Aachen: Frauen helfen Frauen: „Nun muss mehr Geld ins System“

Aachen : Frauen helfen Frauen: „Nun muss mehr Geld ins System“

Vor wenigen Tagen ist in Deutschland die Istanbul-Konvention in Kraft getreten, ein Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt. 27 Staaten haben den Vertrag mittlerweile ratifiziert und ihn damit für sich rechtskräftig und verbindlich gemacht.

Der Aachener Verein Frauen helfen Frauen begrüßt das Inkrafttreten der Istanbul-Konvention. „Die Menschenrechtskonvention bedeutet mehr Rechte für Frauen, die von Gewalt betroffen sind“, stellt Diplom-Sozialpädagogin und Sozialarbeiterin Natalie Djurkovic zufrieden fest.

Gleichwohl weist sie darauf hin, dass es mit dem 122-seitigen Vertragswerk allein nicht getan sei. „Die Konvention verlangt eine aktive Gleichstellungspolitik, um geschlechtsspezifische Gewalt zu bekämpfen.“ Dafür aber seien Hilfsangebote nötig, die gut erreichbar und personell so ausgestattet sind, dass sie Hilfe leisten können. Leider fehle oft das nötige Geld.

„Die Frauenhäuser zum Beispiel sind komplett überfüllt“, beklagt Djurkovic. 21 Plätze gebe es in den beiden Einrichtungen in der Stadt Aachen und im Altkreis. „Aber ich habe hier oft Frauen in der Beratung sitzen, die ich bis zu 300 Kilometer weit weg schicken muss, damit sie in einem Frauenhaus Schutz finden.“ Gerade in einer familiären Krisensituation, weiß die Beraterin, wollten Frauen aber zum Beispiel ihre Kinder nicht auch noch aus dem vertrauten Umfeld reißen. „Da bleiben manche sogar lieber bei ihrem prügelnden Ehemann zu Hause.“

Gelder für vier Jahre bewilligt

Für das Beratungsteam steht daher fest: „Mehr finanzielle Mittel müssen bereitgestellt werden, um Opfer vor Gewalt zu schützen.“ Die Istanbul-Konvention ist eine Menschenrechtskonvention, betont Djurkovic. „Da sehen wir die Politik in der Pflicht.“

Seit 2006 ist die Aachener Beratungsstelle auch Interventionsstelle bei häuslicher Gewalt für den Bereich der Stadt Aachen. Sie unterstützt, berät und informiert auf Grundlage des Gewaltschutzgesetzes. Bei Fällen von häuslicher Gewalt übermittelt die Polizei Adresse und Telefonnummer des Opfers an die Beratungsstelle — allerdings nur, wenn die betroffenen Frauen damit einverstanden sind. „In anderen Bundesländern leitet die Polizei in jedem Fall die Daten der Opfer weiter“, sagt Djurkovic „Das müsste bundesweit so sein.“

Sie ist überzeugt: Mitten in einem laufenden Polizeieinsatz lehnt manche Frau vielleicht die Vermittlung an eine Beratungsstelle ab. „Würden alle betroffenen Frauen von uns zumindest über Hilfsangebote informiert, dann würde manches Opfer vielleicht nicht in einer gewalttätigen Beziehung ausharren.“

Stichwort Finanzen: Die Stellen bei Frauen helfen Frauen in Aachen werden von der Städteregion und vom Land NRW finanziert. „Bis vorletztes Jahr mussten wir die Mittel jedes Jahr aufs Neue beantragen“, erinnert sich Djurkovic. Erstmals sind die Gelder nun für vier Jahre bewilligt. „Zum ersten Mal in 40 Jahren bedeutet das finanzielle Kontinuität.“ 20 000 bis 25 000 Euro muss die Beratungsstelle dennoch jedes Jahr in Eigenregie aufbringen. „Da sind wir froh um jedes dicke Bußgeld, von dem wir profitieren“, gesteht Djurkovic.

Die Nachfrage nach Hilfe steigt unterdessen seit Jahren. „Im vergangenen Jahr haben wird mehr als 600 Frauen beraten“, bilanziert Djurkovic. Bei der Interventionsstelle gingen mehr als 200 Mitteilungen der Polizei ein. Bei derart großem Bedarf sei eigentlich mehr Personal nötig. Dann müssten Hilfe suchende Frauen nicht bis zu zwei Wochen auf einen Beratungstermin warten.

Dann müssten in den offenen Sprechstunden, die es immerhin viermal pro Woche gibt, nicht manchmal sogar Frauen wieder weggeschickt und auf einen anderen Tag vertröstet werden. Für Natalie Djurkovic steht fest: „Jetzt, da die Istanbul-Konvention geltendes Recht ist, muss mehr Geld ins System.“

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