„Fridays for Future": Zehntausende demonstrieren für Klimaschutz

„Fridays for Future“-Demo in Aachen : Fordern, feiern und auch frühstücken

Zehntausende Schüler bei „Fridays for Future“ in Aachen

Mit Tausenden Demonstranten setzt „Fridays for Future“ in Aachen ein beeindruckendes Signal. Mit einem Sternmarsch zum Tivoli begann der Freitag. Auf der Kundegegbung am Stadion spielten unter anderem Culcha Candela.

Ihr Pensum von sieben Stunden Schlaf hat Zoë in der Nacht zum Freitag erfüllt. Selbstverständlich ist das nicht. Denn statt in ihrem Jugendzimmer in Frankfurt hat die 16-Jährige die Nacht auf Beton verbracht. In einem Parkhaus. Knapp 300 Kilometer vom Zuhause entfernt. Fürs Klima. „Das war gar nicht so ungemütlich. Schade nur, dass das Licht die ganze Nacht anblieb“, sagt Zoë. Weil die Schülerin nicht nur die Umwelt, sondern ihre ganz persönliche Zukunft gefährdet sieht, ist sie am Donnerstag mit ihren Freundinnen Johanna und Esmé mit dem Sonderzug aus Freilassing nach Aachen gefahren.

„Climate Justice without Borders“ – Klimagerechtigkeit ohne Grenzen – lautet das Motto, unter dem die Jugendbewegung „Fridays for Future“ zum zentralen Klimastreik nach Aachen geladen hat. Die jungen Aktivisten fordern den Kohleausstieg bis 2030 und die Einhaltung der Ziele des Pariser Abkommens. Forderungen, für die Zoë und ihre Freundinnen gerne Schlafsack und Isomatte einpacken und ihr Frühstück auf einem Schotterboden sitzend einnehmen, auf dem normalerweise Autos parken.

Der Teller wird zur Not geteilt

„Normal“ ist an diesem Freitagmorgen in Aachen allerdings wenig. Während im Parkhaus neben dem Tivoli-Fußballstadion knapp 1000 Klimaaktivisten ihr Nachtlager aufgeschlagen haben, haben junge Menschen auf einem kleinem Parkplatz Biertische und Bierbänke aufgestellt. Auf ihnen stapeln sich Brötchen, Toastscheiben und Baguette. Es gibt Marmelade und selbstgemachtes Hummus. Fast ausschließlich Spenden, die Bäckereien und Supermärkte den Klimaaktivisten zur Verfügung gestellt haben. Gegessen wird von mitgebrachten Tellern oder aus wiederverwendbaren Plastikboxen. Wer Besteck und Geschirr zu Hause vergessen hat, muss darauf hoffen, dass neue Bekanntschaften ihre Habseligkeiten teilen.

„Fridays for Future“ sichert den Gästen, die im „Parkhotel“ übernachten, wie das Parkhaus liebevoll von den Aktivisten genannt wird, zwar Frühstück und Abendessen zu, Einwegteller oder -besteck sucht man rund um den Tivoli aber vergebens. Dafür findet man umso mehr bunte Plakate und Transparente. Auch die drei Freundinnnen aus Frankfurt werden ihre Botschaft für mehr Klimaschutz in ein paar Stunden nicht nur laut singen, sondern auch in bunter Schrift vor sich hertragen. Deshalb gehe es auch gleich vom Fußballstadion zum drei Kilometer entfernten Hauptbahnhof.

Dort sind bereits um 7 Uhr früh weitere 500 Aktivisten mit dem zweiten „Fridays for Future“-Sonderzug eingetroffen. Aus Bern. Zwölf Stunden waren die Jugendlichen teilweise unterwegs, ehe sie in Aachen eingetroffen sind. Zusammen mit den 800 Menschen, die am Donnerstagabend mit dem Frankfurter Trio den Bahnhof gefüllt haben, ergibt das schon ein stolzes Sümmchen. Es sollen noch deutlich mehr werden. „Ich glaube schon, dass wir mit einer großen Bewegung etwas erreichen können“, sagt ein junger, etwas müde wirkender  Mann aus der Schweiz, „wir müssen nur schauen, dass diese Bewegung nicht abflaut.“

