Frau in Aachen zeigt sexuellen Missbrauch an, nun stand sie vor Gericht

Aus Opfer wird Angeklagte : Frau zeigt sexuellen Missbrauch an, dann steht sie selbst vor Gericht

Als Jessica Plum am späten Abend des 7. Mai 2017 im Polizeipräsidium auftauchte, gab sie sich als Opfer eines Sexualdelikts aus. Sie zeigte eine versuchte Vergewaltigung und Körperverletzung an. Jessica Plum, die nicht so heißt, zeigte an diesem Sonntag einen Unbekannten an, der sie auf dem Nachhauseweg in Würselen nachts gegen 1 Uhr überfallen und massiv bedrängt habe.

Als Jessica Plum vor ein paar Tagen vor dem Landgericht erschien, war aus dem vermeintlichen Opfer eine Angeklagte geworden. Die Staatsanwaltschaft hielt ihr vor, sie hätte eine Straftat vorgetäuscht. Das Gesetz sieht bei Verurteilung einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe vor. Dazu ist es nicht gekommen. Vor dem Amtsgericht war sie schon Anfang des Jahres von diesem Vorwurf freigesprochen worden. Die Staatsanwaltschaft hatte dagegen Berufung eingelegt, die sie vor Verhandlungsbeginn am Landgericht nun zurückzog.

In ihrer Anzeige schilderte die 21-Jährige, dass sie an einem Maiabend auf einem schmalen Fußweg in Würselen überfallen worden war. Ein Mann sei ihr entgegen gekommen, habe sie am Hals gepackt und mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Anschließend habe er sie in die Unterlippe gebissen, um sie küssen zu können. Der Mann – so steht es in der Anzeige – habe versucht, ihre Hose auszuziehen und ihr in den Intimbereich zu greifen. Dabei sei sie auch dort verletzt worden. Der Übergriff endete erst, als sie ihr Pfefferspray einsetzen konnte, so hat die junge Frau ihr Martyrium beschrieben.

Das Ermittlungsverfahren begann und wurde ziemlich schnell wieder eingestellt. Die Ermittlungsbehörden hegten Zweifel an dem geschilderten Ablauf. Jessica Plum hatte einen falschen Tatzeitpunkt angegeben. Sie wollte, so hat sie später ausgesagt, einen Mann, den sie vorher besucht hatte, aus diesem Verfahren heraushalten und gab eine falsche Uhrzeit an. Der Grund: Der Mann habe bei sich zu Hause Betäubungsmittel gelagert.

„Erlebnisorientierte“ Schilderung

Das Verfahren gegen unbekannt wurde bald danach eingestellt, stattdessen wurde Jessica Plum von der Staatsanwaltschaft im Januar dieses Jahres vor dem Amtsgericht angeklagt. Sie hätte die Tat frei erfunden, lautete der Vorwurf. Das Gericht sah die Dinge aber ganz anders und sprach sie frei. Sie bewertet den Geschehensablauf als „erlebnisorientiert und in sich nachvollziehbar“, so steht es im Urteil. Diesen Eindruck hätten auch die Ermittlungsbeamtinnen gehabt, als die junge Frau ihre Anzeige erstattete.

Die Polizistinnen veranlassten damals sofort eine Tatortbegehung und eine medizinische Untersuchung. Vor Gericht beschrieb ein Sachverständiger, dass er tatsächlich diverse Verletzungen bei Jessica Plum festgestellt habe. Der Mediziner konnte die Verletzungen im Einklang mit ihrer Schilderung bringen, sagte er dem Gericht.

Der Freispruch für Jessica Plum erfolgte nicht nur, weil der Richter überhaupt kein Motiv ausmachen konnte. „Gegen die Annahme einer frei erfundenen Geschichte der Angeklagten spricht, dass sie dann die dokumentierten Verletzungen sich hätte selbst zufügen müssen, was eine große psychische Hürde darstellt.“ Das Gericht registrierte auch keine psychischen Probleme oder ein gesteigertes Verlangen nach Aufmerksamkeit bei der jungen Frau.

In diesem Verfahren, so schildert es ihre Strafverteidigerin Susanne Fischer (Aachen), sei die junge Frau noch ein weiteres Mal zum Opfer geworden. Ihr Sexualleben sei auf „großer Bühne“ ausgebreitet worden, reihenweise wurden Zeugen aufgerufen, die ihren Leumund beschädigen sollten. Selbst ihre Mutter wurde als Zeugin mit unangenehmen Details aus dem Vorleben ihrer Tochter bewusst konfrontiert sagt Fischer. „Die Staatsanwaltschaft hat dabei überhaupt nicht ins Kalkül gezogen, dass sie tatsächlich ein Opfer gewesen sein könnte und wie sie dieses Verfahren dann erleben musste.“

Zu den unangenehmen Prozesserfahrungen gehörten auch die Zeugenaussagen eines Ex-Freundes, die Beziehung war nicht gut auseinandergegangen. Das Gericht machte bei ihm eine „spürbare Belastungstendenz aus. Seine Angaben waren widersprüchlich, nicht nachvollziehbar und konnten nicht belegt werden.“

Das Berufungsverfahren vor der 4. kleinen Strafkammer vor ein paar Tagen wurde beendet, bevor es begonnen hatte. Die eingeteilte Staatsanwältin sah nicht, an welchen Punkt sie das Urteil hätte angreifen können, teilte sie mit. Da auch keine neuen Beweismittel aufgetaucht seien, zog sie die Berufung, die ihre Behörde selbst eingelegt hatte, wieder zurück. „Die Entscheidung, die Berufung zurückzunehmen erfolgte nach dem Grundsatz ‚in dubio pro reo‘,“ sagt die Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Warum die Behörde die Berufung nicht schon vorher zurückgezogen habe, blieb offen.

Tränen am Landgericht

Als die Verhandlung am Landgericht so schnell vorbei war, kullerten bei Jessica Plum die Tränen. Die Anspannung löste sich. Sie wollte sich nicht als Opfer und auch nicht als Lügnerin fühlen. Die Familie war mitgekommen, ihre Mutter umarmte sie. Die Mutter hatte sie an diesem Sonntag im Mai erst überredet, Anzeige zu erstatten. Die Tochter hatte sich zunächst geweigert. „Ich will nicht als Opfer wahrgenommen werden“, hatte sie ausgesagt. Ihre Mutter überzeugte sie vom Gegenteil, Jessica Plum unterzog sich durchaus unangenehmen körperlichen Untersuchungen.

Die 21-Jährige ist nun keine Beschuldigte mehr, aber sie hat kein Interesse daran, dass das Ermittlungsverfahren nach so langer Zeit noch einmal aufgerollt wird, was ohnehin nicht erfolgversprechend sei, sagt Fischer. „Sie hat zwei Jahre gelitten und möchte einfach Ruhe haben.“

Auch die Staatsanwaltschaft, die mit ihrer Anklage gescheitert ist, sieht keinen Anlass, die Ermittlungen gegen den bis heute unbekannten Angreifer noch einmal aufzunehmen.

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