Geldautomat an Roermonder Straße in Aachen gesprengt: Täter verhaftet

Nur Stunden nach Tat an Roermonder Straße : Polizei verhaftet Geldautomatensprenger

Der Knall, mitten in der Nacht, schreckte nicht nur viele Einwohner von Richterich auf. An der Roermonder Straße wurde gegen 3.50 Uhr ein Geldautomat gesprengt.

Der Geldautomat stand in einem Gebäude, in dem die Stadt Aachen seit Jahren Aachen Flüchtlinge unterbringt. Die Bewohner werden rund um die Uhr vom Deutschen Roten Kreuz betreut. Einer der DRK-Mitarbeiter informierte sofort die Polizei. Geistesgegenwärtig filmte sein Kollege zwei mutmaßliche Täter, die in einem dunklen Wagen mit niederländischem Kennzeichen, das später als gestohlen identifiziert wurde, mit hoher Geschwindigkeit flohen. Vom Tatort aus sind es nur drei Kilometer bis zur Autobahnauffahrt, die ins Nachbarland führt.

Die Flucht endet dann aber abrupt, weil niederländische Fahnder von ihren deutschen Kollegen informiert werden. Sie setzten Hubschrauber ein. Schon gegen fünf Uhr wurden dann in einem Schuppen in Brunssum fünf verdächtige Männer im Alter zwischen 24 und 37 Jahren aus Amsterdam, Utrecht, Diemen und Amersfoort festgenommen, berichtet die niederländische Polizei. Sie hob in ihrer Pressemitteilung zudem „großen Erfolg“ ausdrücklich die gute Zusammenarbeit mit den deutschen Kollegen hervor.

Die nun verhafteten Verdächtigen gehörten wahrscheinlich zu einer größeren Gruppe. Die Ermittlungen zu dieser Gruppe gingen weiter. Noch am Freitag habe es Suchaktionen an verschiedenen Orten in den Niederlanden gegeben.

„Die Täter sind skrupellos“, sagt André Faßbender, Sprecher des Landeskriminalamts (LKA). „Sie besitzen weder eine chemische, noch eine physikalische Ausbildung und nehmen billigend Schäden von Personen oder an Gebäuden in Kauf“, sagt der Kriminalhauptkommissar. Beim LKA ist die Ermittlungskommission „Heat“ (Hitze) angesiedelt, die sich seit Jahren intensiv mit den Sprengungen von Bankautomaten beschäftigt. „Heat“-Mitarbeiter waren am Freitag ebenfalls am Aachener Tatort, auch um Parallelen zu früheren Taten zu sichten. Allein in diesem Jahr sind landesweit 51 solcher Automaten-Sprengungen aktenkundig – nicht nur in Grenzregionen.

Tatverdächtige gefasst: Erneut Geldautomat gesprengt

Auch bei der Explosion in Aachen-Richterich hätte der Schaden noch viel gravierender ausfallen können. In dem Gebäude befinden sich über dem gesprengten Bankautomaten Wohnräume. Die Bewohner blieben unverletzt. Die Wucht der Explosion hat nicht nur großflächig die Vorderfront herausgerissen, auch die Decken sind betroffen. Nach ersten Erkenntnissen der Feuerwehr ist das Gebäude aber nicht einsturzgefährdet. Die etwa 100 untergebrachten Menschen mussten nicht evakuiert werden. Lediglich am frühen Morgen, als Sprengstoffexperten den Tatort inspizierten, wurden kleinere Bereiche vorübergehend geräumt.

Neben dem Automaten befinden sich ein großes derzeit leer stehendes Ladenlokal, ein großer Netto-Supermarkt und ein Kik-Bekleidungsgeschäft. Die Läden blieben am Freitag zunächst geschlossen, der Parkplatz davor wurde großflächig abgesperrt, der Tatort wurde von Spezialisten untersucht. In dem Supermarkt wurde der Strom vorsorglich abgesperrt, so dass auch gekühlte Lebensmittel verderben könnten.

