Aachen/Bochum: Fünf Anhalterinnen in der Region ermordet: Egidius Sch. stirbt in Haft

Aachen/Bochum : Fünf Anhalterinnen in der Region ermordet: Egidius Sch. stirbt in Haft

Egidius Sch. war für die wohl schlimmste Mordserie der Nachkriegszeit in unserer Region verantwortlich. Nur durch Zufall ging der sogenannte Disko-Mörder den Ermittlern 17 Jahre nach der letzten Tat ins Netz. Ein Jahr später, im August 2008, war der Serienmörder von einem Aachener Schwurgericht zu lebenslanger Haft verurteilt worden.

Am Sonntagmorgen wurde er beim Aufschluss seiner Zelle in der JVA Bochum tot aufgefunden. Egidius Sch. wurde 62 Jahre alt.

Die Polizei Bochum geht nach der Obduktion des Toten am Montag von einem Unfall aus. Sch. habe einen Herzstillstand nach einem Kontakt mit einer Stromquelle in seiner Zelle erlitten, Fremdverschulden wurde ausgeschlossen. Es sei auch kein Suizid gewesen, bestätigte sein Aachener Anwalt Rainer Dietz. Sein Mandant sollte am Mittwoch noch Besuch von seiner Mutter und seinem Sohn bekommen.

Im Namen der Staatsanwaltschaft bestätigte am Montagnachmittag Bochums Polizeisprecher Frank Lemanis die morgens bekanntgewordenen Fakten: „Es hat sich um einen Unfall gehandelt“, sagte er unserer Zeitung. Der Gefangene habe morgens tot in seinem Bett gelegen.

Der seit vielen Jahren in der JVA Bochum einsitzende ehemalige Krankenpfleger aus Aachen und spätere Versicherungskaufmann hatte damals bei der Polizei zunächst gestanden, die sogenannten Anhaltermorde bei Fahrten in der Aachener Region zwischen 1983 und 1990 begangen zu haben, später dann zog er sein Geständnis zurück.

Lebenslange Haft

Dies war allerdings ohne Einfluss auf das Urteil: lebenslange Haft. Da zudem „eine besondere Schwere der Schuld“ festgestellte wurde, hätte erst 20 Jahre nach dem Urteil die erste Möglichkeit zur Prüfung der Haftdauer bestanden. Das wäre heute in zehn Jahren der Fall gewesen.

Die brutalen Morde an den fünf jungen Frauen waren als Disko- oder Anhaltermorde bezeichnet worden, weil die Opfer meist nach einer Nacht in der Disko per Anhalter nach Hause fahren wollten — und nie dort ankamen. Vier von ihnen waren zwischen 15 und 18, eine 30 Jahre alt. Zwei Opfer kamen aus Herzogenrath, eins stammte aus Wegberg, eins aus Aachen und eins aus Heinsberg.

Alle Frauen waren gefesselt, teils stundenlang bestialisch missbraucht oder vergewaltigt, dann erdrosselt und meist ohne Kleidung irgendwo abgelegt worden. Der Richter verglich die Art der Ablage der Leichen in seiner Urteilsbegründung mit dem „Wegwurf von Müll“.

Der bis zu seiner Verhaftung im August 2007 17 Jahre lang völlig unbehelligt in einem Reihenhaus lebende Versicherungsvertreter war durch eine DNA-Spur aufgeflogen. Als „Eddi“ Sch. bei einem Metalldiebstahl auf einem Heinsberger Schrottplatz auf frischer Tat erwischt wurde, gab er freiwillig seine DNA ab. Bei dem Kleinkriminellen dauerte die Analyse. Fünf Monate später gab es den Volltreffer: Die Polizei hatte bei einer der Disko-Morde Spermaspuren gesichert, die — als dies technisch möglich war — in eine Datenbank eingespeichert worden waren. Es war die DNA von Sch.

Zwei Vergewaltigungen und fünf Morde

Nach seiner Verhaftung gestand der sadomasochistisch veranlagte Angeklagte zunächst zwei Vergewaltigungen und fünf Morde an Marion G. (1983), Andrea W. (1984), Angelika S. (1984), Marion L. (1987) und Sabine N. (1990). Den Mord an der Schülerin Ulrike K. (1987) aus Aachen bestritt Sch., einen Anhalterinnenmord von 1990 in Belgien stritt er gleichermaßen ab.

Der Prozess im Jahr 2008 gegen den völlig unauffällig in einer Siedlung in Viersen mit seiner Ehefrau und dem damals elfjährigen Sohn lebenden Versicherungskaufmann nahm in der Mitte der insgesamt 18 Verhandlungstage andauernden Mordprozesses skurrile Formen an.

Die damals 42-jährige Ehefrau von Sch. beschrieb detailliert dem Gericht und den Medien die Version, Sch. habe nur wegen seiner sadomasochistischen Neigungen die Morde gestanden, eben weil er generell durch Druck und Polizeiverhöre „sexuell erregt“ werde. Sie wisse das, sagte sie damals, weil sie im Kellerstudio des Einfamilienhauses regelmäßig seine SM-Neigungen befriedigt habe, er sei dabei immer in der Rolle „des Sklaven“ gewesen.

Regelmäßig gab es Spekulationen, ob die letzte Tat von Egidius Sch. 1990 auch wirklich seine letzte war. Doch nachgewiesen wurde keine weitere.

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