Spätestens um 14 Uhr ist klar: Die erwartete Teilnehmerzahl von rund 10.000 Menschen dürfte das junge Organisationsteam locker übertroffen haben. Über fünf Stränge schlängeln sich Tausende Menschen durch die Aachener Innenstadt. Längst nicht nur Schüler wurden mobilisiert. Erwachsene sind dabei, Kleinkinder, einige Mütter und Väter haben den Nachwuchs sogar noch im Kinderwagen im Schlepptau. Ein älterer Mann trägt stolz ein „Opas for Future“-Plakat in der Hand. Die Stimmung ist fröhlich, aufgedreht. „Wir sind hier, wir sind laut – weil ihr uns die Zukunft klaut“, schallt es von allen Seiten. Genauso wie „Leute, lasst das Glotzen sein. Reiht Euch in die Demo ein!“

Dazu gibt es immer wieder Live-Musik. Die Berliner Band Brass Riot sorgt mit furiosen Saxofon-Klängen für beste Stimmung – auf einem umgerüsteten Feuerwehrwagen, der den beeindruckenden Tross anführt. So furios, dass einem der Musiker sein Saxofon zerbricht. „Die sollen lieber zur Schule gehen“, schimpft eine Passantin an der Theaterstraße, als der Zug vorbeigeht. „Ach, hören Sie doch auf, heute ist Brückentag!“, fährt ihr ein anderer Zuschauer mit Augenzwinkern in die Parade.

Als der bunte Marsch fast schon auf die Zielgerade zur zentralen Kundgebung auf dem Tivoli-Vorplatz einbiegt, kommt es zu einem Zwischenfall. Zwei Kinder haben sich von einer Fußgängerbrücke, die über die Krefelder Straße führt, abgeseilt. Zwischen den Seilen spannen die acht und zehn Jahre alten Geschwister ein Spruchband auf: „Eure Gier kostet unsere Zukunft“ ist darauf zu lesen. Der Protestzug muss wegen der Aktion kurz gestoppt, die Route spontan angepasst werden. Die schier endlose Menschenmasse wechselt die Straßenseite. Die Kinder seilen sich ab.

Auch ein paar Meter weiter sind illegal Seile aufgespannt worden. An der CHIO-Fußgängerbrücke hängen zwischen den Stahlseilen vier Kletterer der Aktionsgemeinschaft „Robin Wood“. „Klimaschutz statt Kohleschmutz“ fordern sie auf einem weißen Transparent. Die Polizei lässt sie gewähren. „Oberste Priorität genießt die Unversehrtheit der Kletterer“, sagt am Nachmittag Nils Heinichen, Sprecher der Aachener Polizei. „Deshalb fahren wir eine defensive Strategie.“ Aktiv greift die Polizei erst am frühen Abend ein, als einige Aktivisten ein seit 2014 leer stehendes Gebäude besetzen.

Positive Bilanz

Davon abgesehen ist die Bilanz des Tages durchweg positiv. „Auf einer Skala von eins bis zehn? Zwölf!“, wertet Rosalie Münz, Sprecherin des Organisationsteams, ihre Begeisterung über den Erfolg der ersten internationalen Großdemo von „Fridays for Future“ mit Teilnehmern aus insgesamt 17 Ländern. Nicht nur Rosalie, auch Tausende andere verleihen ihrer Freude bei der zentralen Kundgebung auf dem Tivoli-Vorplatz tanzend Ausdruck.

Neben Culcha Candela treten auch Moop Mama und die ehemaligen Gewinnerin des Eurovision Song Contests Ruslana Lyschytschko auf. Zu dem Zeitpunkt haben sich allerdings schon zahlreiche Demonstrationsteilnehmer auf den Heimweg gemacht. Am Abend schätzt der Veranstalter die Gesamtteilnehmerzahl auf rund 40.000 Menschen. Auch prominente Gäste wie der Aachener Youtuber Rezo und Anton Hofreiter, Vorsitzender der grünen Bundestagsfraktion, gehören dazu.

Dass die Mitstreiter von „Fridays for Future“ das Thema Nachhaltigkeit nicht nur laut besingen können, sondern auch leben, bestätigt am Abend der Aachener Stadtbetrieb: „Der Stadtreinigung machten die jungen Leute keine Arbeit, es fiel kein nennenswerter Müll auf den Demonstrationswegen und am Veranstaltungsort, dem Vorplatz des Tivoli, an“, so die positive Bilanz.

Spätestens am Sonntag wird sich zeigen, ob die jungen Menschen diesen positiven Eindruck auch langfristig bestätigen können. In der Nacht zum Samstag wird es zumindest im „Parkhotel“ deutlich voller als in der Nacht zuvor: Die Stadt rechnet mit rund 2500 Übernachtungsgästen. Ob Zoë wieder ihr Sieben-Stunden-Pensum einhalten wird, dürfte also fraglich sein. Stören wird sie es aber vermutlich nicht.

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