Für die Polizeibehörden in der Region war das bereits der dritte Tatort innerhalb einer Woche, an dem Geldautomaten gesprengt wurde. Am Montagmorgen war eine Postbank-Filiale am Pontdriesch in der City betroffen, in der Folgenacht ein Geldautomat in Landgraaf. Der „modus operandi“ war vergleichbar. Die Polizei will noch nicht bestätigen, dass wieder Serientäter am Werk sind. Auch über die Höhe des Sachschadens und der Beute gab es keine Angaben.

Die Geldautomatensprenger gehen meistens sehr schnell und professionell vor. In nur zwei bis drei Minuten füllen die Täter ein Gasgemisch in die Automaten und lösen dann die Sprengung aus. Dann sammeln sie die Scheine ein und verschwinden mit hoher Geschwindigkeit in Autos, die gestohlen oder mit gestohlenem Kennzeichen unterwegs sind. Häufig werden dunkle Audi-Limousinen präferiert. Geräte an Fassaden und Tatorte in Autobahnnähe – wie jetzt in Richterich – sind meistens das Ziel der Kriminellen.

Hinter den meisten Taten steckt nach Polizeierkenntnissen ein Netzwerk von rund 250 niederländischen Staatsbürgern mit marokkanischen Wurzeln. Die Täter sind, so sagt das LKA, häufig in der Region Utrecht und Amsterdam zu Hause.

Die Geldmenge in den einzelnen Automaten ist gedeckelt, über die Höhe macht die Branche keine Angaben, auch um Nachahmer abzuschrecken. Experten gehen von einem Beitrag zwischen 50.000 und 100.000 Euro aus.

Die baulichen oder sicherheitstechnischen Vorkehrungen der Branche hängen vom Standort ab, sagt Sylvie Ernoult, Sprecherin des Dachverbandes „Deutsche Kreditwirtschaft“ in Berlin. „Die Investitionen der Deutschen Kreditwirtschaft in diesem Bereich sind erheblich.“ Die Banken und Sparkassen setzten für ihre Geldautomaten mechanische, elektronische oder auch organisatorische Sicherungskonzepte ein, teilt Ernoult mit. „Zu den Maßnahmen zählen beispielsweise der Einsatz von Einbruchmeldetechnik, Videoüberübertragungssystemen, Abriss-und Erschütterungsmelder, Vernebelungsanlagen oder auch spezielle Sicherungen von Fenstern und Zugangstüren.“ Zu dem Maßnahmen-Katalog gehöre auch der „Einsatz von Einfärbe-Systemen oder Gasdetektoren“. In Schweden, Belgien und Frankreich ist der Einsatz der kostenintensiven Tinten-Technologie bereits per Gesetz verpflichtend.

Die deutsche Banken-Branche jedenfalls sei im ständigen Austausch mit den Landeskriminalämtern, den Geräteherstellern und der Versicherungswirtschaft. Die Sprengung von Geldautomaten ist keine neue Masche. Im letzten Jahr weist die landesweite Statistik 107 Fälle auf. In der Region kam es 2019 schon zu Versuchen und Vollendungen in Steckenborn, Herzogenrath, Düren, Rölsdorf, Gangelt.

Für einen Geldautomatensprenger hatte sein Verfahren vor dem Aachener Landgericht vor einem Jahr eher glimpflich. Der Niederländer, der auch marokkanischer Staatsbürger ist, wurde der „Audi-Bande“ zugerechnet. Die Räuber wurde unter diesen Namen bekannt, weil sie häufig solche dunkle Limousinen zur Flucht genutzt haben sollen. Dem 29-Jährigen aus Utrecht war nur eine von 17 angeklagten Sprengungen (Gesamtbeute: 700.000 Euro) nach Auffassung der Kammer nachweisbar. Wegen schweren Diebstahls und Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion wurde er zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt.

Nun kann es so kommen, dass in ein paar Monaten die am Freitag festgenommenen Täter ebenfalls vor dem Aachener Landgericht angeklagt werden.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Explosion an Bankautomat auf der Roermonder Straße

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