Flüchtlingshelferin fast getötet: Gericht muss die Schuldfähigkeit des Angeklagten klären

Flüchtlingshelferin fast getötet : Gericht muss die Schuldfähigkeit des Angeklagten klären

Eine 73-jährige Frau aus Düren hatte 2018 zwei Flüchtlinge aus Eritrea in ihrem Haus aufgenommen. Doch die Hilfsbereitschaft endete für sie fast tödlich. Das Gericht muss nun die Schuldfähigkeit des Angeklagten klären.

Ein paar Minuten nach seiner Tat schickte Tamir A. seinem Bruder eine SMS: „Jutta ist tot.“ Und in einer weiteren Nachricht teilte er ihm mit: „Sie liegt im Keller.“ Jutta S., die in Wirklichkeit anders heißt, überlebte seine Attacke an diesem 8. Mai dieses Jahres in ihrem Mehrfamilienhaus in Düren sehr knapp. Sie erlitt ein schweres Schädelhirntrauma, Hirnbluten, Rippenbrüche und weitere multiple Verletzungen. Sie war in akuter Lebensgefahr, so steht es in der Anklage.  Nur, weil sie rechtzeitig von einer Nachbarin gefunden wurde, überlebte die heute 74-Jährige.

Der 23-jährige Tamir A. aus Eritrea ist vor der ersten Schwurgerichtskammer des Aachener Landgerichts wegen eines heimtückischen Mordversuchs angeklagt. In dem Verfahren, das am Montag begann, geht es weniger um die Frage des Tatablaufs, vielmehr geht es um die Frage, inwieweit der Flüchtling zum Tatzeitpunkt schuldfähig war. „Seine Steuerungsfähigkeit war erheblich eingeschränkt“, steht in der Anklageschrift. Aufgrund einer Psychose sitzt Tamir A. seit jenem Mittwoch im Mai auch nicht in U-Haft, sondern ist in einer psychiatrischen Klinik in Essen untergebracht. In psychiatrischer Behandlung ist er nicht zum ersten Mal. Er höre immer wieder Stimmen, hat er zu Protokoll gegeben. Meistens ginge es dabei um einen religiösen Streit zwischen Christen und Moslimen. Er selbst war vor ein paar Jahren schon in Deutschland zum Christentum konvertiert.

Tarmir A. war sieben Jahre lang in einem Dorf in Eritrea zur Schule gegangen, danach arbeitete er regelmäßig in der Landwirtschaft. Zwei Mal heiratete er, aus beiden Beziehungen hat er eine Tochter. Ständig wurde er zum Militärdienst einberufen, hat er berichtet. Diese ungeliebte Verpflichtung war für ihn vor vier Jahren der Anlass zu flüchten.

Über Äthiopien und dem Sudan landete er in Deutschland. Lange Zeit lebte er in Karlsruhe und Mannheim, ehe er Mitte 2018 zum Bruder nach Düren in das Mehrfamilienhaus von Jutta S. zog und schnell Arbeit in einem Paketzentrum fand. Die freundliche Seniorin hatte sich auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle entschieden, dass sie den Neuankömmlingen helfen wollte. Sie überließ bis zu drei jungen Männern aus Eritrea das dritte Obergeschoss. Ihre Fürsorge wusste Tarmi A. jedenfalls zu schätzen. „Sie war wie eine Mutter für mich. Eigentlich sogar mehr noch.“

Folgt man Oberstaatsanwältin Katja Schlenkermann-Pitts gab es an diesem 8. Mai Streit ums Geld. Tamir A. teilte seiner Helferin mit, dass er Haus und Land verlassen wollte, dafür bat um finanzielle Unterstützung.  Jutta S. sah dafür keinen Anlass. Kurz danach  wurde  sie  im Keller überrascht, als ihr Mieter sie hinterrücks mit einem Schal bis zur Bewusstlosigkeit würgte. Als sie wieder zu sich kam, hatte Tamir A. den Tatort schon verlassen. Er hörte vermutlich Geräusche, kehrte zurück und trat die am  Boden liegende Frau immer wieder gegen Kopf und Brust trat.

Tamir A. schildert den Tatablauf anders, die Vermieterin habe ihn mit einer Pistole bedroht, er habe quasi in Notwehr gehandelt. Hinweise dafür gibt es nicht. Hinweise für eine Vorerkrankung umso mehr. Der 23-Jährige schilderte in der Psychiatrie seine Ängste auch vor seinem Bruder. Dessen Essen rührte er tagelang nicht an, weil er eine Vergiftung befürchtete. „Tamir ist schon lange krank im Kopf“, beobachtete der elf Jahre ältere Bruder. Er sei häufig nachts schlaflos unterwegs gewesen, fühlte sich unter Druck gesetzt wegen seines Religionswechsels. Die Stimmen waren immer da.

Bruder und Vermieterin hatten sich schon vorher Gedanken gemacht, weil das Verhalten von Tamir A. immer merkwürdiger wurde. Dessen Ängste nahmen zu, er beklagte fortlaufend Rücken- und Kopfschmerzen. „Wir haben die große Ärztetour begonnen“, erinnert sich Jutta S. Eine Psychose sei diagnostiziert, aber nicht behandelt worden, weil sie als nicht akut eingestuft wurde. Die Medikamente ignorierte der Patient.  „Er fühlte sich überall missverstanden“, sagte sie. Noch am Tattag beobachtete sie, wie ihr Mieter permanent durch das Treppenhaus tigerte, wirres Zeug redend.

Der Angeklagte entschuldigte sich bei seiner ehemaligen Vermieterin, die als Nebenklägerin auftritt.. „Meine Krankheit hat alles ausgelöst“, sagt er.

Jutta S. hat dem Gericht mitgeteilt, dass sie immer noch unter den Folgen des Mordversuchs leidet, Kehlkopf und Stimmbänder sind beeinträchtigt. Früher, so sagt sie, sei sie furchtlos gewesen. „Heute bin ich ängstlich und schreckhaft. Ich höre dauernd Geräusche seitdem.“ Flüchtlinge beherbergt sie nicht mehr, sie kündigte auch dem Bruder des Angeklagten.

In der Psychiatrie hat Tamir A. einem behandelnden Arzt gesagt, die Todesstrafe sei okay für ihn. Nachdem er erfuhr, dass die in Deutschland nicht vorgesehen sei, sagte er: „Ich wünsche sie mir trotzdem.“ Der Prozess soll am Freitag bereits zu Ende gehen.

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