Missbrauchs-Netz Bergisch Gladbach: Furchtbarer Verdacht in Alsdorf

Missbrauchs-Netz Bergisch Gladbach : Furchtbarer Verdacht in Alsdorf

Im Zusammenhang mit dem Missbrauchs-Netzwerks in Bergisch Gladbach wird auch in Alsdorf seit Tagen das Haus eines Mannes intensiv durchsucht. Der 57-Jährige soll ein Kind aus seinem Bekanntenkreis missbraucht haben.

Die Straße ist gesperrt, „Unfall“ steht auf den Pylonen. Es liegt kein Unfall vor, vielmehr ist in den letzten Stunden der Verdacht eingezogen, dass in Alsdorf-Neuweiler – kurz vor Baesweiler – der Schauplatz eines furchtbaren Verbrechens liegt. Spätestens seit Samstag, nachdem die Polizei einen 57-Jährigen unter dem Verdacht des schweren sexuellen Missbrauchs verhaftet hat. Der Mann sitzt inzwischen in Untersuchungshaft, sein Fall hängt mit den Ermittlungen im Missbrauchsfall von Bergisch-Gladbach zusammen. Er soll ein Kind aus seinem Bekanntenkreis missbraucht haben.

Im Vorgarten seines Reihenhauses steht seitdem ein blauer Schiffscontainer, in dem die Möbel aus der vermüllten Wohnung getragen werden. Das Haus wird komplett leergeräumt, dann werden spezielle Spürhunde eingesetzt, die auch kleine Datenträger aufstöbern können.

Das Grundstück des Verdächtigen wird mit hohen Planen abgeschirmt. Ein paar Journalisten klingeln bei Nachbarn, aber die haben selbst mehr Fragen als Antworten. Oben im Haus auf der ersten Etage blitzt regelmäßig eine Kamera, die Forensiker sind vorübergehend eingezogen. Der 57-Jährige war der siebte Verdächtige, am Montag kam ein achter dazu. Ein 47-Jähriger aus Lünen wurde wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch inhaftiert.

Die Polizei geht davon aus, dass der Kinderpornoring noch lange nicht vollständig aufgedeckt ist, sagt der Kölner Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer. Ausgangspunkt der Ermittlungen waren riesige Datenmengen mit kinderpornografischem Material, die vor zwei Wochen bei einem 42-jährigen Familienvater in Bergisch-Gladbach sichergestellt worden waren. Die ausgewerteten Filme auf seinem Handy führten zu weiteren Verdächtigen. Die Männer sollen ihre Kinder oder Stiefkinder teilweise schwer sexuell missbraucht und Fotos und Videos davon in Chat-Gruppen mit bis zu 1800 Mitgliedern verbreitet haben. „Wie perfide die Taten im Einzelnen sind, zeigt sich daran, was wir sichergestellt haben“, urteilte der Kölner Polizeipräsident Uwe Jacob am Wochenende – darunter seien Sexspielzeuge, Fesselwerkzeuge und Liebesbriefe in Kinderhandschrift. Mindestens zwei Verdächtige sollen ihre Kinder laut Staatsanwaltschaft auch zum Missbrauch ausgetauscht haben.

Bislang bekannt sind mindestens zwölf geschädigte Kinder in NRW und eines in Hessen. Das jüngste Opfer ist noch nicht einmal ein Jahr, das älteste elf Jahre alt. Die meisten sollen von ihren eigenen Vätern oder Stiefvätern missbraucht worden sein. Man gehe von weiteren Opfern aus, sagten die Ermittler. Beim LKA wurden auch am Wochenende weiter Daten gesichtet. Die sichergestellten Datenmengen umfassen eine Größe von zehn Terabyte mit „beweiserheblichem, kinderpornografischen Material“. Zunächst filtern Algorithmen mögliche strafbare Handlungen heraus. Die Auswertung und letztlich auch juristische Bewertung unterliegt dann den Mitarbeitern. Die Abteilung wurde in den letzten Monaten auch durch polizeiferne Bewerber aufgestockt.

Dieser Schritt stand schon vor dem Fall Lüdge fest. Die sichergestellten Daten auf Handys und Rechnern im Bereich der Kinderpornografie werden jährlich größer. Die Belastung für die Menschen, die sich beim LKA oder in den Polizeipräsidien mit bestialischen Bildern belasten, ist immens. LKA-Sprecher Frank Scheulen bestätigt, dass den Mitarbeitern regelmäßig Supervisionen angeboten werden. Der evangelische Polizeipfarrer schaut inzwischen wöchentlich vorbei. Mitarbeiter können ihre Arbeit jederzeit unterbrechen. „Wer sich diese Arbeit nicht mehr zumuten mag, kann jederzeit den Bereich wechseln“, sagt Scheulen. Dennoch: Die Fluktuation sei eher gering.

Das Ausmaß des aktuellen Falls lässt sich noch gar nicht ermessen. Die Polizei geht immer noch davon aus, dass unbekannte Täter unverändert aktiv sein können. Ungeklärt ist bislang auch, wie sich die Mitglieder des Pädophilen-Chats vernetzt haben. Polizisten, die mit dem Fall betraut sind, sprechen von einem „Abgrund“ und „bestialischen Taten“.

An den wohl umfangreichsten Ermittlungen in NRW seit vielen Jahren sind inzwischen 250 Mitarbeiter beteiligt, zugezogen wurden auch Kräfte des Polizeipräsidiums Aachen. In Alsdorf werden die Ermittler noch tagelang im abgesperrten Haus nach Spuren suchen.