Polit-Rentner Bosbach: Früher war er weg, heute ist er nicht da

Polit-Rentner Bosbach : Früher war er weg, heute ist er nicht da

Einmal hat Wolfgang Bosbach so früh Feierabend gemacht, dass seine Frau ihn mit den Worten begrüßte: „Wo kommst du denn schon her?“ Das war, als er aus Protest gegen das Verhalten der Ex-Grünen Jutta Ditfurth aus der Talkshow von Sandra Maischberger weglief.

Für gewöhnlich aber ist der CDU-Mann eher später als früher zu Hause. Das war zu seiner aktiven Politikerzeit so und ist heute im Ruhestand auch nicht viel anders. Am Dienstag ist es genau ein Jahr her, seit Bosbach aus dem Bundestag ausschied. Nach 23 Jahren.

Im Bundestag brachte er es bis zum Vorsitzenden des Innenausschusses und zum CDU-Fraktionsvize. Das sind eigentlich keine Posten, mit denen man zeitweise höhere Popularitätswerte als Angela Merkel erzielt. Aber Bosbach kann druckreif reden und ist einfach ein Typ, egal wie man zu ihm steht. Und dank seiner vielen Talkshow-Auftritte hat das irgendwann auch jeder mitbekommen.

„Zugesagt ist zugesagt“

Ach ja, die Talkshows, sagt Bosbach. Er kann aus dem Stegreif referieren, in wie vielen er zuletzt saß, nämlich drei im Jahr 2017 und nur zwei in diesem Jahr. Es kämen zwar noch mehr Einladungen, aber häufig sei er schon ausgebucht. „Zugesagt ist zugesagt. Ich sage keine Veranstaltung mit vielleicht nur 200 Gästen ab für eine TV-Sendung mit zwei Millionen Zuschauern.“

Insgesamt habe sich sein Leben gar nicht groß geändert – bis auf eines: „Heute fangen fast allle Einladungen an mit der Floskel: ‚Jetzt, wo Sie mehr Zeit haben, könnten Sie ja mal...’ Viele glauben wohl, der sitzt zu Hause im Schaukelstuhl und wartet sehnsüchtig auf Beschäftigung.“

Den Wecker stellt er sich jetzt nicht mehr, aber er wacht trotzdem jeden Morgen um Punkt sieben auf. Etwa eine Stunde später sitzt er schon in seiner Anwaltskanzlei. Nachmittags ist die Politik dran: „Da geh‘ ich auf Tournee.“ Noch immer nimmt er rund 400 Veranstaltungen im Jahr wahr. „Die Einladungen haben sich in etwa halbiert. Es fällt ja alles mit direktem parlamentarischem Bezug weg. Aber es sind immer noch etwa 3000 Einladungen im Jahr. Von einer mangelnden Nachfrage nach dem Redner Bosbach kann keine Rede sein.“ Er redet gern, gut und viel. Kanzlerin Merkel dagegen schätzt eher die Schweiger. Innenminister wurde er nie.

Was vermisst er an Berlin?

Entfallen ist seit seinem Ausscheiden aus dem Bundestag das zeitaufwendige Hin- und Herpendeln zwischen Bergisch Gladbach und Berlin. Dafür muss er jetzt all seine Flüge, Bahnfahrten und Hotels selbst buchen. „Den Aufwand dafür habe ich dramatisch unterschätzt.“ Zu den meisten Vorträgen fährt er mit seinem Privatwagen. Früher ist er immer noch mitten in der Nacht zurückgekurvt, jetzt nimmt er sich öfter mal ein Hotel. Und er gönnt sich Urlaub: „Das ist der einzige Luxus, den ich mir erlaube.“ Dieses Jahr war er zum ersten Mal in seinem Leben in Griechenland – noch im Bundestag hatte er die Milliardenhilfen für den Staat kritisiert. Sein Urteil als Tourist: „Zum Niederknien schön!“

Und sonst? „Meine Frau sagt immer: Früher warst du weg, und heute bist du nicht da.“ Aber das braucht er natürlich, das ist sein Lebenselixier. Was vermisst er an Berlin? „Viele Kolleginnen und Kollegen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Büro.“ Etwa einmal in der Woche bekomme er noch eine SMS von ihnen. „Du fehlst uns“, schreiben sie dann. Aber Bosbach macht sich nichts vor: „Die Friedhöfe sind voll von Leuten, die sich für unersetzlich hielten.“

Seine Tochter Caroline ist mittlerweile auch politisch aktiv und unterstützt die CDU im hessischen Wahlkampf. „Jetzt bekommt sie zum ersten Mal ein Gefühl für die Belastungen. Sie ist erst 27, aber neulich brauchte sie dringend eine Auszeit.“ Da habe er nur zu ihr gesagt: „Papa macht das seit 46 Jahren!“

(dpa)
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