird zehn: Geselligkeit schlägt Abzeichen

Deutsches Wanderabzeichen wird zehn : Geselligkeit schlägt Abzeichen

Das deutsche Wanderabzeichen wird zehn. Eine Wanderung mit einer Alsdorfer Gruppe zeigt, wo die Faszination liegt.

Gabriele Bründl lebt für das Wandern und für ihren Wanderverein. Sie ist seit 2006 Vorsitzende des Wandervereins der Ortsgruppe Alsdorf. Die 61-Jährige sieht es als ihre Aufgabe an, den Verein mit seinen 46 Mitgliedern am Leben zu halten. Es ist eine eingeschworene Gemeinschaft. Jeden zweiten Sonntag wandert die Gruppe – das ganze Jahr über.

Von Regen über Sonnenschein bis Hagel ist an diesem Sonntag im Mai alles dabei. Die Gruppe wandert im Naturschutzgebiet Teverener Heide im Kreis Heinsberg, direkt an der niederländischen Grenze. 18 Vereinsmitglieder sind gekommen, um eine Zehn-Kilometer-Wanderung zu absolvieren. Fast alle von ihnen sind über 70, die älteste Wanderin ist gar 82 Jahre alt. Auf den Rucksäcken und Kappen von vielen Mitgliedern sind bronze- und silberfarbene Wanderabzeichen befestigt, die mit Stolz getragen werden.

Doppelt so viele Abzeichen

Vor zehn Jahren hat der Deutsche Wanderverband (DWV) das Deutsche Wanderabzeichen eingeführt. Die bronzenen, silbernen und goldenen Wandernadeln sind eine Ehrung für fleißige Wanderer und werden von immer mehr Menschen erworben. Was lange Zeit als langweilig galt, erfreue sich neuer Beliebtheit, sagt Bründl, deren Ortsgruppe seit 1912 existiert und dem Eifelverein angeschlossen ist. Der DWV hat insgesamt fast 60 Mitgliedsvereine mit 3000 Ortsgruppen.

In den zehn Jahren, in denen es das Deutsche Wanderabzeichen nun gibt, hat der DWV nach eigenen Angaben 31.038 Auszeichnungen an Wanderer vergeben. Der Eifelverein vergab 2010 noch 225 Wanderern das Abzeichen, 2018 waren es mit 485 mehr als doppelt so viel.

Um das Abzeichen erwerben zu können, müssen Erwachsene in zehn Wanderungen im Jahr 200 Kilometer schaffen und sich ihre Wander-Fitness-Pässe abstempeln lassen. „Im Oktober haben bei uns meistens alle die Bedingungen erfüllt und dann schicke ich die Namensliste an die DWV-Zentrale in Kassel, um die Abzeichen anzufordern“, sagt Vereinsmitglied Hans-Josef Lenoir, der die Wanderlisten der Alsorfer Gruppe führt.

Die Wanderabzeichen sind natürlich Ansporn, aber es geht Lenoir nicht nur darum, „möglichst viele Kilometer runterzurasseln“, sagt er und blickt über Trockenrasen, Moore und gelb blühende Ginster-Sträucher in der Teverener Heide. Im Hintergrund plaudern und scherzen die anderen Wanderer. Viel wichtiger ist dem 71-Jährigen neben dem „Erlebnis Wandern“ die Geselligkeit. Die Gruppe wandert nämlich nicht nur jeden zweiten Sonntag – eine gemeinschaftliche Einkehr inklusive –, sondern fährt über die Pfingsttage gemeinsam in einen einwöchigen Wanderurlaub.

Das Durchschnittsalter der Vereinsmitglieder beträgt 75 Jahre, viele von ihnen seien alleinstehend, sagt Lenoir. Er ist erst seit drei Jahren dabei, weil er seine Zeit eben nicht auf dem Sofa verbringen will. Nun kümmert er sich um die Internetseite des Vereins, den Datenschutz, die Pressearbeit und darum, die Wanderabzeichen für die Vereinsmitglieder beim DWV anzufordern. Die werden dann feierlich an Weihnachten verliehen. Sogar eine Dame der Seniorengruppe, die mit Rollator wandert, hat das bronzene Abzeichen nach Angaben von Lenoir. „Menschen mit Behinderung egal welchen Grads müssen auch nur die Hälfte der Anforderungen erfüllen“, erläutert das Vereinsmitglied.

Vereinsvorsitzende Bründl ist schon seit 21 Jahren dabei, weil sie damals in Teilzeitarbeit gewechselt ist. Zuhause rumzusitzen war und ist aber nichts für die 61-Jährige. Und so engagiert sie sich im Wanderverein. „Meine Eltern sind früher schon immer mit meinen vier Geschwistern und mir wandern gegangen, weil wir kein Auto hatten und ein teurer Urlaub nicht möglich war“, sagt Bründl. Das sei das Tolle am Wandern: Man brauche nicht viel an Ausrüstung für das Hobby – obwohl die Taschen einiger Teilnehmer das Gegenteil beweisen: Viele sind mit Regencapes, Stöcken, GPS-Geräten ausgerüstet. Bründl sieht jedenfalls einen allgemeinen Trend hin zum Wandern: „Ich sehe in den letzten Jahren im Urlaub immer Familien mit Kindern, die wandern gehen – das lag lange Zeit brach, wird aber wieder mehr.“

Die Familien gehen aber offenbar privat wandern, nicht organisiert. Denn trotz des positiven Trends hat die Ortsgruppe Alsdorf ein Problem: den fehlenden jungen Nachwuchs. Mit 75 Mitgliedern und 46 Aktiven ist die Alsdorfer Truppe die kleinste Gruppe im Eifelverein. „Junge Menschen lassen sich einfach nicht fürs Wandern begeistern“, sagt Lenoir nachdem er – wieder am Parkplatz der Teverener Heide angekommen – von seinen Wanderschuhen in die normalen Freizeitschuhe wechselt. Nach der dreistündigen Wanderung zeigt die Handy-App eines Vereinsmitglieds 14.520 gegangene Schritte. 14.520 Schritte dem nächsten Wanderabzeichen entgegen.

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